# taz.de -- Kolumne Neue Ökos: Die Über-Hippies aus Arcata
       
       > Nichts als Hippies in Arcata. Die coole Gemeinde in Nordkalifornien ist
       > nicht nur ein bisschen bio und dope, sondern füllt das Wort "progressiv"
       > mit neuer Bedeutung.
       
       Rick vom Dutch Brothers Coffee Drive-Thru in Crescent City sagte nur fünf
       Worte, als er hörte, dass wir auf dem Weg nach Arcata waren. "Die Stadt der
       Hippies. Cool". Aus heutiger Sicht kann ich nur sagen: Bei Gott, das ist
       es.
       
       Hippies? Penelope und Adorno waren auch sofort elektrisiert. Zumindest
       ließen sie tatsächlich ihre Gameboys fallen und schauten aus den Fenstern,
       als wir mit dem Prius in Arcata einfuhren. Das würden diese
       technikbesessenen Kinder nicht mal für den Grand Canyon tun.
       
       Da, die erste Fußgängerin. "Ist das ein Hippie?", fragten sie aufgekratzt.
       "Klar", sagte ich.
       
       "Und das Pärchen da?" - "Hippies."
       
       Sie fiepten: "Aber der in dem Anzug nicht?" - "Doch. Eindeutig Hippie."
       
       Es mussten Hippies sein, das sieht man schon daran, dass sie zu Fuß gehen.
       Das macht ein normaler Kalifornier nicht.
       
       Arcata liegt an der kalifornischen Pazifikküste, 270 Meilen nördlich von
       San Francisco, ist atomwaffenfreie Zone, hat 17.000 Einwohner, eine
       progressive Öko-Uni namens Humboldt State, eine außergewöhnlich schöne
       Plaza, keine Hochhäuser und funktioniert tatsächlich zu Fuß. Perfekt? Na
       ja, nicht ganz: In den Zeitungen inserieren Anwälte "für
       Marihuana-Probleme". Die gibt es also. Obwohl die Arcata Police eigentlich
       die Nase zudrückt. Der Arcata-Lebensstil hat sich entwickelt aus der
       Protestbewegung von 1967/68. Dropouts und Leute, für die es Südkalifornien
       und irgendwann auch San Francisco nicht mehr brachte, zogen auf der Suche
       nach einem besseren Leben Richtung Norden.
       
       Da bauen sie jetzt Solarpanels oder pflanzen Biogemüse an und verkaufen es
       samstags beim Farmers Market auf der Plaza (Siehe YouTube: "The Arcata
       Farmers Market" und "hippies gone wild".) Aber Arcata ist nicht nur ein
       bisschen bio und dope. Sicher gibt es Hippies, die "White Rabbit" summend
       im Gestern leben. Und Leute, die in staubigen Secondhand-Buchläden über
       Klassenkampf sinnieren. Es gibt aber auch Hipster von heute, die das Wort
       "progressiv" mit neuer Bedeutung füllen. "Progressiv" denken und leben im
       21. Jahrhundert hat eine eine zentrale ökologische Dimension. Das hat
       Arcata verstanden. Und lebt es.
       
       Was anderswo Alternative ist, ist in Arcata Mainstream. Man sieht es auch
       daran, dass ein entscheidender Ort, der Haupteinkaufsmarkt, nicht ein
       klassischer Supermarkt ist, sondern "Wildberrys Marketplace", wo es von
       lokalem Bio bis zur New York Times alles gibt, was Menschen, ihre Körper
       und ihren Geist glücklich machen kann.
       
       Warum Arcata? Eine Vermutung: Man tut sich hier einfacher, das individuelle
       und kollektive Lebensglücksmodell zu überarbeiten und das Progressive neu
       zu interpretieren, weil der Ansatz globaler Gerechtigkeit und das
       Neohedonistische der neuen Ökobewegung hier schlüssig mit dem Konservativen
       koaliert, dem traditionellen nordkalifornischen Bewahrungsgedanken der
       Natur. Die Leute haben ihre eigene Wirklichkeit verändert. So was geht.
       
       Kann sein, dass ich einen Romantikanfall habe. Kann sein, dass einem in
       Arcata der kalifornische Himmel auf den Kopf fällt. Kann aber auch nicht
       sein. "Kinder, mal herhören", sagte ich, "wir ziehen nach Arcata." Tumulte.
       Entsetzen.
       
       "Menno, sagen wir, für sechs Monate." Schreikrämpfe.
       
       "Drei Monate werden doch wohl drin sein?" Das ginge auf keinen Fall. Wegen
       Penelopes Freundinnen. Wegen Fritz. Und Adornos anderer Kumpels, deren
       Namen seltsamerweise alle mit "L" beginnen.
       
       Ein starkes Argument.
       
       Ich sagte: "Okay. Entweder wir gehen zurück. Oder wir holen uns Arcata
       hierher." Sie sahen sich an. "Ja ja", säuselten sie in seltener Einigkeit.
       "Wir holen uns Arcata hierher."
       
       Ich habe ihr Wort.
       
       2 Oct 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Peter Unfried
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA