# taz.de -- Rita Süssmuth über Schwarz-Gelb: „Konsens und Kompromiss sind nötig“
> Bildung und Integration sollten zentrale Anliegen der Koalition sein,
> sagt die einstige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU). Sie fordert,
> mehr Frauen und Migranten in die Regierung zu holen.
(IMG) Bild: Bundeskanzlerin Angela Merkel und die CDU-Abgeordnete Maria Böhmer, die Beauftragte der Bundesregierung für Migration
taz: Frau Süssmuth, am Montag beginnen die Koalitionsverhandlungen. Wird
das eine Regierung der sozialen Kälte?
Rita Süssmuth: Die Gefahr sehe ich nicht. Das war vor vier Jahren anders.
Nicht nur die Bundeskanzlerin hat in dieser Zeit dazugelernt, sondern auch
die FDP. Wichtig ist, dass der Staat den Zusammenhalt in der Gesellschaft
erhält, das Wir-Gefühl stärkt und die Leistungslust fördert.
Steuersenkungen, Kündigungsschutz, Gesundheitsfonds: Sind das die
dringlichen Themen der nächsten Jahre?
Diese Themen sind wichtig. Aber es muss deutlich werden, dass die Belange
aller Bevölkerungsgruppen bedacht werden. Denken Sie an die Jugendlichen
ohne Ausbildungsplatz, an die alleinerziehenden Mütter oder an die
Hartz-IV-Empfänger. Wenn wir weniger Geld für Transferleistungen ausgeben
wollen, dann ist Bildung ein zentrales Thema.
Die Bildungskompetenz hat der Bund allerdings komplett an die Länder
abgegeben.
Der Einfluss des Bundes ist gar nicht gering. Ob es die Ganztagsschulen
sind, der Ausbau der Kinderbetreuung oder der Hochschulpakt – überall ist
der Bund beteiligt, zumindest als Zahler.
Auf Landesebene hat sich die CDU bislang nur in Hamburg von den Grünen zu
einschneidenden Reformen drängen lassen. Warum sollte es im Bund besser
sein, ohne den Druck eines Koalitionspartners?
Die FDP räumt der Bildung breiten Raum ein. Aber es geht ja nicht nur um
Koalitionsdruck. Der demografische Wandel zwingt zu Bildungsreformen. Das
beste Beispiel sind unsere Grundschulen. In mehreren Bundesländern haben
wir schon ein zweigliedriges Schulsystem. Als Erziehungswissenschaftlerin
weiß ich, dass wir heterogene Lerngruppen brauchen. Wenn wir die Kinder zu
früh trennen, werden die Zurückgebliebenen schwächer.
Ohne zusätzliches Geld wird es kaum gehen. Wie realistisch sind dann
Steuersenkungen?
Ich sehe Steuersenkungen in großem Umfang nicht. Verbesserungen sind nötig
für kleine und mittelständische Betriebe, ebenso für Familien.
Steuersenkungen für alle sozialen Schichten werden nicht möglich sein.
Bildungspolitik hängt eng mit der Integrationsfrage zusammen. Die dafür
zuständige Staatsministerin war in der letzten Wahlperiode kaum sichtbar.
Das sehe ich nicht so. In der letzten Wahlperiode erfolgte in der
Integrationspolitik ein Durchbruch.
Allerdings eher über den Innenminister oder die Kanzlerin.
Es war wichtig, dass sich die Kanzlerin dieses Themas annahm. Sie
vermittelte Migrantinnen und Migranten das Gefühl: Wir sind hier erwünscht.
Unterstützen Sie den Wunsch nach einem vollwertigen
Integrationsministerium?
Derzeit gibt es Zuständigkeiten vor allem im Innenministerium, im Bildungs-
und im Arbeitsressort. Diese Kompetenzen müssen wir in einem Haus bündeln.
Das Wie ist Aufgabe der Koalitionspartner. Unbedingt fortzusetzen ist die
Islamkonferenz.
Was muss die Regierung auf diesem Feld vor allem tun?
Bei der Integration sind wir vorangekommen, bei der Zuwanderung noch nicht.
Wir können mit erweiterten Auswahlkriterien nicht warten, bis die
Arbeitslosigkeit abgebaut ist oder alle Integrationsprobleme gelöst sind.
Wir brauchen nicht nur Hochqualifzierte, sondern auch Auswahlverfahren für
dringend benötigte Fachkräfte.
Als Erfolg der letzten Wahlperiode galt die Familienpolitik. Wird dieser
Kurs fortgesetzt?
Ich sehe keine Alternative. Schon zu meiner Zeit als Ministerin haben wir
über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestritten. Da ist keine Zeit
zu verlieren.
Wie wichtig ist eine Frau als Bundeskanzlerin für die Frauen- und
Familienpolitik?
Eine Frau als Bundeskanzlerin hat gezeigt: Wir sind auch an diesen Aufgaben
zu beteiligen, und wir sind dabei nicht schlechter als Männer. Wir dürfen
als Frauen aber nie vergessen, woher wir selbst kommen und wie sehr wir die
Anwaltsfunktion für andere Frauen oder für Menschen in besonderen
Problemlagen wahrzunehmen haben. Nicht polarisierend, sondern an der Lösung
der Probleme orientiert. Konsens und Kompromiss sind nötig, damit die
Auseinandersetzungen nicht auf der Straße stattfinden. Mit einer
Sozialdemokratisierung, die der Kanzlerin vorgeworfen wird, hat das nichts
zu tun.
Bei der Kabinettsbildung sind vor allem männliche Kandidaten im Gespräch.
Werden Frauen in der neuen Regierung angemessen vertreten sein?
Mir ist momentan zu viel davon die Rede, ob wir genügend Ältere oder
Jüngere im Kabinett haben werden. Von Frauen ist wenig die Rede. Da setze
ich auf Angela Merkel. Sie weiß, dass Frauen nicht eo ipso beteiligt
werden. Es gehört zur repräsentativen Demokratie, dass alle
Bevölkerungsgruppen vertreten sind. Der Bundesrepublik würde es gut
anstehen, dabei auch die Migranten nicht zu vergessen.
Ein Migrant muss in der neuen Regierung vertreten sein?
Das müsste eine Selbstverständlichkeit sein.
4 Oct 2009
## AUTOREN
(DIR) Ralph Bollmann
## TAGS
(DIR) Rita Süssmuth
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