# taz.de -- Stuttgart 21: Kampf um den Megabahnhof
       
       > Die Stadt ist gespalten, die Kontrahenten bekriegen sich, die Bahn AG
       > rechnet noch. Nächste Woche soll der Baustart für Deutschlands größtes
       > Verkehrsprojekt bekannt gegeben werden.
       
 (IMG) Bild: Stuttgart 21: "schöne neue Bahnwelt" im Herzen der Ländle-Metropole.
       
       STUTTGART taz | Der Streit um das Megavorhaben Stuttgart 21 wird schärfer.
       Der Sprecher des Projekts, der SPD-Politiker Wolfgang Drexler, warf den
       Gegnern Panikmache vor. Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster
       (CDU) warnte die Bahn AG davor den Bau des unterirdischen Hauptbahnhofes
       doch noch abzublasen. Der Gemeinderat Gangolf Stocker, der einer der
       Anführer der Proteste ist, nennt die Befürworter in der sonntaz eine
       "Mafia".
       
       Bund, Land, Stadt und Bahn wollen den Stuttgarter Hauptbahnhof samt
       kilometerlanger Tunnelanlagen unter die Erde verlegen. Der neue Tiefbahnhof
       soll den alten Kopfbahnhof ersetzen. Nächste Woche will Drexler den Termin
       für den Baubeginn bekannt geben. Es handelt sich nach Angaben der Bahn AG
       um das größte Infrastrukturprojekt Deutschlands.
       
       Gegner des Projekts, Bürgerinitiativen, die Grünen, Die Linke,
       Naturschützer um BUND und Verkehrsclub Deutschland, fordern seit Jahren,
       den alten Kopfbahnhof zu erhalten und umfangreich zu erneuern. Sie hoffen
       nun, dass die Pläne für den Tiefbahnhof in einem neuen Finanzierungsstreit
       kippen.
       
       Die Bahn will die Finanzierung allerdings bis Ende des Jahres nochmals
       durchrechnen. Bahnchef Rüdiger Grube kündigte bereits an, die ursprünglich
       kalkulierten 3,076 Milliarden Euro würden nicht reichen. Der designierte
       Ministerpräsident Baden-Württembergs, Stefan Mappus, schloss vorsorglich
       aus, die finanzielle Beteiligung des Landes zu erhöhen.
       
       Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU), nimmt die Bahn
       bereits in die Pflicht. Für den Fall, dass die Bahn Mehrkosten entdeckt,
       sagte er taz.de: „Dann muss man reden, warum die Bahn nach so vielen Jahren
       Planung nicht richtig kalkuliert hat. Wir sind elf Jahre in Verzug, eine
       weitere Verzögerung kann den Bürgern niemand mehr verständlich machen. Im
       nächsten Jahr muss wie geplant mit dem Bau von Stuttgart 21 begonnen
       werden." Die Pläne für Stuttgart 21 waren 1994 der Öffentlichkeit
       vorgestellt worden.
       
       Drexler attackierte die Gegner von Stuttgart 21. "Die erzählen den Leuten
       doch tatsächlich, es drohe eine Einsturzkatastrophe wie in Köln", sagte er
       der sonntaz. "Das steht auch in ihrem Flyer, der in ganz Stuttgart verteilt
       wurde. Ältere Leute rufen bei mir an und denken, wir wären total irre.
       Reine Panikmache."
       
       "Der Drexler ist wie ein Lautsprecher, der ständig vor sich hinquatscht",
       sagte dagegen der Projektgegner Stocker der sonntaz. Der BUND wirft Drexler
       und dem Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner wiederum vor, bewusst Fakten zu
       verdrehen: "Es ist sachlich falsch und unredlich, die Neubaustrecke von
       Stuttgart nach Ulm untrennbar mit dem Prestigeprojekt Stuttgart 21 zu
       verknüpfen", sagte BUND-Regionalgeschäftsführer Ralf Stolz taz.de.
       
       Auch in der SPD ist Streit ausgebrochen. Die Partei unterstützt Stuttgart
       21 seit Jahren. Die Kandidatin für den Landesvorsitz der SPD, Hilde
       Mattheis, forderte aber in dieser Woche, die Pläne für den neuen
       Tiefbahnhof fallen zu lassen. Auch mehrere Ortsvereine wollen auf dem
       nächsten Landesparteitag Ende November ein Ausstieg aus Stuttgart 21
       beschließen. Der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner gab sich empört: "Das
       ist ein Tritt in den Hintern der Sozialdemokraten im Raum Stuttgart".
       
       Neben Stuttgart 21 ist eine Bahn-Neubaustrecke nach Ulm geplant, die auch
       unter Gegnern von Stuttgart 21 unumstritten ist und als wichtiges Vorhaben
       gilt. Die Strecke könnte auch ohne den Stuttgarter Tiefbahnhof gebaut
       werden. In einer doppelseitigen Reportage erzählt die sonntaz, wie die Idee
       des Projektes entstand, wie es auf den Weg gebracht wurde und schließlich
       die Stadt tief spaltete. Der taz-Kolumnist Georg Seeßlen befasst sich mit
       den Zukunftsvisionen der Großstädte zwischen Luxus und Zombietown.
       
       20 Nov 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ingo Arzt
       
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