# taz.de -- Kommentar Gentrifizierung: Stadt der Zukunft: Zombietown
> Die Zukunftsstadt behandelt die Bewohner, als seien sie eigentümliche
> Parasiten-Schwärme. Und öffentliche Räume funktionieren nur noch als
> soziale Selektionsmaschinen.
(IMG) Bild: "Es hat sich in den Jahren verdammt viel aufgestaut"
Science-Fiction-Fans wissen es seit einem halben Jahrhundert: Die Stadt der
Zukunft wird aus einem geschützten Luxusraum der Superreichen und einem
endlos wuchernden Slum bestehen. Unsere Städte folgen nämlich einerseits
der Logik des Kapitals und andrerseits der Logik des Todestriebs. An vielen
Stellen sehen sie aus, als sei ihnen bereits das Bewohntwerden zum Gräuel
geworden, als wären Menschen für sie nur ein eigentümlicher
Parasitenbefall. Die gültigste Metapher für den Restmenschen in den zu Tode
sanierten und gleichzeitig zu Tode verkommenen Städten ist der Untote, ist
der Zombie.
Dass unsere zukunftsorientierten Städte - siehe Hamburg, siehe Stuttgart -
aus einem zirkulären System von Gentrifizierung und Verslummung entstehen,
was die Wohngebiete anbelangt, sind wir seit geraumer Zeit gewohnt. Und die
dazugehörigen Tragödien kennen wir auch: Ein Viertel wird saniert, die
alten Mieter, die entweder die steigenden Kosten nicht mehr tragen können
oder ganz einfach zum neuen Typus des Anwohners nicht mehr passen, werden
hinausgedrängt. Dabei geht man indirekt und nicht selten auch direkt über
Leichen. In derselben Logik und in denselben Strukturen, in denen man ein
Viertel sozial und kulturell mörderisch "sanieren" kann, kann man ein
anderes "verkommen lassen". Beide Strategien sind für die
Immobilienbesitzer und ihre Nutznießer (auch in der Politik) profitabel.
Zudem machen sie die Dynamik des Systems aus, denn der Wert einer Immobilie
ist kein absoluter, sondern ein relationaler. Sonst würde sich das
Spekulieren ja nicht lohnen.
In der neoliberalen Welt, in der die Lebensgrenze nicht mehr zwischen
Fabrik und Wohnung verläuft, sondern zwischen Schlafen und Kaufen, werden
schließlich auch die öffentlichen Räume, wie etwa der Bahnhof,
gentrifiziert. Der soziale Zugang soll beschränkt werden. Es werden soziale
und kulturelle Aufenthalts- und Verständigungsorte geschaffen, zu denen
Verlierer keinen Zutritt mehr haben. Wer hier "bleibt", auch nur für eine
gewisse Zeit, der muss das nötige Geld haben, und das fängt bei der
Toilettenbenutzung an.
Eine klassisch-kapitalistische Stadtentwicklung hat einen ihrer Motoren in
der Differenz der Immobilienpreise zwischen Zentrum und Peripherie. Die
Gentrifizierung teilt die Bewohner eines Wohnviertels: Die einen gehen ins
Ghetto, die anderen fliehen in die Peripherie. Damit wird jedes Mal der
Druck im Ghetto erhöht, und die Preise in der Peripherie steigen. Dieser
Preisspirale hält in aller Regel nicht einmal der sich sicher wähnende
"kleine Hausbesitzer" stand. Der Weg dann geht entweder zurück in die
Städte, das heißt in die Ghettos, oder noch weiter an die Peripherie.
Gentrifizierung erzeugt also ganz direkt jene Megacity, die keinen
kulturellen Zusammenhang mehr hat und die letztlich nichts anderes mehr
kontrolliert als Geld, Blut und Droge. Die öffentlichen Räume sind dabei
soziale Selektionsmaschinen, wie es früher die Stadttore waren. Womit wir
wieder bei den Zombies wären. In der Science-Fiction legen sie und andere
Verlierer des Neoliberalismus die gentrifizierten öffentlichen Räume in
Schutt und Asche.
21 Nov 2009
## AUTOREN
(DIR) Georg Seesslen
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