# taz.de -- Piratin Amelia Andersdotter: Im Parlament dank Lissabon
       
       > Mit dem Inkrafttreten des Lissabon-Vertrags verdoppelt die Piratenpartei
       > ihre Präsenz im EU-Parlament. Amelia Andersdotter hat Attac-Wurzeln und
       > wird die jüngste EU-Parlamentarierin aller Zeiten.
       
 (IMG) Bild: Amelia Amersdotter bei einer Demonstration im Mai 2009
       
       Ab 1. Dezember wird Amelia Andersdotter die Präsenz der Piratenpartei im
       EU-Parlament verdoppeln. Für die ersten Monate erst einmal nur als
       „Beobachterin“, bis alle Mitgliedsstaaten das entsprechende Zusatzprotokoll
       zum Lissaboner Vertrag unterzeichnet haben.
       
       Mit dessen Inkrafttreten bekommt Schweden zwei zusätzliche Abgeordnete in
       Brüssel – ein Mandat entfällt dabei auf die bei der Europawahl mit 7,1
       Prozent erfolgreichen Piraten. Und die 22-jährige Studentin wurde auf Platz
       2 der „Piratpartiet“-Liste gewählt. Der drei Jahre älteren Dänin Emilie
       Turunen hat die Schwedin den Rang als derzeit jüngste Europaabgeordnete
       abgelaufen und ist nun jüngste EU-Parlamentarierin aller Zeiten.
       
       Von einer Studentenbude in der Universitätsstadt Lund nach Brüssel – ein
       wenig nervös macht das schon: „Eine Zeitlang hatte ich Panik.“ Eigentlich
       will sie auch gar keine Politikerin werden. Da müsse man immer eine
       bestimmte soziale Rolle spielen, sich im Griff haben und mit mehr Autorität
       auftreten, als sie es bislang gewohnt sei. „Und man kann auch nicht einfach
       in Schlappen und T-Shirt ankommen.“ Die Abgeordnetenrolle werde sie wohl
       verändern und sie werde sich ändern müssen. „Ich will ja, dass man mich
       ernst nimmt und mir zuhört. Vielleicht sollte ich mir eine Bass-Stimme
       zulegen“, flachst sie.
       
       Das muss sie sicher nicht. Selbst ohne Bass-Stimme überzeugte Andersdotter,
       die aus der ausserparlamentarischen Linken 2006 zur Piratenpartei kam, in
       der schwedischen Europawahlkampagne auch bei der Konfrontation mit
       gestandenen PolitikerInnen.
       
       Bei politischen Debatten sammelte sie durch Sachwissen und ihr gewandtes
       Auftreten Punkte. Und ihre umfangreiche Fangemeinde kennt in Internetforen
       eigentlich nur ein kontroverses Thema zu Amelia mit dem Nick-Name
       [1][@teirdes]: Ihre Vokuhila-Frisur – vorne-kurz-hinten-lang -, die in
       Schweden auch längst out ist und dort „Hockeyfrilla“ genannt wird, weil sie
       in den achtziger Jahren vor allem bei Eishockeyspielern beliebt war.
       
       Nicht von Rudi Völler, sondern nach eigener Aussage schon als Sechsjährige
       von Roxettes Per Gessle hat sie sich die abgeguckt und seither nicht mehr
       geändert. Aber sie sei ja auch bei ihrem Musikgeschmack am Anfang der 80er
       Jahre hängengeblieben: „Ab 1984 wurde alles schlechter.“
       
       Ein Schock werde es für sie sicher werden, plötzlich so viel Geld zu
       verdienen. Derzeit finanziert die „Piratin“ ihr Mathematik-,
       Volkswirtschafts- und Spanisch-Studium mit 350 Euro im Monat, „Ich hatte
       bislang nie mehr als monatlich 800 Euro und plötzlich bekomm ich das
       zehnfache“.
       
       Davon will sie viel spenden. Vorwiegend an Gruppen, in denen sie selbst
       aktiv ist. Neben der Piratenpartei Attac, die linke Kulturgruppe Ordfront,
       Amnesty und bei den Vereinten Nationen der Frauenentwicklungsfonds Unifem.
       Vielleicht bekommt auch „Nova science fiction“, Schwedens grösste
       Science-Fiction-Zeitschrift, in deren Redaktion sie sitzt, etwas ab. „Und
       meine bisherigen Studienschulden kann ich in zwei Monaten abzahlen.“
       
       Kommt sie nur aufgrund des Lissabon-Vertrags ins Parlament, steht sie
       diesen doch vorwiegend kritisch gegenüber: „Der europäischen Demokratie ist
       nicht damit gedient, dass man einen solchen unpopulären Vertrag einfach
       durchdrückt.“
       
       Als Einfragepartei mit begrenztem politischem Repertoire sieht sie die
       Piratenpartei nicht. Neben Integritätsfragen, um die sich schon ihr
       „Mitpirat“ im Parlament, Christer Engström kümmert, will sie sich auf
       handelspolitische Fragen spezialisieren. „Meiner Meinung nach betreibt die
       EU eine Linie in der externen Handelspolitik, die sowohl für die
       Entwicklung der EU, vor allem aber für die in den Dritte-Welt-Ländern ein
       Hindernis ist.“
       
       Das internationale Patentrecht sei nicht nur schlecht für die Konkurrenz,
       sondern auch schädlich: „Es führt dazu, dass die Menschen wie die Fliegen
       sterben, weil sie nicht die richtige Medizin bekommen.“ „Ich habe die
       Ambition etwas zu bewegen“, sagt Andersdotter. Und sie hofft, dass die
       Berge an EU-Akten ihr auch in Zukunft Zeit für ihre Lieblingslektüre
       lassen: Science-Fiction und Stan Sakais Mangaserie über Usagi Yojimbo.
       
       30 Nov 2009
       
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 (DIR) Amelia Andersdotter: Die Piratin in Brüssel
       
       Amelia Andersdotter ist gewählt, aber noch nicht im Amt. Im Januar traf sie
       in Brüssel ein und "hängt dort seither ab", wie sie sagt. Wie erlebt die
       junge Schwedin das Brüsseler Milieu?