# taz.de -- Untersuchung zum Ayodhya-Konflikt: Dunkler Fleck der Erben Gandhis
       
       > Die Kongresspartei schreibt die Geschichte um, wenn sie sich mit
       > Schuldzuweisungen aus der Mitverantwortung für anti-muslimische Progrome
       > herauszustehlen versucht.
       
 (IMG) Bild: Eine verschleierte Muslimin bei einer Demonstration in der Stadt Chennai am 6. Dezember 2009. Die indischen Moslems gedenken an diesem Tag der Erstürmung der Moschee von Ayodhya durch den hinduistischen Mob.
       
       DEHLI taz | Der Kronprinz suchte selbst die Nähe zum Tatort. "Indien könnte
       gut einen muslimischen Premierminister haben, nicht weil er einer
       bestimmten Gruppe angehört, sondern weil er oder sie die Fähigkeit dafür
       besitzt", sagte Rahul Gandhi auf Tour im nordindischen Bundesstaat Uttar
       Pradesh. Als Generalsekretär der regierenden Kongresspartei reist Gandhi,
       Urenkel des Republikgründers Jawaharlal Nehru, diese Woche durch Indiens
       bevölkerungsreichsten Bundesstaat, um muslimische Wähler zurückzugewinnen.
       
       Das ist hier besonders schwer, weil radikale Hindus vor 17 Jahren im
       Städtchen Ayodhya in Uttar Pradesh eine Moschee zerstörten. Sie stand
       angeblich am Geburtsort der hinduistischen Gottlegende Rama. Bis heute
       berührt der Name Ayodhya empfindlich das politische Bewusstsein der Inder,
       am empfindlichsten das der Muslime. Sie stellen 13 Prozent der Bevölkerung,
       die Hindus 80 Prozent.
       
       Die Muslime werfen der schon 1992 regierenden Kongresspartei vor, damals
       nichts gegen die radikalen Hindus unternommen zu haben. Für Rahul Gandhi
       ist das ein schweres Erbe. Seit 1992 verlor die Kongresspartei in Uttar
       Pradesh viele Wahlen, nicht zuletzt, weil ihr die muslimischen Wähler
       wegliefen. Seit Gandhi im letzten Jahr die Wahlkampfführung seiner Partei
       übernahm, kämpft er gegen das Erbe von Ayodhya. Nicht ohne Erfolg. Die
       Kongresspartei gewann bei der Parlamentswahl im Mai in Uttar Pradesh viele
       muslimische Stimmen zurück.
       
       Damit das so weitergeht, ist Gandhi diese Woche wieder in Uttar Pradesh und
       umgarnt die muslimische Bevölkerung. Denn sein Projekt geht weit über den
       Tag hinaus: Er will die Geschichte des 6. Dezember 1992 umschreiben. Seine
       Kongresspartei soll an den Ereignissen nicht mehr schuld sein.
       
       Gandhis Spiel hat diese Woche gleich zwei Schauplätze. Denn während er in
       der Provinz Basisarbeit verrichtet, tobt im indischen Parlament der Kampf
       um die Interpretation von Ayodhya. Anlass dafür gibt der Bericht einer
       Regierungskommission, die schon zehn Tage nach den Ereignissen in Ayodhya
       eingesetzt wurde, aber erst jetzt einen umfangreichen Bericht über die
       Geschehnisse vorgelegt hat. Darin wird die Führung der größten
       Oppositionspartei, der hindunationalistischen BJP
       (Bharatiya-Janata-Partei), angeklagt, die damalige Ausschreitungen bewusst
       provoziert zu haben.
       
       Neben dem heutigen BJP-Fraktionsführer im Parlament, Lal Krishna Advani,
       wird auch der ehemalige BJP-Premierminister Atal Behari Vajpayee, der
       später die Zerstörung der Moschee in Ayodhya bedauerte, der
       Mitverantwortung bezichtigt. Dagegen wird die Kongresspartei, die damals
       weder Soldaten noch Polizeiverstärkung nach Ayodhya schickte, von aller
       Schuld freigesprochen.
       
       Die BJP, die Indien mit Vajpayee von 1999 bis 2004 regierte, ist über den
       Bericht entsprechend empört. Sie streitet bis heute dafür, in Ayodhya am
       Platz der Moschee einen hinduistischen Tempel zu errichten. "Einen
       Rama-Tempel zu bauen, ist nicht nur ein hinduistisches Recht, es ist
       nationales Recht", polterte der BJP-Vorsitzende Rajnath Singh am Montag im
       Parlament.
       
       Das hilft dem Anliegen Rahul Gandhis. Denn nur noch ein harter Kern der BJP
       verteidigt heute die Zerstörung der Moschee. Der indische Mainstream hat
       die Fehler von damals längst erkannt. Was er dabei übersieht, sprach jetzt
       nur der Führer einer kleinen Oppositionspartei aus: "Kongresspartei und BJP
       waren damals verbündete Verbrecher", sagte Mulayam Singh, Chef der
       Samajwadi-Partei.
       
       9 Dec 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Georg Blume
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA