# taz.de -- Leiche des Mussawi-Neffen verschwunden: Die Lage im Iran spitzt sich zu
       
       > Bei Protesten in Teheran gab es über 300 Festnahmen und 15 Tote. Darunter
       > ist ein Neffe von Oppositionsführer Mussawi. Das Ausland kritistert Irans
       > Vorgehen scharf.
       
 (IMG) Bild: Demonstrant in Teheran.
       
       Nach offiziellen Angaben hat es bei den gewalttätigen Protesten am
       Wochenende acht Tote gegeben. Die Opposition hatte bereits am
       Sonntagnachmittag von vier Toten in Teheran und vier Toten in Täbris im
       Nordwesten Irans gesprochen. Diese Angaben wurden zunächst von der Polizei
       dementiert. Am Abend bestätigte die Polizei in einer Erklärung dann aber
       den Tod von fünf Personen. Vizepolizeipräsident Ahmad Reza Radan
       bezeichnete in einem Interview mit der halbamtlichen Agentur Fars die
       Todesfälle als "verdächtig". Jedenfalls habe die Polizei keine Waffen gegen
       Demonstranten eingesetzt, sagte er. Seinen Informationen zufolge sei einer
       von einer Brücke gestürzt, zwei weitere Personen seien von Privatfahrzeugen
       überfahren und ein Vierter unter höchst merkwürdigen Umständen durch
       Schüsse getötet worden.
       
       Laut Radan wurden etwa 300 Demonstranten festgenommen. Über die Zahl der
       Verletzten machte der Polizeisprecher keine Angaben, auch nicht über den
       Tod von Ali Mussawi, einem Neffen des Oppositionsführers Mir Hossein
       Mussawi. Wie die Mutter des Getöteten in einem Interview am Montag sagte,
       wurde ihr Sohn zunächst mit Verletzungen an Kopf und Schulter ins
       Krankenhaus gebracht, wo er kurz darauf starb. Seitdem sei die Leiche
       verschwunden. "Niemand weiß, wo die Leiche ist, niemand fühlt sich dafür
       verantwortlich", so die Mutter. Nach Einschätzung politischer Beobachter
       will das Regime verhindern, dass die Opposition die Trauerfeier für den
       Verstorbenen zum Anlass für weitere Protestkundgebungen nimmt. In einer
       ersten Stellungnahme sagte Mir Hossein Mussavi, der Neffe sei gezielt
       getötet worden. Der Mord wäre eine Warnung an ihn persönlich.
       
       Das Regime versucht nun ausgerechnet den Mord an Ali Mussawis Neffen der
       Opposition anzulasten. So schrieb die Agentur Fars, "konterrevolutionäre
       terroristische Gruppen" hätten einen Verwandten Mussawis getötet.
       Untersuchungen hätten ergebenb, dass die benutzten Waffen eindeutig aus dem
       Arsenal der "abtrünnigen Terroristen" (gemeint sind die oppositionellen
       Volksmodschahedin) stammen! Wie einige Webseiten der Opposition berichten,
       wurden neben Hunderten von Demonstranten Sonntagnacht und Montagfrüh auch
       einige prominente Politiker und Menschenrechtaktivisten festgenommen, unter
       ihnen der frühere Außenminister und jetzige Vorsitzende der
       Freiheitsbewegung Ebrahim Yasdi sowie der bekannte Journalist Emadedddin
       Baghi. Yadi wurde um drei Uhr nachts in seinem Haus abgeholt.
       
       Mehdi Karrubi, einer der Oppositionsführer, hat in einer Erklärung auf
       seiner Website das brutale Vorgehen gegen Demonstranten scharf verurteilt.
       Es sei eine "unverzeihliche Sünde", gerade am Aschura-Tag, dem wichtigsten
       Trauertag der Schiiten, so brutal gegen Demonstranten vorzugehen. Eine
       solche Missachtung der heiligen Tage habe nicht einmal der Schah gewagt.
       "Was ist geschehen, dass ein Staat, der aus einem Aufstand am Aschura-Tag
       hervorgegangen ist, gerade an diesem Tag das Blut der Gläubigen vergießt
       und eine wild gewordene Horde auf unschuldige Menschen loslässt", schreibt
       Karrubi.
       
       Als "beschämend" bezeichnete Karrubi auch, dass eine Veranstaltung mit dem
       früheren Staatspräsidenten Mohammad Chatami am Samstag von Schlägertruppen
       gesprengt wurde. Während Chatami in einer Moschee vor einer Versammlung von
       zweitausend Personen sprach, drangen einige Duzend gewalttätige
       Demonstranten ein, beschimpften Chatami als Verräter und Lakai des Westens.
       Chatami musste seine Rede abbrechen.
       
       Während die Unruhen auch am Montagmorgen im Westen Teherans und in einigen
       anderen Städten andauerten, versuchten die Medien, die nahezu gänzlich vom
       Staat monopolisiert sind, die Bedeutung der Ereignisse herunterzuspielen.
       Es wird von "Grüppchen" gesprochen, die im Auftrag ausländischer Feinde
       Unruhe stiften wollten. In einigen Blättern wird die Forderung erhoben,
       endlich die "Verräter" festzunehmen und zu bestrafen. Gemeint sind vor
       allem die Oppositionsführer Mussawi, Karrubi und Chatami. Auch der frühere
       Staatspräsident, Haschemi Rafsandschani, zurzeit Vorsitzender des Experten-
       und des Schlichtungsrates, wird in einigen Zeitungen als Drahtzieher der
       Unruhen genannt.
       
       Die USA haben das Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten scharf
       kritisiert. Washington verurteile "die gewaltsame und ungerechte
       Unterdrückung von Zivilisten im Iran, die ihre Grundrechte ausüben", sagte
       der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats Mike Hammer am Sonntag. Auch
       Angela Merkel kritisierte das Vorgehen der iranscihen Sicherheitskräfte als
       "inakzeptabel".
       
       28 Dec 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bahman Nirumand
       
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