# taz.de -- Arbeitsform der Zukunft: Coworking schafft Nestwärme
> Junge Kreative übertragen Prinzipien aus dem Internet ins wahre Leben. Im
> "Coworking" sehen sie die Arbeitsform der Zukunft. Ein Besuch im Berliner
> Betahaus.
(IMG) Bild: Während des Atoms & Bits Festivals, das im September im Betahaus stattfand.
Wenn Florian Wichelmann morgens um sieben zu arbeiten anfängt, ist außer
Gitta kaum jemand da. Wer die Grünpflanze hinter seinem Platz so genannt
hat, weiß er gar nicht mehr genau, aber viel weiterhelfen kann sie ihm
jedenfalls nicht. Später am Tag, so gegen elf kommen die meisten, kann es
passieren, dass Wichelmann aufsteht und in die Runde fragt: Welche
Arbeitskleidung findet ihr schöner? Oder: Welche Getränke würdet ihr
anbieten?
Dann pult der Drehbuchautor seine Ohropax aus den Gehörgängen, die
Informatiker lassen kurz ihre Datenintegrationssoftware allein, die
Studentin, die hier ihre Magisterarbeit schreibt, weil es ihr in der
Bibliothek zu angespannt ist, schaut herüber. "Hier bekommt man Feedback
auf seine Ideen, das ist das Tolle", sagt der Endzwanziger Wichelmann, der
mit einem Partner eine Restaurantkette aufbaut.
Ein Gastronom, ein Drehbuchautor, ein Informatiker, eine Studentin? Ein
schönes Durcheinander da im dritten Stock eines alten Gewerbehofs, ein
großer Raum, eher eine Halle, der Boden verfleckt, Energiesparlampen an der
Decke, Dreier-Steckdosen hängen herunter, der WLAN-Router ist mit
Gaffa-Tape an der Decke festgeklebt. Hier verbringen Menschen, die nichts
gemein haben, ihren Tag. So könnte man es sehen.
Oder man könnte sagen: Hier, im Betahaus in Berlin, wird erprobt, wie wir
alle in Zukunft arbeiten. "Uns ist klar geworden, dass die Art, wie man
heute arbeitet, oft nicht mehr zeitgemäß ist", sagt Christoph Fahle, einer
der sechs Gründer. Im Betahaus soll keiner vor sich hin werkeln. Es ist
flexibler und offener als ein Gemeinschaftsbüro, dabei ruhiger und
organisierter als ein Café, in das man sich mit seinem Laptop setzt.
Freiberufler, die zu Hause lieber die Fenster putzen als zu arbeiten, oder
die es leid sind, sich mit ihrer Katze zu unterhalten, haben einen Ort, wo
sie morgens hingehen. Start-up-Unternehmer sparen sich ein eigenes Büro,
können Kopierer und Drucker nutzen. Keiner vereinsamt an diesem Ort der
Kreativität. Das Betahaus, das ist wie eine Kreuzung von Arbeitszimmer,
WG-Küche, Facebook und Uni-Flur. Schöne neue Arbeitswelt?
Christoph Fahle streckt sich auf einem abgewetzten Sofa im Eingangsbereich
aus und schaut nach draußen. Der große Lockenkopf blickt durchs Fenster auf
den Parkplatz und ein Autohaus; eher eine der tristeren Aussichten von
Kreuzberg. Drinnen aber ist es gemütlich, an der Wand hängen Poster, auf
den aus Spanplatten zusammengezimmerten Tischen stehen frische Blumen in
Glasflaschen. Fahle, 29, ist ein Mann, der, wenn er einen Satz beginnt,
meist nicht genau weiß, wie er endet. Oft ist da eine neue Idee. Gerne
sitzt Fahle hier im Café, den Laptop auf den Knien, ein Lachsbagel in der
Hand. Wenn seine Mutter mal zu Besuch kommt, muss er sich fragen lassen:
Wann gehst du arbeiten?
"Manche Leute halten uns für naiv", sagt Fahle, "andere für flapsig." Was
stimmt denn? "Beides." Der Politikwissenschaftler Fahle setzt seine fixen
Ideen einfach um. Vor genau einem Jahr begannen sie mit 30 Leuten, jetzt
haben sie ein zweites Stockwerk dazugemietet, 120 Nutzerverträge
abgeschlossen, um die 70 Leute können gleichzeitig da sein. Aber hier kann
sich alles ändern, deshalb der Name: Betahaus. Bei Software steht "beta"
für eine noch nicht ganz ausgereifte Testversion.
Erst haben sie Bücherregale zwischen den Tischen aufgestellt und dann
gemerkt, dass die Leute lauter sind, wenn sie sich nicht mehr sehen.
Schlechte Idee. Überhaupt der Lärm, darüber beschweren sich die Leute
manchmal, deshalb gibt es jetzt einen Telefonraum. Auch sollte es erst nur
einen Tarif geben, 100 Euro für jeden.
Aber manche wollten nur jeden zweiten Tag kommen, deshalb haben sie
flexible Tische eingeführt. Der Einsteigertarif: 12 Euro für eine
Tageskarte. Der eigene Schreibtisch kostet 229 Euro im Monat, dort kann man
seine Sachen auch über Nacht liegen lassen. Dazu gibt es einen Briefkasten,
ein Schließfach und man darf zehn Stunden den Konferenzraum nutzen.
Das schnelle Internet ist für alle da, ein Glasfaserkabel mit 25 Megabit
Geschwindigkeit, hochschaltbar auf 100 Megabit. Aber am Anfang fiel das
Netz auch mal aus. "Die User müssen sich eben darauf einlassen, dass nicht
alles perfekt funktioniert", sagt Fahle. Das Betahaus ist ein Experiment -
und bislang ziemlich erfolgreich.
Gerade kam eine Anfrage aus Lyon: Darf ich hier ein Betahaus aufmachen?
Fahle und seine Kollegen würden gerne expandieren, wie genau das aussehen
soll, wissen sie nicht. Nur in einer Art Franchise-System das Konzept
weitergeben oder selbst andere Häuser betreiben? Zürich steht jedenfalls
auf der Liste, auch in Lissabon haben sie schon ein Haus angeschaut.
Ganz neu ist die Idee nicht, im Ausland gibt es schon seit ein paar Jahren
Coworking-Spaces, also Orte, an denen man gemeinsam mit anderen arbeiten
kann: in San Francisco, Paris oder Kopenhagen. Einer, der da wohl den
besten Überblick hat, ist Sebastian Sooth, schwarze eckige Brille,
Kinnbart. Er ist einer, der sich zum Grillabend per Twitter verabredet, dem
Kurznachrichtendienst im Internet.
Sooth betreibt die Webseite Hallenprojekt.de, auf der Coworking-Spaces
vorgestellt werden. Sooth hat da ein weites Verständnis: Ein ICE kann es
sein oder eine Bibliothek. Das Betahaus gehört dazu, das Größte seiner Art
weltweit. Auch das Studio 70 mit seiner Wohnzimmeratmosphäre, das Sooth mit
ein paar anderen in Berlin gegründet hat. Sooth schwärmt von einem "ganz
anderen Arbeits- und Lebensgefühl". Seine Vision: Coworking-Spaces im
10-Minuten-Radius, wo man gerade ist. Er träumt davon, dass eines Tages ein
weltweites Netz entsteht. Einmal zahlen, überall arbeiten. Und man kann
immer in die Runde fragen: Wer hat Ahnung von Webdesign? Ich hätte da einen
Job.
Die Begeisterung steckt an. In Köln, Stuttgart oder Hamburg haben sich
Gruppen gefunden, die Coworking ausprobieren möchten. Meistens beginnen sie
klein und haben große Ideen. In Dresden etwa wollen sie einen alten
Lokschuppen ausbauen. Ein leerstehender Backsteinbau, 1.500 Quadratmeter,
100 Plätze soll es geben. Ralf Lippold, einer der Initiatoren, hat sich
viele Coworking-Spaces angeschaut und ist überzeugt, dass diese Büroform
wichtiger wird, gerade in seiner Region. "Man kann auch hier arbeiten, wenn
die Firma ganz woanders sitzt", sagt er. Einen Architekten haben sie
gefunden, fehlt noch das Geld und die endgültige Entscheidung, dass sie das
Gebäude nutzen können. Lippold schwebt vor, dass alle Nutzer des Hauses
gemeinsam Beratung anbieten und so den Umbau refinanzieren.
Johanna Gundermann denkt in eine andere Richtung: Die 31-Jährige möchte in
Leipzig ein Büro gründen, in dem Eltern mit ihren Kindern den Tag
verbringen können. "Es ist doch schade, dass heutzutage die Kinder- und die
Erwachsenenwelt so getrennt sind", sagt sie. Die Idee bekam sie vor gut
drei Jahren, vier, fünf Anläufe hat sie schon gemacht. Jetzt soll es
endlich klappen, ein komplettes Erdgeschoss hat sie in Aussicht. Gundermann
arbeitet für eine Sprachschule, ihr Mann ist Webdesigner - die beiden
werden mit ihren drei Kindern selbst im "Rockzipfel" arbeiten.
In Berlin gibt es so viele Freiberufler, dass bereits von einer "digitalen
Boheme" gesprochen wird. Immer wieder liest man von
Latte-Macchiato-Schlürfern, die im Café an neuen Projekten basteln.
Digitale Boheme? Christoph Fahle sagt: "Die Affen im Zoo werden sich auch
nicht als Zootiere sehen." Hier im Betahaus werde zudem viel Geld verdient,
auch ohne Festanstellung. Dass gerade jetzt Coworking im Kommen sei, habe
auf jeden Fall viel damit zu tun, dass sie mit dem Internet aufgewachsen
sind, sagt Fahle. Damit meint er nicht nur die technischen Voraussetzungen,
sondern auch die soziale Komponente. "Früher hat man seine Gebiete
abgesteckt, die anderen nicht in die Karten schauen lassen, heute lädt man
die Leute ein." Er ist überzeugt: Wenn man Wissen teilt, hat man mehr
davon. Open Source im realen Leben.
Wer Coworking als Zukunft der Arbeit sieht, hat sich davon verabschiedet,
dass das Leben online funktionieren kann. Der Mensch braucht soziale Orte.
Das ist auch das, was der Gastrounternehmer Wichelmann hier sucht:
"Nestwärme". Mit den anderen kann man abends auch mal ein Bier trinken
gehen. Für die Betahaus-Gründer war es nicht leicht, all diese
Besonderheiten Banken und Investoren klarzumachen - irgendwie bekamen sie
es hin. "Alles das hier ist von der Vision erst der Anfang", sagt Fahle.
Ron Marcus, der Drehbuchautor, auf dem Tisch eine mit Wasser gefüllte
Colaflasche und eine Packung Schmerzmittel, hat sich derweil in seine
schwarze Fleecejacke eingekuschelt und in seine eigene Welt zurückgezogen;
er arbeitet an einem Roman. Markus ist seit Juli hier. Davor hat er zu
Hause geschrieben, seine Freundin arbeitet auch zu Hause, das gab
Spannungen. Hier gefällt es ihm. Und er bekam hier schon eine Idee für
einen Film. Er hat an einem der Nachbartische einen Mann beobachtet, Ende
40, adrett angezogen, Typ Unternehmensberater. Wäre es nicht amüsant, wenn
der Familienvater hier im Betahaus seine zweite Jugend findet?
15 Jan 2010
## AUTOREN
(DIR) Sebastian Erb
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