# taz.de -- Steuergelder für Medaillen: Staatliche Raketenbauanstalt
       
       > Im Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten wird der
       > olympische Kampf um Millimeter mit allerhand Steuergeldern
       > vorweggenommen.
       
 (IMG) Bild: Erfolgreich mit dem richtigen Untersatz: Olympiapilot André Lange und Crew.
       
       BERLIN taz | Im weißblauen Lastkraftwagen mit Suhler Kennzeichen wird er
       angeliefert, der Zweierbob des deutschen Piloten André Lange. Der Schlitten
       mit dem blauen Chassis im Wert von etwa 100.000 Euro ist direkt aus den
       Bergen nach Berlin gefahren worden. Auch der Viererbob der Lange-Crew stand
       vor den Olympischen Spielen in Vancouver noch einmal in der Werkstatt des
       FES, des Instituts für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten.
       
       In Berlin-Oberschöneweide, in einem Industriepark, arbeiten 60 Leute an
       Bobs, Rodelschlitten, Skeletonschalen und Schlittschuhen, darüber hinaus
       auch an Ruderbooten oder an Gewehren für Sportschützen. Es geht ums
       Material der Olympioniken, um den Feinschliff, das Optimum, und das ist
       heutzutage im Kampf um Hundertstel und Zentimeter oftmals entscheidend.
       
       Das FES ist eine Medaillenschmiede, keine Frage, doch dem Direktor des
       Instituts, Harald Schaale, einem ehemaligem Segler in der 470er-Klasse,
       geht es nicht um Plaketten, sondern um den viel zitierten Vorsprung durch
       Technik. Sagt er. "Wir orientieren uns an der Zehntelsekunde, die wir
       schneller werden wollen. Und dabei schaufeln wir keinen Wind um die Ecke
       oder schließen uns im Elfenbeinturm ein, sondern Forschung und Entwicklung
       müssen bei uns immer zweckgebunden sein." Das heißt: Messbare Erfolge
       müssen rausspringen, ebenjene Zehntelsekunden.
       
       Seit 1961 gibt es das Institut. Die DDR richtete es nach dem Mauerbau ein.
       Es war Teil des Projektes Staatssport. Es ging um einen Wettbewerbsvorteil
       gegenüber dem Westen. Den haben sich die Technokraten des DDR-Sports teils
       mit Doping verschafft, teils mit Ingenieurskunst, dem sprichwörtlichen Hang
       der Deutschen zur Tüftelei. Am Anspruch hat sich seit den Tagen Manfred
       Ewalds, des Führungsoffiziers der "DDR-Diplomaten im Trainingsanzug", nicht
       so viel geändert, sagt Harald Schaale, 57.
       
       Das FES ist nach wie vor "Dienstleister im technologischen Sinne" für die
       Athleten. In dieser "weltweit einzigartigen Einrichtung" gehe es seit
       Jahrzehnten einfach nur darum, "der Beste zu sein", Spitzenreiter im
       Friemeln und Schrauben, Schleifen und Fräsen. Das Sporttuning ist nicht
       billig. 4,8 Millionen Euro schießt der Staat jährlich zu. Davon gehen
       600.000 Euro Miete ab, verbleiben also 4,2 Millionen.
       
       Der Etat der Oberschöneweider Werkstätten wurde in den letzten Jahren
       aufgestockt. Der Bundesregierung ist die hochtechnisierte Ausrüstung ihrer
       Spitzensportler offenbar sehr wichtig. "Solange die Zielstellung besteht,
       dass Deutschland im Medaillenspiegel unter die ersten drei kommen soll",
       sagt Schaale, "so lange sind wir unabdingbar und haben auch kein
       Legitimationsproblem." Während im FES die Ingenieure das Sagen haben, sind
       es im IAT, dem Institut für angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig,
       die Theoretiker. Beide Einrichtungen arbeiten eng zusammen. Auch das IAT
       ist ein Relikt des DDR-Sports, das den Steuerzahler 2009 etwa 5,9 Millionen
       Euro gekostet hat.
       
       Nur einmal, im Jahre 1995, wurde ernsthaft über die Abschaffung des FES
       diskutiert. Im Haushaltsentwurf der Bundesregierung fand sich der Vermerk
       "kw", künftig wegfallend. "Man hat damals Angst gehabt, dass wir eine
       Konkurrenz für die Wirtschaft, vor allem für die Bootsbauer, werden",
       erinnert sich Schaale. Doch eine Heerschar von Lobbyisten wendete das Ende
       des Instituts ab. 1996 verschwand der kw-Vermerk. Die Ingenieure konnten
       wieder ungestört Epoxidharz auf Kohlefasern aufbringen und Disbalancen im
       Tritt von Radsportlern ermitteln. "Unsere Arbeit ist doch eine
       Erfolgsgarantie", wirbt Schaale, "wenn man das Know-how irgendwo einkaufen
       müsste, dann würde das 10-mal teurer." Mittlerweile wolle das FES niemand
       mehr missen, glaubt der Chef der Sportschmiede, der seit fast 29 Jahren mit
       dabei ist.
       
       Vor den Olympischen Winterspielen in Vancouver sind nur noch kleinere
       Arbeiten an Kufen und an der Bobverschalung zu erledigen, "ein paar
       Lackarbeiten", sagt Schaale und streicht über das Verdeck des Lange-Bobs.
       Nebenan wird die letzte, vielleicht entscheidende Politur der Bobkufen
       vorgenommen. In einer Maschine der "Forschungswerkstatt Metall" befindet
       sich so eine Stahlschiene gerade zum Feinschliff in einem Glaskasten. "Hier
       wird eine spezielle Mathematik auf die Kufe aufgebracht", versucht Schaale
       den Vorgang zu erklären.
       
       Die Bobs sind im modernen Hochleistungssport ja keine Rumpelkisten mehr,
       nein, in ihren Formen gerinnen wissenschaftliche Erkenntnisse über
       Luftwiderstand und Metalllegierungen. Der aktuelle FES-Bob trägt die Nummer
       407, ist Nachfolger des 406er-Modells, mit dem Lange auf holprigem Eis gar
       nicht zurechtkam. Der Thüringer hatte sich in der Folge in einen Bob der
       Marke Singer gesetzt. Das FES spornte dies an, die Hoppel-Eigenschaften des
       eigenen Bobs zu verbessern. Man hat das hingekriegt durch eine spezielle
       "Energieabsorbtion der Gesamthaube". Schaale sagt: "Die
       Dämpfungseigenschaften von Werkstoffen sind ein bunter Blumenstrauß. Wir
       haben viel gelernt." Lange sitzt jetzt wieder im 407er, der Bob von Sepp
       Singer aus Au ist Geschichte, vorerst jedenfalls.
       
       Das FES könnte den Bobpiloten speziell angepasste Kufen für jede beliebige
       Eisbahn auf dem Globus liefern - für Oberhof, Sigulda oder Whistler, mit
       Carving-Eigenschaften oder ohne. Dummerweise sind nur drei Kufensätze pro
       Saison erlaubt. Man muss sich also beschränken und Kompromisse eingehen.
       Das gilt allerdings nicht für die Olympischen Spiele. Ein Kufensatz wurde
       extra für die extrem schnelle Bahn in Whistler geschmiedet. Harald Schaale
       will nicht verraten, was das Besondere an dem Satz ist, verständlich,
       werden doch von der Konkurrenz bisweilen 20.000 Euro für ein einziges Paar
       geboten. Das FES geht auf solche Offerten natürlich nicht ein. Das Institut
       ist allein den deutschen Athleten verpflichtet und wehrt, so gut es geht,
       jede Art der Industrie- beziehungsweise Sportspionage ab.
       
       "An so einem Bob können Sie ein Jahr lang arbeiten, ohne dass man es
       sieht", sagt Harald Schaale über den blauen Staatsbob des Sportsoldaten
       Lange. Doch er weiß genau, an welchen geheimen Details gearbeitet wurde.
       "Im Sommer haben wir eine Rakete daraus gemacht", sagt er. Ende Februar
       wird er wissen, ob die Rakete in der Bahn von Whistler gezündet hat.
       
       4 Feb 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Markus Völker
       
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