# taz.de -- Kommentar Hartz-IV-Debatte: Freie Wahl der Armut
> Der materielle Anreiz als Triebfeder wird schwächer, zeigen die
> Armutszahlen. Wir müssen uns damit arrangieren, dass wir es uns aussuchen
> können, ob wir arbeiten oder nicht.
Der materielle Anreiz als Triebfeder unserer Gesellschaft wird schwächer.
Das zeigen die jüngsten Zahlen zur Armut, die das Deutsche Institut für
Wirtschaftsforschung (DIW) jetzt veröffentlicht hat. Für die
Sozialstaatsdebatte, die FDP-Chef Guido Westerwelle mit seinem
Dekadenzvorwurf an die Adresse der Hartz-IV-Empfänger befeuert, heißt das:
Er spricht einen heiklen Punkt an, kann aber keine Lösung präsentieren.
11,5 Millionen Menschen waren im Jahr 2008 in Deutschland arm. Seit 1998
ist ihr Anteil auf 14 Prozent der Bevölkerung gestiegen. Eine der
wesentlichen Ursachen: Die Arbeitslöhne für viele Jobs sinken. Damit nimmt
die Zahl derjenigen Menschen zu, die mit Arbeit ähnlich schlecht dastehen
wie mit Hartz-IV-Zuschüssen. Sie sind kaum in der Lage, ihre
Lebenssituation durch eigene Berufstätigkeit zu verbessern. Damit wird der
materielle Anreiz, selbst für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen,
schwächer. Und bei vielen Leuten dürfte diese Triebfeder schon gänzlich
ausgeleiert sein.
Das ist der politische Kern der aktuellen Sozialstaatsdebatte in der
Bundesrepublik. Wenn FDP-Chef Westerwelle Hartz-IV-Empfängern Dekadenz
vorwirft, dann sagt er: Die Leute bekommen zu viel Geld vom Staat. Hat er
damit recht? Im Einzelfall vielleicht ja, generell aber nicht, denn die
Leistungen bemessen sich am Sozialstaatsgebot.
Gerade erst hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe in der
vergangenen Woche das Grundrecht auf ein angemessenes Existenzminimum
formuliert. Der Weg, die Sozialleistungen weiter zu kürzen, ist damit
versperrt. Und wie die neuen Hartz-IV-Härtefallregelungen der
CDU-Arbeitsministerin von der Leyen zeigen, muss man sie im Gegenteil sogar
anheben.
Um den materiellen Anreiz wieder zu stärken, könnte man umgekehrt aber auch
die Arbeitslöhne erhöhen. Dies ist der Sinn der Forderung nach der
Einführung von allgemeinen Mindestlöhnen. Fraglich allerdings erscheint
dabei die Wirkung. In einer heterogenen Dienstleistungsökonomie mit ihren
Teilzeitjobs und flexiblen Arbeitszeitmodellen wird es immer Beschäftigte
geben, die quasi für jeden Lohn arbeiten. Der beunruhigende Befund lautet
deshalb: Das gesetzliche Lohnabstandsgebot - gemeint ist: der Arbeitslohn
soll wesentlich über der staatlichen Unterstützung liegen - funktioniert
heute oft nicht mehr.
Was bleibt? Wir müssen uns damit arrangieren, dass die Menschen schlicht
die freie Wahl haben: Suche ich Arbeit oder lasse ich es bleiben? Die
Selbstachtung spielt zunehmend eine Rolle bei dieser Entscheidung.
17 Feb 2010
## AUTOREN
(DIR) Hannes Koch
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