# taz.de -- Aufnahme-Rituale bei Bundeswehr: Jukebox und Rotarsch
       
       > Die Rituale bei den Gebirgsjägern sind kein Einzelfall, belegen 23
       > Zuschriften von Exrekruten an den Bundeswehrbeauftragten Robbe. Diese
       > nehmen an, dass die Vorgesetzten von den Exzessen wussten.
       
 (IMG) Bild: Grosser Zapfenstreich zum 50. Jubiläum der Gebirgsjäger im Skistadion von Garmisch-Partenkirchen, Juli 2006.
       
       BERLIN dpa | Die Affäre um ekelerregende Aufnahme-Rituale bei der
       Bundeswehr weitet sich aus. Der Bundestags-Wehrbeauftragte Reinhold Robbe
       legte den Mitgliedern des Verteidigungsausschusses am Montag eine Sammlung
       von 23 Zuschriften vor, in denen Reservisten über Exzesse bei der
       Bundeswehr in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten berichten. Die
       Schreiben deuten darauf hin, dass die Rituale der Gebirgsjäger im
       bayerischen Mittenwald kein Einzelfall waren. In zwei E-Mails wird über
       ähnliche Vorgänge im Gebirgsjägerbataillon in Bischofswiesen-Strub
       berichtet. Zudem enthält die Sammlung Schilderungen über Rituale und
       Exzesse in anderen Teilen der Bundeswehr, beispielsweise bei der Marine.
       
       Robbe wird voraussichtlich an diesem Mittwoch vor dem
       Verteidigungsausschuss zu den neuen Erkenntnissen Stellung nehmen. Zuvor
       wolle er in der Öffentlichkeit keinen Kommentar dazu abgeben, sagte er.
       "Selbstverständlich müssen alle zusätzlich eingegangenen Hinweise überprüft
       werden." Erst dann könne eine Bewertung vorgenommen werden.
       
       Der Wehrbeauftragte hatte den Verteidigungsausschuss Mitte Februar über die
       Aufnahmerituale bei den Gebirgsjägern in Mittenwald informiert. Dort
       mussten Neulinge den "Fuxtest" über sich ergehen lassen, zu dem das Essen
       roher Schweineleber und Alkoholkonsum bis zum Erbrechen gehört. Die
       Enthüllung hatte für großes Aufsehen gesorgt und zu staatsanwaltlichen
       Ermittlungen geführt.
       
       Zwei E-Mails, die Robbe jetzt an die Abgeordneten übermittelte, handeln von
       ähnlichen Ritualen in Bischofswiesen-Strub, nur wenige Kilometer von
       Mittenwald entfernt. Die Absender geben an, 1993/94 und 2003/2004 ihren
       Wehrdienst bei den dortigen Gebirgsjägern geleistet zu haben. "Es werden
       ein paar Bier um die Wette getrunken, man muss um die Wette unter Stühlen
       durchrobben, zwischendurch erneut ein paar Bier trinken. Und muss aus einer
       ekligen Suppe (Stichwort: Rohe Leber) was trinken", heißt es in einer Mail.
       In der anderen wird erwähnt, dass es die Rituale "bis vor einiger Zeit"
       auch in Reichenhall gegeben habe.
       
       In beiden Schreiben ist die Rede davon, dass die Vorgesetzten von den
       Ritualen wussten: "Bezogen auf die Dienstgrade muss ich sagen, dass ich
       davon ausgehe, dass so gut wie jeder Unteroffizier und Feldwebel, der eine
       Weile dabei ist, weiß was passiert und auch in welchem Umfang", schreibt
       einer. In dem anderen Schreiben heißt es: "Zu meiner Zeit hatte nahezu
       jeder Soldat, der in einem der Gebirgsjägerbataillone Dienst tat, zumindest
       andeutungsweise von den Dingen gehört, nicht nur die Hochzügler."
       
       Mehrere weitere Schreiben befassen sich mit Alkoholexzessen und Ritualen in
       anderen Einheiten. "In meinen Dienstjahren war ich in 3 Einheiten und
       musste feststellen, dass man als Antialkoholiker in der Truppe einen
       schweren Stand hat", heißt es in einem Schreiben unter der Überschrift
       "Mittenwald ist nur die Spitze des Eisbergs". "Bei sogenannten
       Veranstaltungen geselliger Art ist das Trinken von Alkohol praktisch
       befohlen, ohne dass dies jemand ausspricht."
       
       Ein ehemaliger Obergefreiter, der zwischen 1996 und 1998 als Zeitsoldat an
       verschiedenen Standorten im Süden Deutschlands eingesetzt war, berichtet
       aus seiner Zeit im baden-württembergischen Ellwangen (Jagst) über
       verschiedene "Spiele". Beim Spiel "Jukebox" werde ein Soldat in seinen
       Spind eingeschlossen und darin dann umgestoßen, während er bestimmte Lieder
       singen müsse.
       
       Ein anderer Soldat, der vor 20 Jahren auf einem Marine-Zerstörer eingesetzt
       war, berichtet vom sogenannten "Rotarsch-Ritual": "Eine Bohnermaschine
       (eine mobile Maschine mit einer großen elektrisch betriebenen
       Borstenscheibe) wurde in Betrieb gesetzt und dem Rekruten an den nackten
       Hintern gehalten, bis dass dieser rot war."
       
       Robbe teilte den Abgeordneten mit, dass er insgesamt 54 Zuschriften zu dem
       Fall Mittenwald erhalten habe. Drei Einsender habe er um Konkretisierungen
       gebeten. Dabei handelt es sich nach Angaben des Wehrbeauftragten um die
       Schreiben, die sich mit den Vorgängen bei den Gebirgsjägern befassen. Die
       Textsammlung ließ Robbe auch dem Heeresführungskommando und dem
       Verteidigungsministerium zukommen.
       
       23 Feb 2010
       
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