# taz.de -- Debatte Neoliberalismus: Griechenland als Menetekel
       
       > Die gegenwärtige Wirtschaftskrise wird sich noch vertiefen. Dagegen hilft
       > nur eine gemeinsame Anstrengung: ein "New Deal" für Europa
       
       Neoliberale Ökonomen halten sich an zwei Grundsätze. Erstens: "Wo ein
       Problem in Erscheinung tritt, dort liegen auch seine Ursachen." Die
       Staatsverschuldung soll durch einen Sparkurs bekämpft werden, die
       Arbeitslosigkeit durch Lohnzurückhaltung und niedrigere Arbeitslosengelder.
       Zweitens: Jedes Problem bedarf einer "Spezialtherapie". Tatsächlich sind
       Staatsverschuldung, Erwerbslosigkeit, Ungleichheit und Klimawandel
       gemeinsam angewachsen in einem Entwicklungsprozess, der immer stärker von
       neoliberalen Leitlinien geprägt wurde. Frei nach Karl Kraus: "Der
       Neoliberalismus ist jene Krankheit, für deren Heilung er sich hält."
       
       Da sich die Krise noch vertiefen wird, brauchen wir eine Alternative, um
       die bedrückendsten Probleme gemeinsam anzugehen - einen "New Deal" für
       Europa. Dazu einige Thesen. These 1: Die neoliberale Weltanschauung hat
       entscheidend zum Anwachsen von Staatsverschuldung, Arbeitslosigkeit, Armut
       und Umweltschäden beigetragen. Die Leugnung des "Gemeinschaftlichen", die
       Diskreditierung des Staates, die Vernachlässigung der Investitionen in
       Infrastruktur, Bildung, Umwelt und in den sozialen Zusammenhalt hat den
       Unternehmen und Arbeitnehmern großen Schaden zugefügt. Noch größer war er
       durch die Entfesselung der Finanzmärkte.
       
       These 2: Diese Entwicklung war unvermeidlich. Denn der Neoliberalismus ist
       die Ideologie im Interesse des Finanzkapitals, nicht des Realkapitals. Die
       Losungen gegen Sozialstaat und Gewerkschaften haben die
       Unternehmer(vertreter) verführt, den Neoliberalismus als "ihre" Ideologie
       zu adoptieren. Dies hat ihnen sehr geschadet - besonders den Klein- und
       Mittelbetrieben. Gleichzeitig haben Symptomkuren wie die finanzielle
       Schwächung des Sozialstaats oder die Diversifizierung der Beschäftigung das
       Verhältnis zwischen den Tarifpartnern verschlechtert. Sie können das
       Finanzkapital nicht als gemeinsamen Gegner erkennen, weil (fast) jeder
       selbst Finanzkapital besitzt.
       
       These 3: Eine Essenz des Finanzkapitalismus besteht im Schaffen von
       Kapital, das keine realwirtschaftliche Deckung hat. Zunächst geschah dies
       durch Aktienbooms, dann durch Kreditvergabe an nahezu mittellose
       Häuslebauer. Als der "fiktive" Charakter der Finanzforderungen offenbar
       wurde, agierte der Staat als "Ersatzbank", nahm Geld auf und gab es den
       richtigen Banken - das Problem unzureichender Deckung wurde verschoben.
       Wenn nun solide Länder wie Deutschland hoch verschuldeten Ländern wie
       Griechenland, Portugal oder Spanien beistehen, handeln sie richtig:
       Zeitgewinn ist wichtig. Dennoch wird das Problem nur geschoben.
       
       These 4: Die schwierigste Phase liegt erst noch vor uns. Ein neuerlicher
       Verfall der Aktienkurse bei steigender Arbeitslosigkeit, leeren
       Staatskassen und zunehmendem Zweifel an der realen Deckung der
       Staatschulden wird ohne kluge Gegensteuerung dazu führen, dass alle
       Sektoren versuchen, ihre Lage durch Sparen abzusichern: Unternehmer,
       Haushalte, Ausland und Staat. Das ist die Konstellation ökonomischer
       Depressionen. Angesichts dieser Gefahr muss der Staat der Realwirtschaft
       nachhaltige Impulse geben, gleichzeitig aber auch seine Finanzlage
       stabilisieren. Er muss den Besitzern großer Finanzvermögen spürbare
       Konsolidierungsbeiträge abverlangen, etwa durch eine temporäre Steuer auf
       Finanzvermögen über 250.000 €. Genau dies ist die Strategie von Obama,
       genau dies tat Roosevelt 1932 zur Finanzierung des "New Deal".
       
       Mit einem Teil der zusätzlichen Mittel werden jene Probleme energisch
       angegangen, die in den vergangenen 20 Jahren vernachlässigt wurden. Von
       einer generalstabsmäßigen thermischen Gebäudesanierung über die Erneuerung
       der Energieversorgung bis hin zur Ökologisierung von Industrieprodukten und
       der Förderung von Elektroautos. Außerdem massive Investitionen ins
       Bildungswesen und eine nachhaltige Armutsbekämpfung, die ihren Namen
       verdient.
       
       These 5: Es liegt im eigenen Interesse der Besitzer der (großen)
       Finanzvermögen, spürbare Konsolidierungsbeiträge zu leisten, um dem Staat
       eine nachhaltige Ankurbelung der Realwirtschaft zu ermöglichen. Die Deckung
       der Staatsanleihen besteht ja im künftigen Wirtschaftswachstum und den
       daraus entstehenden Staatseinnahmen - und es sind die "Reichen an Geld",
       welche den größten Teil der Staatsanleihen besitzen.
       
       Wenn die Finanzrentiers darauf bestehen, dass der Staat seine Schulden an
       sie durch eine wachstumsdämpfende Verringerung der Staatsausgaben abzahlt,
       dann verlangen sie eine Unmöglichkeit. Den Arbeitnehmern muss nämlich
       zuerst die Chance gegeben werden, gemeinsam mit den Unternehmern die
       Schulden des Staates gegenüber den "Reichen an Geld" abzutragen. Wenn
       nicht, wäre ein partieller Staatsbankrott, im besten Fall ein gemeinsam von
       allen EU-Staaten koordinierter "Ausgleich" die Folge.
       
       These 6: Das Hauptproblem für eine Stärkung der Realwirtschaft besteht
       darin, dass sich Unternehmen wie Arbeitnehmer in ihrer Eigenschaft als
       Finanzrentiers gegen Konsolidierungsbeiträge wehren werden - Siemens ebenso
       wie die kleinen Sparer. Sie begreifen nicht, dass ihre Beiträge zur
       Finanzierung einer expansiven Gesamtstrategie ihnen selbst in ihrer
       Eigenschaft als Unternehmer oder Arbeitnehmer nützen würden.
       
       These 7: In einer hartnäckigen Krise nimmt die Tendenz zum "Rette sich, wer
       kann" auch im Verhältnis der Länder zueinander zu. Mehrere Faktoren werden
       die Zentrifugalkräfte in der EU stärken: Die Länder haben umso weniger
       Möglichkeit, die Folgen der Krise zu bekämpfen, je geringer ihr
       wirtschaftliches Entwicklungsniveau und je prekärer die soziale Lage ihrer
       Bürger ist. Denn diese Länder zahlen für die öffentlichen Schulden viel
       höhere Zinsen als etwa das reiche Deutschland. Auch sind die EU-Länder
       durch ein "Gefangenendilemma" quasi gelähmt: Betreibt jedes einzelne Land
       eine expansive Politik, so fließen gut 50 Prozent der Impulse ins Ausland.
       Machen alle EU-Länder dies gemeinsam, so stärken sie sich wechselseitig.
       Was daher gebraucht wird, ist das Konzept eines "New Deal" für Europa. Und
       führungsstarke PolitikerInnen, die ihn umzusetzen.
       
       28 Feb 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Stephan Schulmeister
       
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