# taz.de -- Interview Gemeingüter-Expertin: "Gebrauch ja, Missbrauch nein"
       
       > Wasser, Land oder Luft, aber auch Software-Codes, genetische Codes - all
       > das soll öffentlich sein, sagt die Gemeingüterexpertin Silke Helfrich.
       > Und: Was öffentlich finanziert wurde, muss öffentlich bleiben.
       
 (IMG) Bild: Wichtiges Gemeingut: Der Himmel.
       
       taz: Frau Helfrich, die Gemeingüterdebatte verlässt den akademischen
       Bereich. Bei der Weltbürgerbewegung ist sie angekommen, aber noch nicht so
       recht im Mainstream. Woran liegt das? 
       
       Silke Helfrich: Man wechselt die Weltsicht nicht wie ein Hemd. Die alte
       Weltsicht dominiert nach wie vor. Es ist anstrengend, sich gegen sie zu
       wehren - und einfacher, Wachstum und Bruttoinlandsprodukt zu beobachten,
       als dafür zu sorgen, dass es uns auch ohne Wachstum gut geht. Es ist
       einfacher, neue Antworten auf alte Fragen zu formulieren als neue Fragen zu
       stellen.
       
       Zum Beispiel ...? 
       
       Brauchen wir Arbeitsplätze oder sozial eingebundenes Tätigsein, das uns
       Sicherheit gibt, also "das Netz, das uns trägt", wie Vandana Shiva die
       Gemeingüter nennt? Schließlich ist es einfacher zu hoffen, dass der Staat
       das Ruder noch herumreißt oder dass doch noch das Perpetuum mobile erfunden
       wird.
       
       Wie definieren Sie Gemeingüter? 
       
       Es sind Beziehungen zwischen sehr unterschiedlichen Gruppen weltweit und
       den Dingen, die sie brauchen, um sich zu reproduzieren, um zu produzieren -
       Ressourcen also, die niemand individuell hergestellt hat, auf die es einen
       kollektiven Zugriff geben muss: Wasser, Land oder Luft, aber auch
       Software-Codes, genetische Codes. Es müssen klare Regeln festgelegt werden,
       wozu solche Ressourcen zu nutzen sind und wozu nicht, und die Kontrolle
       darüber muss gesellschaftlich bleiben.
       
       Wo liegt der Unterschied zum Antiprivatisierungsdiskurs der letzten
       Jahrzehnte? 
       
       Dieser Diskurs hatte immer eine Tendenz, die Dinge zu diskutieren, als sei
       die Welt binär, also Markt oder Staat, Kooperation oder Konkurrenz, privat
       oder öffentlich. Die Gemeingüterdebatte nimmt wieder das unsichtbare Dritte
       jenseits dieser Dichotomien in den Blick. Die Wirtschaftsnobelpreisträgerin
       Elinor Ostrom hat viele Gemeingütersysteme von den Philippinen bis zu den
       Schweizer Almen studiert, wie Menschen dort miteinander kooperieren. Ihr
       Fazit: Die Menschen wissen selbst am besten, was für sie gut ist, und
       deswegen gibt es so viele funktionierende Beispiele. Im Binnensee Taupo in
       Neuseeland etwa gibt es eine große Forellenpopulation. Dort ist es
       gelungen, indem sich alle Menschen eine Angellizenz besorgen und so viel
       fischen können, wir sie verbrauchen können, sie dürfen die Fische jedoch
       nicht verkaufen. In den Restaurants dieser sehr touristischen Region gibt
       es keine Forellen. Dieses altes Prinzip - Gebrauch ja, Missbrauch nein -
       findet sich in allen Traditionen.
       
       Trotzdem kommt einem das fast schon exotisch vor ... 
       
       Es gibt es eine historische Entwicklung, die Gemeingüter immer wieder
       einzuhegen, durch Privatisierung, Patentierung oder Korruption. Das findet
       immer dort statt, wo die Ressourcen gerade am produktivsten sind. Der
       Zugriff auf Land wird eingezäunt, wenn Gene entschlüsselt sind, dann werden
       sie patentiert, und wenn wir die Materie auf Nanoebene zerlegen können,
       dann entsteht erst die Möglichkeit, die Materie auf Nanoebene zu
       privatisieren. Aber Machtverhältnisse verschieben sich auch. Wir haben
       technische Entwicklungen, die es uns erlauben, manche Dinge wieder in die
       eigenen Hände zu nehmen. Etwa bei der Energieproduktion, die bisher
       hochgradig monopolisiert war. Viele Bürgerinitiativen setzen auf selbst
       finanzierte, selbst organisierte Solarkraftwerke oder auf die
       Selbstversorgung von ganzen Gemeinden. Es ist auch ein gutes Beispiel, wie
       der Staat das unterstützen kann, per Energieeinspeisegesetz. Oder wir haben
       die größte Kopiermaschine aller Zeiten zu Hause stehen - das Internet -,
       wir können Wissen reproduzieren, produzieren und wieder in die Debatte
       einspeisen.
       
       Gerade das ist doch gerade in Deutschland nicht unumstritten ... 
       
       Ja, ein gutes Beispiel ist die Patentverwertungsoffensive der
       Bundesregierung von Anfang dieses Jahrtausends - also, dass öffentlich
       gefördertes und finanziertes Wissen, das an unseren Universitäten entsteht,
       doch bitte schön möglichst rasch über das Patentrecht verwertet werden
       soll. Wir hingegen finden, was öffentlich war und öffentlich finanziert
       wurde, soll öffentlich bleiben. Die Universitäten werden unter einen
       wahnsinnigen Druck gesetzt, sich auf dem Markt attraktiv zu machen.
       Stattdessen sollte Open Access für alle Publikationen gefördert werden, die
       an öffentlichen Unis entstehen!
       
       Noch ein Stichwort: Freie Software. Warum sind da, beispielsweise,
       brasilianische Behörden aufgeschlossener als europäische? 
       
       Bei Regierungen des Südens wächst das Bestreben, die technische Entwicklung
       in die eigene Hand zu nehmen - kein Wunder, wenn man alle drei Jahre eine
       Rechnung für Lizenzverträge von proprietärer Software für alle Rechner
       bekommt. Es ist ein Unterschied, ob man die Möglichkeit hat, selbst zu
       bestimmen, wann und wie man seine Software aktualisiert, wofür man sie
       einsetzt, ob man sie an die spezifischen Bedürfnisse der Verwaltung
       anpassen kann oder ob das von einem Konzern bestimmt wird. Ob man mit dem
       Geld, was man braucht, um die Rechner für die lokale Verwaltungen am Laufen
       zu halten, kleine Softwareunternehmen vor Ort ankurbelt oder es über
       Lizenzgebühren ins Ausland geht.
       
       Also geht es doch wieder um Wirtschaftsinteressen ... 
       
       Nicht nur. Die gegenwärtige Krise ist vor allem eine Krise des Denkens. Wir
       müssen weg von der Grundannahme des homo oeconomicus, die den Diskurs der
       letzten 40 Jahre bestimmt hat. Der Mensch ist viel mehr, er ist ein ein
       sozial eingebettetes Wesen: Erst wenn sich die anderen entfalten, wird
       meine Selbstentfaltung ermöglicht.
       
       8 Mar 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gerhard Dilger
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Reiseland Deutschland
       
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