# taz.de -- Katastrophen 2.0: "Leute, mir geht's gut"
       
       > Bei Katastrophen wie dem Erdbeben in Chile organisiert sich Hilfe über
       > das Netz. Warum das Netz bei Katastrophen so erfolgreich ist und über
       > welche Kanäle sich die Chilenen noch informierten, weiß Andreas Hetzer.
       
 (IMG) Bild: Personen-Suchprogramm (links), Facebooks "Global Desaster Relief" (rechts)
       
       taz: Nach dem Erdbeben in Chile war in weiten Teilen die Infrastruktur
       zusammengebrochen. Die Menschen haben trotzdem kommuniziert und zwar über
       sogenannte Social Network Services (SNS). Warum werden soziale Netzwerke
       zur Hilfe verwendet? 
       
       Andreas Hetzer: Nach einem Erdbeben wollen alle ihre Bekannten und Freunde
       anrufen, sofern sie noch über ein Handy verfügten. In Chile war das
       Handynetz anfangs aber total überlastet und nicht alle Personen waren
       telefonisch erreichbar. Also haben viele in Facebook Nachrichten gepostet,
       "Leute mir geht's gut, mein Haus ist zerstört, aber ich habe überlebt". So
       halten sie ihre Freunde auf dem Laufenden.
       
       Die Freunde allein reichen da aber nicht für einen wirklichen Effekt, oder? 
       
       Nein. Die Zeitung El Mercurio und die Suchmaschine Google haben zudem
       Plattformen zur Verfügung gestellt, um Vermisste zu suchen. Es gab Fälle,
       wo Jugendliche oder Kinder eine Nachricht gepostet haben, "Meine Eltern
       müssten da und dort sein, kann sie bitte jemand ausfindig machen und ihnen
       sagen, wo ich bin." Leute auf der ganzen Welt, in Spanien, Norwegen oder
       Kanada, haben diese Nachrichten gelesen, und bei den Behörden angerufen, um
       die Gesuchten ausfindig zu machen. Wir haben es also mit
       Verbindungspersonen zu tun, die sich angeboten haben, andere zu finden. Ich
       kenne jemanden, der jemand anderes kennt usw. So funktionieren Netzwerke
       klassischerweise. Es gab relativ viele Erfolgsfälle und viele die sich
       berufen gefühlt haben, anderen zu helfen.
       
       Wieso ist das Internet in Katastrophensituationen als Kommunikationsmittel
       so geeignet? 
       
       Ursprünglich wurde das Internet unter militärischen Gesichtspunkten
       entwickelt. Das US-Verteidigungsministerium wollte eine
       Kommunikationsinfrastruktur entwickeln, die auch in Fällen schwerer
       militärischer Zerstörung weiterhin funkionsfähig sein sollte. Und deshalb
       lässt sich das auf heutige Katastrophenszenarien übertragen, weil die
       Leistungsfähigkeit des Netzes durch die dezentralen Knotenpunkte auch bei
       Zusammenbrüchen in Teilen bestehen bleibt. Fällt also ein Server aus,
       springt ein anderer ein. Dazu kommt eben noch der mobile Internetzugang
       über PDAs, kleine tragbare Computer mit mobilem Internetzugang, die von der
       materiellen Infrastruktur vor Ort unabhängig sind. In dem Moment komme ich
       nach draußen, da kann ich etwas raus schicken und wenn es nur eine
       Twitternachricht ist. Die wird wiederum von anderen aufgegriffen und so
       weiter verbreitet.
       
       Wer hat überhaupt Zugang zum Netz in Chile? 
       
       In Chile ist die Handynutzung sehr hoch, es ist einer der modernsten
       Staaten in der Region und hat eine unheimlich gute Breitbandabdeckung. In
       Santiago de Chile liegt sie bei 80 Prozent, das ist absolute Spitze in
       Lateinamerika. In Deutschland haben wir laut Forschungsgruppe Wahlen eine
       Breitbandabdeckung von 60 bis 70 Prozent. Und die Nutzbarkeit der SNS und
       anderer Social-Web-Anwendungen (z.B. YouTube oder MySpace) ist natürlich
       auch immer abhängig von der Leistungsfähigkeit der technischen
       Infrastruktur, hier speziell der Übertragungsrate. Die ist in Chile sehr
       gut und kann leicht mit Deutschland mithalten.
       
       Ist man in Lateinamerika generell so gut ans Netz angebunden? 
       
       Hier muss man differenzieren. Der Zugang zum Internet hängt insbesondere
       vom Einkommen, Alter und in Lateinamerika vor allem auch von der
       Unterscheidung Zentrum-Peripherie ab. Es gibt immer noch große Ungleichheit
       beim Zugang zum Netz, Stichwort "Digital Divide". Digitale Kommunikation
       ist in Lateinamerika immer noch eine Elitenkommunikation, das ist in Chile
       besonders eklatant. Im Verhältnis zum Einkommen ist der Internetzugang in
       vielen Ländern immer noch ein Luxusgut, was sich in den Städten allerdings
       zu wandeln beginnt. In Chile, Argentinien oder Uruguay haben wir ein
       anderes Einkommensniveau und eine relativ breite Mittelschicht. Deshalb
       funktioniert die Hilfe in Katastrophensituationen über das Internet hier
       auch besser, als beispielsweise in Haiti, einem der ärmsten Länder des
       Kontinents. Denn diese sozialen Netzwerke im Internet tragen nur dann
       Früchte, wenn die Nutzung eine kritische Masse übersteigt.
       
       In Lateinamerika werden traditionell vor allem die Radios stark genutzt.
       Was sind die Vorteile gegenüber dem Internet? 
       
       Das Radio hat nach dem Erdbeben eine wichtige Rolle gespielt, weil der
       Zugang zu einem Empfänger eher besteht. Sie können mit Batterie betrieben
       sein und sind somit nicht auf Stromversorgung angewiesen. Dazu kommt die
       kollektive Nutzung: Pro Gerät können gleich mehrere Leute hören. Im Notfall
       erhält man hier Anweisungen, wie man sich zu verhalten hat, ob es Nachbeben
       geben wird, wie die Lage in anderen Regionen aussieht usw. So trägt diese
       Kommunikation zur Vermeidung von Panik bei. In ärmeren Regionen
       Lateinamerikas ist die Radionutzung im Vergleich zu anderen Medien noch
       immer enorm, auch weil es auf verschiedenen Sprachen, zum Beispiel auf
       indigenden Sprachen sendet. Statistiken sagen, dass Radio eine hohe
       Glaubwürdigkeit genießt. Viele Menschen, "Leute von uns", kommen zu Wort,
       das wirkt authentisch. Aber ich kann mich im Radio weniger prominent
       einbringen als im Web 2.0. Hier kann jeder etwas posten und so zur
       Netzkommunikation beitragen. Natürlich, aber dadurch ist die
       Informationsflut kaum überschaubar. Es wird ja nicht mehr über Gatekeeper
       gefiltert, wie bei den Massenmedien. Das gilt vor allem für Twitter. Das
       Rote Kreuz in Chile twittert und hat etwa 20.000 Follower.
       
       20.000 .. so viele sind das ja dann auch wieder nicht ... 
       
       Diese Zahl steigert sich um ein Vielfaches, wenn der Netzwerkeffekt zum
       Tragen kommt: dann nämlich, wenn jeder Follower wiederum über zahlreiche
       Anhänger und Freunde seines Twitteraccounts verfügt und Nachrichten
       retweetet, also über sein Netzwerk weiter sendet. Dadurch wird die Hilfe,
       Infos, die Suche nach Freiwilligen gut organisiert, zumal wir es beim Roten
       Kreuz mit einer vertrauenswürdigen Organisation zu tun haben. Das kann
       Panik vermeiden. Es kann aber auch genau der umgekehrte Fall passieren.
       
       Wie das denn? 
       
       Wenn jemand einen Tweet schickt und schreibt z.B. "Es gibt wahrscheinlich
       sofort ein Nachbeben", dann kann das in kürzester Zeit um die Welt laufen
       und zu Massenpanik führen. Und der Wahrheitsgehalt der Information ist in
       einer solchen Katastrophensituation nicht ohne Weiteres nachprüfbar.
       Deshalb würde ich das als sehr ambivalent einschätzen. Es hängt immer auch
       von der Medienkompetenz der Nutzer solcher Technologien ab.
       
       16 Mar 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sunny Riedel
       
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