# taz.de -- NS-Kriegsverbrecherprozess in Aachen: Lebenslang für Heinrich Boere
       
       > Das Landgericht Aachen verurteilt Ex-SS-Mann wegen Dreifachmordes. 1944
       > hatte er in den Niederlanden Zivilisten erschossen. Kinder der Ermordeten
       > sprechen von "Befreiung".
       
 (IMG) Bild: Der Angeklagte Boere berief sich in dem Prozess auf den Befehlsnotstand.
       
       AACHEN taz | Teun de Groots Augen leuchten. Glück meint man zu erkennen,
       zumindest große Genugtuung. "Das ist ein befreiendes Ergebnis", sagt der
       77-jährige Sohn des 1944 von Heinrich Boere heimtückisch erschossenen
       Fahrradhändlers Teun de Groot senior: "Ein Schlussstrich unter die Jagd auf
       Boere. Aber niemals ein Schlussstrich unter die Taten." Schade sei nur,
       sagt de Groot, dass Boere keinerlei Reue gezeigt habe: "Er ist ein Coward,
       ein Feigling, ja, das ist er."
       
       Überall zufriedene Gesichter. Heinrich Boere, 88, wurde zu "lebenslänglich"
       verurteilt. Er hatte 1944 als Mitglied des SS-Sonderkommandos Feldmeijer im
       besetzten Holland drei arglose Zivilisten erschossen, angeblich
       Widerständliche, so die SS-Führung. Die Taten hat Boere mehrfach zugegeben
       ("Peng peng, dann war es passiert."). Allerdings berief sich der ehemalige
       Bergmann immer auf Befehlsnotstand. "Ich habe nie das Gefühl gehabt, etwas
       Unrechtes zu tun", sagte Boere.
       
       Jahrzehntelang hatte sich die deutsche Justiz geweigert, Boere nach Holland
       auszuliefern - noch 1980 mit Verweis auf einen Erlass Adolf Hitlers - oder
       ihn selbst anzuklagen. Fast 66 Jahre nach den Taten dauerte die
       Urteilsbegründung genau 66 Minuten.
       
       Richter Gerd Nohl nannte Boere einen Überzeugungstäter. Es gebe keine
       Anhaltspunkte für Gewissensnot trotz Befehl, sagte Nohl. Die "heimtückisch
       abgegebenen Schüsse" seien "an Niederträchtigkeit und Feigheit kaum zu
       überbieten" gewesen, abgefeuert auf "Personen, die nichts getan haben, die
       vielleicht nur nicht deutschfreundlich genug eingestellt waren".
       
       Heinrich Boere blieb reglos wie immer. Ein Greis im Rollstuhl, herzkrank,
       aber beim Pflegepersonal in seinem Altenheim als lebenslauniger Geselle
       bekannt. Die Verteidigung kündigte Revision an. Deshalb ist das Urteil
       nicht rechtskräftig. Und ohne Fluchtgefahr kein Vollzug.
       
       Es wird Jahre dauern bis zur Rechtskraft - wenn Boere sie erlebt. Seine
       Haftfähigkeit ist schon heute zweifelhaft. Nebenkläger Detlef Hartmann:
       "Ich hätte mir einen Haftbeschluss gewünscht, als ein Zeichen. Meinetwegen
       hätte es Rechtsbeschwerde gegeben, und die Haft wäre aufgehoben worden.
       Aber dann hätte Boere vielleicht etwas gespürt. Das fehlte leider völlig."
       
       Dieneke Bicknese, Ehefrau des Enkels des Opfers, sagte: "Wir Bickneses
       hassen nicht, wir wollten Gerechtigkeit." Die gebe es nun, wenn auch keine
       Haft.
       
       23 Mar 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernd Müllender
       
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