# taz.de -- Kommentar Irak-Wahl: Bagdads neue Mitte
> Offensichtlich haben viele Iraker genug vom Denken in konfessionellen
> Schubladen. Das erklärt, warum diesmal eine säkulare Liste die meisten
> Stimmen erhalten hat.
Kaum ein Iraker sehnt sich zurück zu den Zeiten des Bürgerkriegs. Und
offensichtlich haben viele Iraker genug vom Denken in konfessionellen
Schubladen. Das erklärt, warum diesmal eine säkulare Liste die meisten
Stimmen erhalten hat. Dafür steht der - wenngleich äußerst knappe - Sieg
der Irakia-Liste, deren Chef Ajad Alawi für eine gesamtirakische Identität
eintritt, die sich jenseits von Religionszugehörigkeiten definiert.
Der Schiit hat in den sunnitischen Provinzen die meisten Stimmen erhalten,
weil sich die Menschen dort in seinem strikt säkularen Kurs am meisten
wiederfinden. Und er wurde von vielen Schiiten gewählt, die genug davon
haben, dass Politik und Religion zu stark miteinander vermischt werden.
Einen eindeutigen Wahlsieger gibt es im Irak allerdings nicht; keine Partei
wird nach dem geplanten Abzug der Amerikaner die politische Landschaft des
Landes dominieren. Nun stellt sich die Frage, ob die verschiedenen Listen
fähig sind, sich miteinander zu arrangieren, sei es in der Regierung oder
als Opposition.
Schaffen sie das nicht, könnten die verschiedenen Lager erneut zu den
Waffen greifen - etwa, wenn sich die schiitische Mehrheit nicht angemessen
repräsentiert, die Sunniten ausgeschlossen oder die Kurden in ihrer
Autonomie eingeschränkt fühlen. Die Politiker stehen also unter immensem
Druck.
Die USA, die immer noch 95.000 Soldaten im Land stationiert haben, dürften
über Alawis gutes Abschneiden zufrieden sein. Er gilt, neben den Kurden,
als wichtigster Garant gegen den wachsenden iranischen Einfluss auf den
Irak. Bei dem Versuch, in den nächsten Wochen in Bagdad eine neue Regierung
zu bilden, werden deshalb zwei andere Kräfte versuchen, hinter den Kulissen
ihre Interessen durchzusetzen. Sowohl Washington als auch Teheran werden
dabei ein gewichtiges Wörtchen mitreden.
28 Mar 2010
## AUTOREN
(DIR) Karim Gawhary
(DIR) Karim El-Gawhary
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