# taz.de -- Morde in Tschetschenien: Auftragskiller belastet Präsident Kadyrow
       
       > Der Herrscher der Kaukasusrepublik soll Morde nicht nur angeordnet,
       > sondern sich damit auch gebrüstet haben. Moskau traut sich nicht, gegen
       > seinen einstigen Günstling vorzugehen.
       
 (IMG) Bild: Der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow bei der Amtseinführung im April 2007.
       
       MOSKAU taz | Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow ist bekannt für
       Brutalität und Gnadenlosigkeit. Unzählige Morde und Entführungen werden dem
       Statthalter des Kreml in Grosny zugeschrieben. Auch bei den Morden an der
       Journalistin Anna Politkowskaja 2006 und der Menschenrechtlerin Natalja
       Estemirowa im letzten Jahr soll er die Finger im Spiel gehabt haben,
       vermuten unabhängige Ermittler.
       
       Beweise fehlen und zu einer Anklage kam es nie. Nicht verwunderlich, denn
       in Tschetschenien verkörpert Ramsan die höchste Rechtsinstanz und Moskau
       wagt nicht, den Günstling zur Verantwortung zu ziehen.
       
       In einem offenen Brief, den dass Massenblatt Moskowskij Komsomolez (MK)
       unlängst veröffentlichte, wird Kadyrow erstmals von einem Zeugen
       beschuldigt, Morde nicht nur in Auftrag gegeben, sondern sich dieser auch
       gerühmt zu haben. Bei dem Zeugen handelt es sich um einen erfolglosen
       Killer namens Chawasch Jussupow. Er wurde 2009 festgenommen, als er
       versuchte, den tschetschenischen Geschäftsmann Issa Jamadajew in Moskau zu
       töten. Jamadajew war es auch, der den offenen Brief mit Jussupows Aussagen
       aus dem Protokoll der Ermittlungsbehörde an die Zeitung gab.
       
       Der MK stellte auch ein Video des Verhörs auf seine Website [1][www.mk.ru].
       Darin behauptet der gescheiterte Attentäter, vom Präsidenten zum Mord
       genötigt worden zu sein. "Wenn du nicht bereit bist zu töten, bringen wir
       dich und deine Familie um", soll Kadyrow gedroht haben.
       
       Der Killer war mit seinem Opfer vertraut. Jussupow war Issas Bodyguard und
       kannte auch Jamadajews Bruder Sulim, der im Frühjahr 2009 nach offizieller
       Version bei einem Attentat in Dubai umkam. Issa behauptet, der Bruder sei
       noch am Leben.
       
       Kadyrow rühmte sich nicht nur des Mordes an Sulim, sondern auch an Issas
       Bruder Ruslan, der im September 2008 in Moskau auf offener Straße
       erschossen worden war. Sulim und Ruslan "sind auf meinen Befehl hin
       ermordet worden … ich werde auch noch ihre Familien umbringen", soll er
       gesagt haben. Der Mord an Ruslan ist bis heute nicht aufgeklärt worden.
       
       Die Jamadajews sind ein einflussreicher Clan in Tschetschenien, der wegen
       seiner Brutalität berüchtigt ist und schon Ende der 90er-Jahre mit
       Menschenhandel und Entführungen in Verbindung gebracht wurde. Im
       Tschetschenienkrieg 1994 bis 1996 kämpften die Jamadajews wie auch die
       Kadyrows auf Seiten der separatistischen Rebellen.
       
       Im zweiten Krieg wechselten beide Clans die Seiten. Die Jamadajews
       überließen den russischen Truppen die von ihnen beherrschte Stadt Gudermes
       kampflos. Moskau gestattete Ruslan Jamadajew, unter dem Dach des
       militärischen Geheimdienstes (GRU) ein unabhängiges Bataillon "Wostok"
       aufzustellen, und verlieh den Brüdern den Titel "Held Russlands".
       
       Als Ruslan 2003 in die Duma gewählt wurde, übernahm sein Bruder Sulim das
       Bataillon. Unter Ramsan Kadyrows Vater Achmat waren die Beziehungen
       zwischen den Clans noch freundschaftlich. Zum Zerwürfnis kam es erst nach
       der Machtübernahme Ramsans, der neben sich keine Konkurrenten duldete.
       Anfangs hielt der Geheimdienst noch seine schützende Hand über die "Helden
       Russlands", ließ sie aber 2008 wohl auf Drängen Kadyrows fallen.
       
       Chawasch Jussupow steht zurzeit in Moskau in einer nicht öffentlichen
       Verhandlung vor Gericht. Üblicherweise werden urteilsrelevante Fakten im
       Laufe eines Prozesses veröffentlicht. In diesem Verfahren geschieht dies
       nicht. Issa Jamadajew vermutet, dass Auftraggeber und wahre Hintergründe
       des Mordversuchs verschleiert werden sollen. Für ihn war das der Anlass,
       sich an die Öffentlichkeit zu wenden.
       
       Der Casus Jussupow sei der erste Fall, in dem die Hilflosigkeit der
       russischen Machtstrukturen gegenüber Tschetschenien sich deutlich zeigte,
       meint der russische Kaukasusexperte Grigorij Schwedow. Ernsthafte
       Konsequenzen für Kadyrow sieht er nicht.
       
       28 Apr 2010
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://www.mk.ru/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Klaus-Helge Donath
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Russland
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Mordfall Anna Politkowskaja: Elf Jahre Haft für Ex-Polizisten
       
       Der Ex-Polizist hatte gestanden, den Mord an der russischen Journalistin
       Anna Politkowskaja organisiert zu haben. Die Hintergründe sind immer noch
       ungeklärt.
       
 (DIR) Mord an Journalistin Politkowskaja: Jetzt fehlt nur noch der Auftraggeber
       
       Der mutmaßliche Organisator des Mordes an der russischen Journalistin Anna
       Politkowskaja ist festgeommen worden. Es ist ein ehemaliger Polizeibeamter.
       
 (DIR) Politische Verfolgung in Tschetschenien: Mord folgt auf Mord
       
       Sarema Sadulajewa arbeitete für die rein humanitäre Organisation "Retten
       wir die Generation". Auch ihr Vorgänger wurde bei einer sogenannten
       Säuberungsaktion ermordet.