# taz.de -- Ärztin über Gesundheitsreform: "Kopfpauschale löst Widerstand aus"
> Von der Gesundheitsreform sind viele betroffen. Deswegen könnten die
> Proteste größer werden als die gegen Hartz IV, sagt die Ärztin Nadja
> Rakowitz.
(IMG) Bild: " In öffentlichen Krankenhäusern herrscht bisher noch keine Notwendigkeit, kapitalistische Profite zu machen", sagt Rakowitz.
taz: Frau Rakowitz, könnte die Bewegung gegen die Kopfpauschale der
Bundesregierung so groß werden wie die Proteste gegen Hartz IV?
Nadja Rakowitz: Die Proteste könnten sogar noch größer werden. Denn von
Hartz IV fühlten sich viele Menschen nicht betroffen und kümmerten sich
nicht darum. Doch von der Kopfpauschale und anderen Formen der
Gesundheitsreform sind viele betroffen. Das könnte mehr Potenzial zum
Widerstand haben.
Aber Politiker der Koalition rücken doch schon längst von der Kopfpauschale
à la FDP ab.
Sicherlich, es ist noch nicht klar, wer sich in der Koalition durchsetzt.
Es wird vor der Landtagswahl in NRW verstärkt betont, dass es einen
abrupten Systemwechsel in der Gesundheitspolitik nicht geben soll. Dabei
liegt die Betonung auf abrupt. Doch auch eine stufenweise Hinführung zur
Kopfpauschale ist abzulehnen, weil sie dazu beiträgt, dass das
Gesundheitssystem unsozialer wird. Zudem sind wir Zeugen der Einführung
einer kleinen Kopfpauschale, weil verschiedene Krankenkassen bereits einen
pauschalen Zusatzbeitrag erheben.
Warum kämpfen Sie dann nur gegen die Kopfpauschale?
Es ist sicherlich das Projekt, an dem sich der größte Widerstand entzünden
wird. Aber eine Bewegung gegen die Kopfpauschale reicht sicher nicht aus.
Es muss darum gehen, den Fokus der Kritik auf die Unterwerfung der
Gesundheitspolitik unter Kapitalinteressen zu richten.
Halten Sie die von Attac und anderen propagierte Parole "Gesundheit ist
keine Ware" für mobilisierungsfähig?
Sicherlich kann diese Parole dabei helfen, ein größeres Bündnis zu
schmieden. Denn noch ist es in großen Teilen der Bevölkerung weitgehend
Konsens, dass Gesundheit keine Ware werden darf. Doch aus einer
emanzipatorischen Perspektive kann es nicht ausreichen, nur bestimmte
Refugien wie Gesundheit und Bildung aus der Kapitalverwertung
herauszuhalten.
Ist nicht auch Gesundheit in Deutschland schon eine Ware?
Nein, noch nicht flächendeckend. Zum Beispiel in öffentlichen
Krankenhäusern herrscht bisher noch keine Notwendigkeit, kapitalistische
Profite zu machen. Durch die Konkurrenz müssen heute aber auch öffentliche
Krankenhäuser wirtschaften, als ob sie Unternehmen wären.
3 May 2010
## AUTOREN
(DIR) Peter Nowak
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