# taz.de -- Erweiterung der Berliner Mauergenkstätte: Der rostige Stahl des Gedenkens
       
       > Am Freitag eröffnet der erste Abschnitt der Gedenkstätte Berliner Mauer
       > an der Bernauer Straße. Mit einem zeichenhaften Konzept aus rostrotem
       > Stahl wird sehr zurückhaltend an die traumatische Spaltung der Stadt
       > erinnert.
       
 (IMG) Bild: Die ausgebaute Mauergedenkstätte entlang der Bernauer Straße
       
       Rostbraun, betongrau und grün sind die bestimmenden Farben auf dem 300
       Meter langen ersten Abschnitt der "Gedenkstätte Berliner Mauer an der
       Bernauer Straße". Im satten grünen Gras gehalten haben die Architekten
       Sinai/ON/Mola die weiten Flächen des ehemaligen Todesstreifens zwischen
       Garten- und Ackerstraße. Grau dagegen stehen die originalen Mauerreste im
       Raum.
       
       Den nicht mehr existierenden Grenzverlauf schließlich markiert ein Vorhang
       aus dicht gesteckten, rostigen, über drei Meter hohen Stahlstäben. Aus dem
       gleichen Cortenstahl werden die authentischen Spuren des Postenwegs, der
       Hinterlandmauer oder anderer früherer Weg- und Absperrsysteme sehr filigran
       und künstlerisch nachgebildet. "Alles, was nach dem Fall der Mauer 1989
       verloren ging, haben wir nicht rekonstruiert", erklärt Axel Klausmeier,
       Direktor der Stiftung Berliner Mauer, als er über das Gelände führt.
       "Alles, was fehlt", werde durch die neuen "leuchtend rostigen Stahlelemente
       nachgezeichnet".
       
       Wenn am Freitag der knapp 300 Meter lange und für 3,2 Millionen Euro teure
       Gedenkabschnitt vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und der
       Mauer-Stiftung eröffnet wird, kommt das einem kleinen Schritt gleich auf
       der insgesamt 1,5 Kilometer langen Geschichtsmeile, die entlang der
       Bernauer Straße geplant ist.
       
       Dennoch muss die Fertigstellung des Teilstücks als großer Sprung in der
       Erinnerungslandschaft Berlins bezeichnet werden. Ist es doch geglückt, nach
       dem Streit über die Gestaltung ein ebenso schlichtes wie wirkungsvolles
       Konzept zum Gedenken an die Zeit des Mauerbaus zu finden. Die befürchtete
       Masse aus Mauer- und Erinnerungsschrott ist - bis auf einige Ausnahmen wie
       die Grabungen nach Wachturmfundamenten, elektrischen Leitungen oder nachts
       leuchtende Grenzlampen - zurückgenommen worden. "Mit den abstrakten
       Mitteln", sagt Klausmeier, werde die zeitgeschichtliche Bedeutung der
       einstigen Schnittstelle zwischen Ost- und Westberlin "auf andere, neue
       Weise sichtbar" gemacht. Die Erinnerung an die breite, tiefe Wunde, die die
       Bernauer Straße bis dato hinterlassen hat, werde durch das zurückhaltende,
       assoziative Gedenkkonzept nicht emotional aufgeladen. Die 270.000 Besucher
       jährlich fänden sich in "keiner Todesstreifenkulisse", sie würden
       aufgeklärt.
       
       Ab 2011 soll der zweite Abschnitt, auf dem bereits die Kapelle der
       Versöhnung steht, in gleicher zeichenhafter Weise realisiert werden. 2012 -
       Klausmeier befürchtet, "dass es 2013 werden könnte" - wird mit der
       Fertigstellung der insgesamt über 20 Millionen Euro teuren Gedenkstrecke
       über die Brunnenstraße bis zum Mauerpark gerechnet. Das "Gesamtkonzept
       Berliner Mauer" war 2005 vom damaligen Kultursenator Thomas Flierl (Linke)
       mit dem Bund entwickelt worden. Für Kulturstaatssekretär André Schmitz
       (SPD) bildet die Gedenkstätte heute "den zentralen Eckstein" im dezentralen
       Feld des Mauergedenkens.
       
       "Das Motiv rostiger Stahl", wie der Direktor das morbide Programm aus
       Stahlstangen, Stelen, Platten oder Tafeln nennt, teilt sich in drei
       Schwerpunkte auf: Infostelen an der Ackerstraße bieten Hör-, Text- und
       Filmmaterial zur Geschichte der Mauer und des Grenzstreifens an. Auf dem
       mittleren Abschnitt an der ehemaligen Bergstraße erzählen weitere
       Stahlroboter vom Verschwinden der Straße sowie dem immer dichter
       konzipierten Aufbau des Grenzstreifens mit Wachtürmen und Schussanlagen.
       Der dritte Standort erinnert mit einer stählernen Bilderwand - um die es
       Krach gab, weil die toten DDR-Grenzer außen vor blieben - an die 136 Opfer
       an der Mauer. Zudem erzählen weitere Infostelen die Geschichte des
       Friedhofs der Sophiengemeinde, der ab 1961 im Grenzabschnitt lag und dessen
       nördliche Grabfelder nach dem Mauerbau eingeebnet wurden.
       
       Es ist gut, dass die Sophiengemeinde hier so viel Aufmerksamkeit erhält:
       Ohne die Sturheit der Gemeinde und deren Pfarrer Manfred Fischer würde es
       wohl weder die Mauerreste noch dieses Gedenkkonzept geben. Die Gemeinde
       hatte nach dem Mauerfall die Platten auf ihrem einstigen Friedhofsareal
       nicht völlig abgetragen. Erst 1997, "um auf die sich dort befindlichen
       Grabstellen ziviler Kriegsopfer aufmerksam zu machen", so Fischer, schlug
       man eine 19 Meter lange Lücke in die Mauerwand.
       
       Als 2008 Kulturpolitiker aller Couleur bis hinauf zu Staatsminister Bernd
       Neumann die Idee ins Spiel brachten, die Lücke wieder mit noch vorhandenen
       originalen Mauerteilen zu schließen, um damit den einstigen Schrecken
       besser erlebbar zu machen, weigerte sich die Gemeinde. "Ein Disney", eine
       DDR-Revision, werde es mit ihm nicht geben, mauerte Pfarrer Fischer.
       
       Wie sinnvoll diese Mauer war, verdeutlicht jetzt die neue Gedenkstätte.
       
       19 May 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rolf Lautenschläger
       
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