# taz.de -- Private Viewing mit Autor Zafer Senocak: Alle so Wohlerzogen
> Argentinien-Nigeria in der "Osteria No. 1" in Berlin Kreuzberg. Und ein
> Gespräch mit Zafer Senocak über Integration, Extravaganz und Poesie.
(IMG) Bild: Brenzlige Szene Argentinien gegen Nigeria: Zafer Senocak hat 3:1 getippt.
BERLIN taz | Rote Designer-Sneekers, die sich zur Spitze hin ganz leicht
nach oben wölben, halblanger schwarzer Mantel, Zafer Senocak hat sich die
"Osteria No. 1" fürs gemeinsame Public Viewing des Spiels Argentinien -
Nigeria gewünscht. Aus Nostalgiegründen, sagt er. Anfang der neunziger
Jahre hat der Lyriker, Essayist und Schriftsteller gegenüber dem ehemals
legendären italienischen Szenerestaurant in Berlin-Kreuzberg gewohnt. Heute
ist der Ort nicht mehr so angesagt, das Zelt eher locker gefüllt.
Fan? Klar, seit 1974. Ich war damals nicht lange in Deutschland, erzählt
er, und hier gabs Farbfernsehen. Ich habe die WM also in Bunt gesehen. Das
prägt fürs Leben. 3:1 für Argentinien ist Senocaks Tipp. Obwohl er, wie die
meisten hier, dem Außenseiter Nigeria den Sieg wünscht. Bis auf die zwei
auffallend gut aussehenden Frauen neben uns. Die springen von der Bierbank
auf und bleiben regungslos stehen. Es ertönt die argentinische Hymne,
Spaßpatriotismus kann also auch ernst sein. Wir ziehen kurz die Augenbraue
hoch und plaudern weiter. Drei Minuten nach Anpfiff werden die Damen zum
ersten Mal laut werden.
Die glattgezogenen Jungs von der aktuellen deutschen Elf sind Senocak zu
nett. Schon die Spitznamen! "Schweini", wer wäre jemals auf die Idee
gekommen, "Netzi" oder "Becki" zu sagen? Immerhin ist die Mannschaft nicht
mehr so bierernst und reindeutsch, werfe ich das Argument eines Kollegen
ins Feld, das sei doch ein Fortschritt. Na prima. Die Deutschen jetzt also
mit migrantischen Kleinbürgern.
Lauter wirds nicht
Senocak trinkt Bier. Lionel Messi rennt und rennt, Heinze trifft. Noch mal
wird der nigerianische Torhüter das nicht zulassen. Die jungen Leute heute,
Senocak grinst, hätten so ein erstaunlich neutrales Verhältnis zur
Ordnungsliebe, es fehle der Spaß an der Extravaganz, ein wenig fade sei das
schon. Außerdem: Charakter sei wirklich viel wichtiger als Nationalität
oder von ihm aus auch Internationalität.
Senocak erinnert mich an den Westberliner Linksintellektuellen aus den
coolen Achtzigern. Natürlich ist man anders und schlauer als die meisten,
natürlich ist man machtkritisch und macht sein eigenes Ding. Zugleich wird
eine gewisse Volksnähe durch die Leidenschaft zum Fußball gewahrt, auch
klar. Was bei ihm aber fehlt, sind die damals obligatorische Arroganz und
die ostentativ schlechte Laune. Senocak wirkt fröhlich, selbstironisch und
vorsichtig.
Das Spiel verliert an Fahrt, wir hoffen, dass dem Kommentator kleine
Inkorrektheiten gegenüber "den" Afrikanern unterlaufen. Umsonst. Auch diese
Jungs sind mittlerweile gut erzogen, Tabuverletzung oder geschmacklose
Witze, das läuft nicht - was natürlich auch sein Gutes hat, rufen wir uns
umgehend zur Ordnung.
Einzig der Lärm zerrt weiter an den Nerven der westlichen Besucher.
Reinhold Beckmann ist in der Pause sichtlich angeschlagen und kann kein
rechtes Interesse für seinen Gast aufbringen, der gut gelaunt und in fast
perfektem Deutsch die angeblich eigentlich afrikanische Tröte vorführt, die
aus Antilopenhorn. Hey, du hast noch ein paar Wochen vor dir, rufen wir ihm
leise zu, da hilft nur die Kapitulation, leiser wirds nicht werden.
Das Klischee vom Afrikaner, der noch nicht reif ist, um Großveranstaltungen
auszurichten, musste ja aufgegeben werden, meint Senocak. Die Chancen, dass
es durch das vom stets undifferenziert, also ohne Sinn und Verstand
lärmenden Afrikaner ersetzt wird, stehen ganz gut.
Im Deutschen ironischer
In unserem Zelt kann von Vergemeinschaftung durch Radau keine Rede sein.
Zafer Senocak erzählt ungestört von seiner unlängst beendeten Lesereise in
die Türkei. Er habe immer auch auf Türkisch geschrieben, aber bislang vor
allem seine deutschsprachigen Texte veröffentlicht. Seit Kürzerem nun
arbeite er tatsächlich in beiden Sprachen.
Und was für ein Autor bist du im Türkischen? Oje, die "Wer bist du?-Frage"!
Senocak stöhnt und überlegt trotzdem. Im Deutschen bin ich eindeutig
ironischer, vielleicht auch noch etwas analytischer. Essays schreibe ich
auch nur auf Deutsch, Gedichte in beiden Sprachen. Aber immer diese Sorge
um die Mehrsprachigkeit und nationale Identitäten, meine Güte. "Sprachen
sind nicht aufeinander eifersüchtig", hat er einmal geschrieben, und ein
bisschen Schizophrenie ist schon in Ordnung, fügt er hinzu.
Als Premiumbeispiel für den entspannten Umgang mit Kulturmixturen fallen
ihm die deutschen Fahnen mit Halbmond anstelle des Bundesadlers ein. Sie
sind im Moment wieder überall in Kreuzberg zu sehen, spart ja auch Platz.
Schlusspfiff, Anstandsapplaus. Der Anfang ist eben immer ein bisschen zäh.
Kollegen vom Poesiefestival lassen übers Handy wissen, dass sie noch in
Potsdam sind. Offenbar touristisch ambitioniert. Senocak schüttelt lächelnd
den Kopf.
14 Jun 2010
## AUTOREN
(DIR) Ines Kappert
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