# taz.de -- Achtelfinale der Fußball-WM: Zeit fürs Drama
       
       > Es beginnt die K.o.-Runde der WM. Und mit ihr die Dramatik des Duells vom
       > Punkt, in dem Helden und Versager geboren werden. Beim Elfmeterschießen,
       > der Königsdisziplin.
       
 (IMG) Bild: Zettel im Stutzen, Gegner verwirrt, Ball gehalten: Jens Lehmanns legendärer Auftritt im Viertelfinalspiel gegen Argentinien bei der WM 2006
       
       Die Stille. Die Anspannung. Die Entscheidung. Das archaische Duell - Auge
       in Auge. Die radikale Reduktion dessen, worum es letztlich geht: Sieg oder
       Niederlag. Und für alle reinen Ereigniszuschauer die unterhaltsamste Form
       des Fußballs überhaupt - das Elfmeterschießen. Von Spielern und Trainern
       verständlicher-, von echten Fans und Kommentatoren befremdlicherweise als
       "reine Glückssache" verpönt, ist es für den Betrachter, der um den Reiz von
       Turnieren und Pokalspielen weiß, der darin liegt, dass eben nicht immer der
       Beste gewinnt, ein besonderer Genuss. (Und für Sportwissenschaftler ein
       endloses Thema.)
       
       Dabei ist es längst ein Gemeinplatz, dass die Rede von der "Angst des
       Tormanns beim Elfmeter" falsch ist, und bereits die Redewendung, etwas sei
       wie ein Elfmeter, zeigt an, wen Versagensfurcht plagen könnte. Für den
       Torwart hingegen ist der Strafstoß, mehr noch das Elfmeterschießen die
       einzige Situation, in der er zwar einiges richtig, aber nichts falsch
       machen kann.
       
       Natürlich kann er sich über die bevorzugten Schusstechniken seiner
       Kontrahenten informieren. "Ayala 2 lange warten, langer Anl. rechts", stand
       auf Jens Lehmanns berühmtem Zettel, den ihm Torwarttrainer Andreas Köpke im
       WM-Viertelfinale 2006 zugesteckt hatte. Allerdings könnte man ohne
       Tollkühnheit behaupten, dass darauf ebenso gut das Rezept von Mama Köpkes
       Apfelkuchen hätte notiert sein können.
       
       Denn das Duell mit Robert Ayala folgte zwar Köpkes Regieangaben, doch bei
       anderen Schützen nutzte Lehmann sein Wissen um deren Lieblingsecken nichts.
       Dafür hielt er gegen Esteban Cambiasso, der auf dem Spicker gar nicht
       verzeichnet war. Demnach hätte Lehmann vor allem dank der Verunsicherung
       gehalten, die er auslöste, als er ständig seinen Zettel aus dem Stutzen
       kramte.
       
       Überhaupt, die Psychologie: Ganz ohne Feindstudien kann der Torwart
       versuchen, den Schützen durch allerlei Imponiergehabe zu beeindrucken - wie
       die 17-jährige Anna Felicitas Sarholz von Turbine Potsdam kürzlich im
       Champions-League-Finale der Frauen gegen Olympique Lyon - oder durch wildes
       Herumzappeln zu irritieren - unvergessen: Jerzy Dudek, der polnische
       Torwart des FC Liverpool, im Champions-League-Finale der Männer 2005 gegen
       den AC Mailand. Schließlich kann er dieselben Mittel anwenden wie der
       Schütze: Beobachtung, Antizipation, Täuschung.
       
       Im Elfmeterschießen können Torhüter zu Helden werden. Aber Helden sind
       romantische Figuren, und die größten unter ihnen sind nicht jene, die den
       Bösewicht niederringen, die Prinzessin heiraten und hernach alt, glücklich
       und zuckerkrank werden. Die wahren Helden sind die unglücklichen Figuren:
       Achill, nicht Odysseus; Che, nicht Castro; Werther, nicht Harry. Das
       Elfmeterschießen gebiert vornehmlich diese Art von Helden.
       
       Den langjährigen Bayern-Manager Uli Hoeneß etwa. Trotz seiner großen
       Erfolge mit dem FC Bayern und der Nationalmannschaft ist aus seiner
       Spielerlaufbahn vor allem eine Szene in Erinnerung, von der die nationale
       Fußballsaga zwischen den Kapiteln "Wasserschlacht von Frankfurt" und
       "Schmach von Cordoba" berichtet: die "Nacht von Belgrad". Im EM-Finale
       1976, es war das erste Turnier, bei dem ein Elfmeterschießen Anwendung
       fand, drosch Hoeneß den Ball in den nächtlichen Belgrader Himmel. Oder
       Roberto Baggio. Bei der WM 1994 schoss er Italien fast allein ins Finale,
       nur um dort den entscheidenden Elfer hoch übers Tor zu donnern.
       
       Der König des Elfmeterversagens aber ist der heutige Achtelfinalgegner der
       Deutschen: England. Denn während die DFB-Teams nach 1976 bei Europa- oder
       Weltmeisterschaften sämtliche ihrer fünf Elfmeterduelle gewannen, siegte
       England nur einmal, nämlich im Viertelfinale der Heim-EM 1996. Allerdings
       währte die Freude nicht lange, denn bereits im Halbfinale scheiterte man
       wie bei der WM 1990 an Deutschland. Die Namen der Fehlschützen (1990:
       Stuart Pearce und Chris Waddle, 1996: Gareth Southgate) weiß heute noch
       jeder englische Teenager aufzusagen.
       
       Ähnlich schlecht (1:4) sieht die Bilanz der Niederländer aus: Grund genug
       zur Annahme, dass der Mangel an guten Torhütern nicht oder nicht allein die
       englische Elfmetermisere erklären kann. Davon ist auch der norwegische
       Sportpsychologe Geir Jordet überzeugt, der im vorigen Jahr eine Studie über
       das Abschneiden acht europäischer Nationalmannschaften seit 1976 vorlegte.
       
       Sein Befund: Je größer die Anzahl berühmter, hoch bezahlter und mit Titeln
       dekorierter Spieler, desto größer die Wahrscheinlichkeit des Versagens.
       "Elfmeterschießen ist der extremste Fall von Leistungsdruck im Fußball,
       wenn nicht gar im ganzen Sport", schrieb Jordet im Journal of Sport and
       Sciences. Unter dem größten Druck aber stünden die Stars. Und von diesen
       habe kein europäisches Nationalteam in den letzten Dekaden so viele in
       ihren Reihen gehabt wie die Niederlande und England.
       
       Ein weiterer psychologischer Umstand ist die Situation vor dem
       Elfmeterschießen. Oft gewinnt jene Mannschaft, die sich im Lauf des Spiels
       schon als Verlierer wähnte: Beispielsweise auch die Türkei im
       EM-Viertelfinale 2008, als Kroatien zwar in der vorletzten Minute der
       Verlängerung in Führung ging, die Türken aber noch zum 1:1 ausgeglichen.
       
       Um all diese Dinge wissend haben Fabio Capello und Joachim Löw in diesen
       Tagen das Elfmeterschießen üben lassen. Doch längst nicht alle Trainer
       halten das für sinnvoll. Der deutsche Reservetorhüter Hans-Jörg Butt vom FC
       Bayern, der, selten genug, auch als Schütze den Ruf des Elfmeterexperten
       genießt, formuliert die Gegenthese so: Man könne zwar die Bewegungsabläufe
       verbessern, aber "die psychische Belastung eines Elfmeterschießens kannst
       du nicht trainieren, weil du beim Training eben nichts zu verlieren hast".
       
       Ein Elfmeterschießen lässt sich noch weniger vorhersagen als der Rest einer
       Partie. Alles ist möglich! Selbst die abwegig klingende Vorstellung, dass
       England ein Elfmeterschießen gewinnt. Genau darum ist es ja so bezaubernd.
       
       25 Jun 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Deniz Yücel
       
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