# taz.de -- Rossmann-Gründer über Spitzensteuer: "Die Reichen haben Angst"
       
       > Der Drogerie-Unternehmer fordert: Die Steuern auf Gewinne und hohe
       > Einkommen müssen steigen. Er sagt auch, viele Wohlhabende würden das
       > unterstützen.
       
 (IMG) Bild: „Die Regierung sollte besser für gute Stimmung sorgen“: Dirk Roßmann, 63.
       
       taz: Herr Roßmann, Sie kritisieren das Sparpaket der Bundesregierung als
       sozial unausgewogen. Warum? 
       
       Dirk Roßmann: Es mag übertrieben klingen: Aber man darf jetzt nicht die
       Schwächsten der Gesellschaft zur Kasse bitten. Das würde uns allen schaden.
       Jeder Cent, den ein Hartz-IV-Bezieher ausgibt, unterstützt die
       Binnennachfrage und hält die Wirtschaft in Gang. Umgekehrt fehlt jeder
       Cent, den man bei den Arbeitslosen kürzt, letztlich auch in den Kassen der
       Unternehmen.
       
       Die Bundesregierung will 2011 rund drei Milliarden Euro allein beim
       Arbeitslosengeld sparen. Was schlagen Sie stattdessen vor? 
       
       Ich plädiere nicht dafür, den Sozialetat auszuweiten. Aber den sozial
       Schwächeren noch etwas wegzunehmen, ist in der gegenwärtigen Lage eine sehr
       schlechte Idee. Besser sollte die Regierung für gute Stimmung sorgen. Denn
       das ist unser Problem: Es herrscht eine gedrückte Atmosphäre. 2009 kamen
       30.000 Kinder weniger zur Welt als im Jahr zuvor. Das liegt auch an den
       Sorgen, die sich die Menschen machen.
       
       Was genau sollte die Regierung denn tun? 
       
       Für reiche Privatpersonen und Unternehmen könnten die Steuersätze ruhig um
       drei Prozent steigen. Die Leute mit den höchsten Einkommen würden dann
       nicht 45, sondern 48 Prozent entrichten. Das wäre ein scharfer Schnitt und
       würde zu einem heftigen Aufschrei führen. Aber die Diskussion über den
       armen Staat, das Sparen und die Schulden muss endlich aufhören. Die lähmt
       uns doch.
       
       Ihnen gehört eine der größten Einzelhandelsfirmen Deutschlands. Von anderen
       Unternehmern ist oft zu hören, dass der Staat ihnen schon heute zu viel
       Geld wegnehme. Warum sehen Sie das nicht so? 
       
       Weil es nicht stimmt. Früher waren die Steuern tatsächlich zu hoch, aber
       durch die Reformen unter Kanzler Gerhard Schröder ist die Belastung
       gesunken. Wir sind eine extrem starke Exportnation und produzieren auf
       Augenhöhe mit China. Deshalb könnte man den Unternehmen jetzt durchaus,
       vielleicht befristet für drei Jahre, eine rund drei Prozent höhere
       Körperschaftssteuer zumuten.
       
       Sie sprechen mit anderen Unternehmern. Was sagen die zu Ihrer Idee,
       Wohlhabende stärker zu belasten? 
       
       Unter den Vermögenden geht eine Angst davor um, dass uns unser System um
       die Ohren fliegt. Kalifornien beispielsweise, ein Staat mit 37 Millionen
       Einwohnern, kann schon heute oft seine Handwerkerrechnungen nicht mehr
       bezahlen und bietet stattdessen Schuldscheine an. Dass Deutschland in
       diesem Jahr knapp 20 Prozent seines Bundeshaushaltes mit Krediten
       finanzieren muss, sehen viele Menschen als Problem. Sie betrachten so etwas
       als Krisensymptom.
       
       Sie und Ihre Gesprächspartner sind also nicht in erster Linie beunruhigt
       über die zunehmende soziale Spaltung der Gesellschaft, sondern über die
       schlechte Lage der öffentlichen Finanzen? 
       
       Natürlich geht es auch um soziale Gerechtigkeit. Niemand will, dass breite
       Schichten immer ärmer werden. Aber das ist nicht der zentrale Punkt. Den
       sehe ich in der Überforderung des Staates und ihrer möglichen Folgen. Denn
       was kann dabei herauskommen? Zum Beispiel auch eine hohe Inflation, die
       unseren Wohlstand möglicherweise schnell dezimiert.
       
       Die Gesellschaft driftet auseinander - nicht nur durch das Sparpaket der
       Regierung. Verantwortlich dafür sind auch die Unternehmen, die die Löhne
       der Beschäftigten im vergangenen Jahrzehnt kaum erhöht haben. Wie sieht es
       bei Rossmann aus, warum haben Sie keinen Tarifvertrag? 
       
       Ich war noch nie Mitglied in einem Verband oder einer Partei. Das passt
       nicht zu mir. Trotzdem zahlen wir natürlich Löhne, die dem Tarifvertrag
       entsprechen oder darüber liegen. Das ist uns sehr wichtig. Respekt und
       Achtsamkeit gegenüber jedem Mitarbeiter - ganz gleich, wo er in der
       Hierarchie steht und welchen persönlichen Hintergrund er hat - sind bei
       Rossmann selbstverständlich. Nur Mitarbeiter, die morgens gerne zur Arbeit
       kommen, sind wirklich engagiert, und dies spüren auch die Kunden.
       
       Einerseits sagt die Gewerkschaft Ver.di, Sie seien ein "sozialer
       Kapitalist". Andererseits praktizieren auch Sie die Niedrigpreisstrategie.
       Drücken niedrige Verkaufspreise nicht auf die Löhne? 
       
       Nein. Die großen Markenhersteller verkaufen die Dose Hautcreme
       beispielsweise für fünf Euro. Bei uns dagegen kostet ein ähnliches Produkt
       mit derselben Qualität 1,99 Euro. Warum? Weil wir bei unseren Eigenmarken
       viel weniger Geld für Image, Marketing und Werbung ausgeben als die
       Markenhersteller.
       
       Sie behaupten von sich, Sie seien mit einer niedrigen Rendite durchaus
       zufrieden. Was ist der Grund? 
       
       Wir haben im vergangenen Jahr gut drei Prozent vom Umsatz vor Steuern
       verdient. Das ist genug, um solide wirtschaften zu können.
       Markenartikelhersteller verdienen oft zehn Prozent und mehr.
       
       28 Jun 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hannes Koch
       
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 (DIR) Reichensteuer
       
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