# taz.de -- Private Viewing mit Soziologin: "Schweini hat Zukunft"
       
       > Die Geschlechterforscherin Sabine Hark schaut das Achtelfinale Brasilien
       > gegen Chile. Sie sagt: "Der DFB ist schon viel weiter als die
       > Geschlechterstudien".
       
 (IMG) Bild: Gute Pizza und unaufgeregtes Abhängen: Sabine Hark (links) in einem Kreuzberger Biergarten.
       
       BERLIN taz | Die Professorin für Geschlechterforschung begeistert sich für
       Fußball, oft zieht sie sich am Samstag in eine Skybar zurück und sieht sich
       die Bundesliga an; oft ist sie dann die einzige Frau. "Dabei sind das in
       der Regel sehr angenehme Orte", sagt Hark, "es geht nur um Fußball, alles
       andere spielt keine Rolle. Das mit den Freizeitoasen haben sich die Männer
       gut eingerichtet."
       
       Gleich beginnt Brasiliens Spiel gegen Chile, wir sitzen in einem
       Kreuzberger Biergarten nahe dem Landwehrkanal. Mindestens ebenso viele
       Frauen wie Männer sind da und trinken Bier, die Mehrheit ist für Chile.
       Auch Hark, aber sie tippt auf 3:1 für die Brasilianer.
       
       Was ist von der neuen Begeisterung von Frauen fürs Public Viewing zu
       halten? "Frauen wollen heute bei der großen Party dabei sein. Warum auch
       nicht?" Aber warum interessieren sie nur die Großereignisse? Warum
       partizipieren sie an der maskulinen Pausenkultur nicht auch übers Jahr
       hinweg? "Tja, blöd. Ich finde ja, sie verpassen etwas. Weibliche Präsenz
       wird in ehemaligen Männerdomänen zwar mehr und mehr akzeptiert, trotzdem
       ist unaufgeregtes Abhängen in der Öffentlichkeit noch immer ein männliches
       Privileg."
       
       Brasilien dominiert das Spiel, es will keine rechte Stimmung im Biergarten
       aufkommen. Aber die Pizza ist gut. Spannender als die Zuschauerinnen,
       überlegt Hark, fände sie, wie derzeit im Spitzenfußball neue Männermodelle
       beworben würden. "Gefragt ist der kommunikative, emotionale Mann, der die
       weltweite, neoliberale Aufwertung der sogenannten Softskills widerspiegelt.
       Schweinsteiger etwa. Weil er so viel auf dem Platz kommuniziert, bezeichnen
       ihn die Kommentatoren wahlweise als Herz oder Seele der Mannschaft. Früher
       hätte ihn eine solche Anteilnahme zum Weichei gestempelt, heute verkörpert
       er den neuen Mann, quasi die Zukunft."
       
       Hark grinst und fährt fort: "Ballack hingegen ist ein Auslaufmodell. Es ist
       irre, wie schnell sich die Stimmung gegen ihn gewendet hat. Vor der WM war
       er noch Deutschlands Hoffnung, jetzt ist nicht mal mehr sicher, ob er ins
       Nationalteam zurückkehren wird. Natürlich vor allem, weil er verletzt ist,
       aber auch, weil man ihm nicht zutraut, sich in diese neue, uneitle
       Mannschaft integrieren zu können."
       
       Mir geht dieses Loblied zu weit. "Nun mal halblang", entgegne ich, "die
       Spieler zeigen eine gewisse soziale Kompetenz, sie reden mehr, sie dürfen
       auch mal depressiv sein, sie halten zusammen und spielen den gewünschten
       Kompaktfußball …" Hark unterbricht mich: "… ohne deswegen auf Kreativität
       zu verzichten, wie ja viele meinen." - Ich lass mich nicht abwimmeln:
       "Richtig. Aber das macht den Profifußball doch längst nicht zum Motor einer
       neuen Männlichkeit, die weibliche Elemente wie Emotionalität und Fürsorge
       nicht mehr abwertet. Du übertreibst!" Nicht unbedingt, findet Hark: "Der
       Erfolg von Zweigeschlechtlichkeit basiert ja immer auf der Gleichzeitigkeit
       von Beharrungsvermögen und Flexibilität. Insofern haben wir es jetzt mit
       dem Modell des harten und gefühlvollen Mannes zu tun. Und das ist etwas
       Neues." Erstes Tor! Vier Minuten später: nächstes Tor! Hark freut sich:
       "Das zweite war echt gut."
       
       Wir nutzen die Halbzeitpause, um über ihr neues Buchprojekt zu reden. Es
       soll eine Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Feminismus werden. Sie hatte
       sich das leichter vorgestellt, seufzt sie. Du willst Kernthesen wissen? Die
       Soziologin holt Luft: "Okay. 1. Die Alphamädchen verkörpern für mich die
       feministische Variante des Klassenkampfs. Sie propagieren eine Emanzipation
       für die weiße, bildungsaffine Elite. Nach dem Motto: Wer nach oben will,
       kommt auch nach oben. Ergo: Wer es nicht schafft, hat es auch nicht
       gewollt. 2. Die Verengung auf die Frage nach der Vereinbarung von Familie
       und Beruf kickt sämtliche Analysen etwa von Gewalt oder Missbrauch ins
       Abseits. 3. Unser Job ist es, dem ewigen Gendertainment entgegenzuwirken."
       
       Und wie soll das gehen? "Eine Möglichkeit ist, das Begehren und das Wissen
       von Migrantinnen einzubeziehen, da bewegt sich so viel. So könnte man die
       doch sehr abgehobenen Gender Studies wieder mehr an eine soziale Bewegung
       anbinden." - "Na, wenn Aufmischen durch kulturelle Heterogenität das Ziel
       ist", sage ich, "dann lässt sich vom DFB noch einiges lernen." -
       "Allerdings, der DFB ist schon viel weiter als die Geschlechterstudien, das
       ist ja eine mehr oder weniger weiße Institution."
       
       So, die zweite Hälfte beginnt, Hark will in Ruhe gucken. Gearbeitet wird
       morgen wieder.
       
       1 Jan 1970
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ines Kappert
       
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