# taz.de -- Horst-Köhler-Satire: Netzsperre auf Verdacht
       
       > Eine anrührende Netzgeschichte: Nach den Drohgebärden gegen eine
       > Horst-Köhler-Satireseite bleiben Widersprüche – und viele Verdächtige.
       > Weil keiner was weiß, dürfen jetzt alle mitraten.
       
 (IMG) Bild: Es stellen sich Fragen zu dem Gerangel um die Köhler-Satire.
       
       Der Kriminalfall um die Drohgebärden gegen eine Horst-Köhler-kritische
       Homepage im Internet wird immer absurder. Am 3. Juni hatte die taz [1][über
       den ominösen Versuch berichtet], auf illegalem Wege gegen eine satirische
       Internetseite vorzugehen, die Späße auf Kosten des zurückgetretenen
       Staatsoberhaupts machte.
       
       Was war geschehen? Wenige Stunden nach dem Rücktritt von Horst Köhler vom
       Amt des Bundespräsidenten am 31. Mai hatte der Berliner Protestaktivist und
       taz-Gastkolumnist Jean Peters eine [2][leicht als Satire zu erkennende
       Website] ins Netz gestellt. Auf der Seite bot angeblich Horst Köhler nun
       seine wirtschafts- und militärpolitische Expertise der freien Wirtschaft
       an. Die Idee klickte sich: Der Ansturm auf die Homepage brachte innerhalb
       weniger Stunden den Server zum Erliegen und führte laut Providerangaben zu
       bis zu 2000 Klicks pro Sekunde.
       
       Parallel dazu soll der Provider laut eigenen Angaben durch einen Anruf von
       der Staatsanwaltschaft Köln telefonisch sowie in einem vermeintlichen
       Schreiben des Bundesverwaltungsamtes (BVA) auch schriftlich unter Druck
       gesetzt worden sein, die Seite aus dem Netz zu entfernen. Gleichzeitig
       beantragte eine unbekannte Person die Löschung der Homepage aus dem
       Google-Cache, wo sie zeitweise verschwand. Dies alles nur wenige Stunden
       nach der Veröffentlichung der Homepage.
       
       Auf Anfrage der taz bestritt allerdings sowohl die Kölner
       Staatsanwaltschaft als auch das Bundesverwaltungsamt, das dem
       Innenmministerium unterstellt ist und für den Missbrauch von Hoheitszeichen
       zuständig ist, [3][in der Sache tätig geworden zu sein].
       
       Komisch: Viele Details der vermeintlichen Abmahnmail, die die taz [4][hier
       veröffentlicht hat] (jpg-Datei, 888 KB), deuteten darauf hin, dass die Mail
       direkt aus dem Bundesverwaltungsamt kam. Der dort genannte Mitarbeiter
       arbeitet tatsächlich beim BVA. Und ein IP-Check ergab, dass die Mail von
       einem Server des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI)
       stammen sollte, das ebenfalls dem Innenministerium unterstellt ist und über
       das tatsächlich die Mails aus dem BVA laufen. Das BVA schließt nun aus,
       dass der in der Mail genannte Mitarbeiter beteiligt gewesen sein könnte.
       Gegenüber der taz heißt es: "Dass die Mail nicht aus unserem Hause stammt,
       haben die technischen Auswertungen zweifelsfrei ergeben."
       
       Das BVA und auch das BSI gehen deshalb nun davon aus, dass jemand die Mail
       professionell gefälscht hat. Einiges deutet in der Tat darauf hin: So ist
       der Wortlaut der Mail teilweise aus dem Internet kopiert. Und: Verschiedene
       von der taz befragte InformatikerInnen und WissenschaftlerInnen kommen zu
       dem Schluss, dass die Mail gefälscht sein könnte. Sie alle sagen aber auch:
       Für eine derart professionelle Fälschung musste massiver Aufwand und
       fundierte Expertise nötig sein.
       
       Also stellt sich die Frage: Wer konnte das Wissen und Interesse haben, den
       Betreiber einer vergleichsweise belanglosen Internetsatire unter großem
       technischen, inhaltlichen und kriminellen Aufwand unter Druck zu setzen?
       Und dies bereits wenige Stunden nachdem die Seite überhaupt online war? So
       weit, so unklar.
       
       Nun geht die Witzgeschichte in die nächste Runde. Denn wer den unklaren
       Hintergründen auf die Spur kommen will, scheitert in einem Dickicht aus
       Widersprüchen. Beispiel eins: Auf Nachfrage der taz teilte das
       Bundesverwaltungsamt mit, wegen der angeblich gefälschten Mail am 11. Juni
       Anzeige gegen Unbekannt bei der Kölner Staatsanwaltschaft gestellt zu
       haben. Doch: Die Kölner Staatsanwaltschaft kann dies gegenüber der taz
       nicht bestätigen. Ein Sprecher sagte der taz, ihm lägen keine Hinweise
       darauf vor.
       
       Komisch, denn: Beim Provider mit Sitz im niedersächsischen Königslutter
       waren nach Angaben der Provider-Geschäftsführung bereits am 7. Juni – und
       damit bevor überhaupt Anzeige erstattet wurde – angeblich Kriminalbeamte im
       Haus, die die Echtheit der strittigen Mail prüften. Widerspruch zwei: Denn
       auch die zuständige Polizeipressestelle in Wolfsburg bestreitet, dass
       Polizisten oder Kriminalbeamte überhaupt bei dem Provider waren. Ein
       Polizeisprecher sagte der taz: „Wenn jemand von uns dort gewesen wäre,
       wüssten wir das.“ Auch die für den Einzugsbereich Königslutter zuständige
       Staatsanwaltschaft Braunschweig will an der Sache nicht beteiligt sein. Na,
       wer hat denn dann die Polizei geschickt? Oder war sie etwa gar nicht da?
       
       Kurz: In der absurden Geschichte um eine relativ unbedeutende Homepage geht
       es eigentlich nicht um sehr viel. Und doch ist sie ein ganzes
       Staatsgeheimnis: Niemand weiß von nix. Und keiner wars gewesen. Und
       irgendjemand lügt.
       
       Die taz stellt deshalb ihre 10 Lieblingsverdächtigen vor und ruft zu
       heftigen Spekulationen auf. Wer wollte und konnte ein Interesse daran
       haben, die Horst-Köhler-Satire zu attackieren? Und wer wäre in der Lage,
       die Mail zu fälschen? Wer hat ein Interesse daran, einen Fall, dessen
       Inhalt nur bedingt bedeutungsvoll ist, so aktiv zu vertuschen? Also bitte:
       Wer kann Hinweise geben, die zur Ergreifung der sicherlich gewitzten Täter
       führen?
       
       Hier die 10 Lieblingsverdächtigen der taz: 
       
       1. Horst Köhler wars! Der Ex-Präsident hatte am Tag vor der
       Internetsperrung auch schon einen beleidigten Abgang gemacht und wenig Spaß
       verstanden. Außerdem hatte unser Hauptverdächtiger vor allem eins: Viel
       Zeit!
       
       2. Vielleicht war es auch Thomas S. aus K.! Der Mitarbeiter des
       Bundesverwaltungsamtes ist in dem Anschreiben an den Provider namentlich
       als Absender genannt. Ein sonniges Übermaß an Mitleid mit Horst Köhler
       könnte ihn zu einer flotten Mail veranlasst haben. Logo: Jetzt wird er
       gedeckt.
       
       3. Oder war es ein Neider von Thomas S. aus K.. Wer wollte dem Mitarbeiter
       des Bundesverwaltungsamtes schaden und macht üble Späße auf seine Kosten?
       
       4. Vielleicht der Bundesinnenminister Thomas de Maiziere? Ihm unterstehen
       sowohl das Bundesverwaltungsamt als auch das Bundesamt für Sicherheit in
       der Informationstechnik. Und ein waschechtes Interesse daran, mal zu
       schauen wie sich Netzsperren auch anders machen lassen, das hat er sicher
       auch.
       
       5. Vielleicht schlug aber auch ein Praktikant der Staatsanwaltschaft Köln
       zu: Er hat witterte eine Ungeheuerlichkeit und schlug sich auf eigene Faust
       durch. Das erklärt auch, warum die Kölner Staatsanwaltschaft noch immer von
       nix weiß. Da fischt doch jemand!
       
       6. Oder aber es war der Provider! Von dort kommen viele Infos, die sich
       nicht erhärten lassen. Er sieht sogar Polizisten bei sich, die es gar nicht
       gibt. Oder gibt es sie doch?
       
       7. Dann hat sie womöglich der Satiriker Jean Peters selbst geschickt: Der
       Aktionskünstler ist der Urheber der Horst-Köhler-Website und ganz schön
       gewitzt. Klaro: Die ganze Nummer ist coole Publicity.
       
       8. Viel wahrscheinlicher aber war ein Satiriker in spe am Werke:
       Irgendjemand könnte sich gedacht haben, dass man Satire am besten mit
       Satire beikommt. Schöne Idee: Deine Fake-Homepage vernichte ich mit einem
       Fake-Anschreiben. Hat voll geklappt! Ein Bier auf seinen Klarnamen!
       
       9. Nicht auszuschließen aber auch, dass wir es selbst waren. Die taz ist
       doch immer an guten Geschichten interessiert. Wir könnten alles frei
       erfunden haben. Was spricht für uns als Täter? Genau das.
       
       10. Am Ende war es dann wahrscheinlich niemand. Das ist ja wie so oft im
       Leben: Bei dieser Antwort könnten sich immerhin alle einig sein.
       
       1 Jul 2010
       
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