# taz.de -- Ein illegales Dorf in Palästina: Leben in der C-Zone
       
       > Offiziell gibt es Jiftlik gar nicht, inoffiziell leben 5.000 Menschen
       > hier in provisorischen Häusern. Das Dorf unterliegt israelischer
       > Kontrolle und leidet an der Zersplitterung.
       
 (IMG) Bild: Das Leben im Jordantal: Heiß und allzu oft ohne Strom und Wasser
       
       JIFTLIK taz | Das neue, zweistöckige Haus von Ahmad Abu Said thront auf der
       Kuppe eines Hügels. Von der Dachterrasse aus erstreckt sich der Blick über
       das fruchtbare Tal und die zu beiden Seiten dahinter aufragenden kahlen
       Berge. Wie satte grüne Matten liegen die Felder in der überschaubaren
       Ebene. Lauchzwiebeln, Auberginen, Sherrytomaten, auch Dattelpalmen, Kräuter
       und Blumen werden hier angebaut, dazwischen sind Weinreben unter glatt
       gespannten, weißen Plastikplanen ordentlich an einem Spalier aus
       Metallstangen und festem Draht aufgezogen. Um die verstreut liegenden
       Ansiedlungen herum bieten Eukalyptusbäume den Häusern und Gehöften etwas
       Schatten.
       
       Abu Said ist Vorsitzender des Dorfrats und Mitglied des Agrarkomitees von
       Jiftlik, einer bereits seit 1986 bestehenden Nichtregierungsorganisation,
       die aus der palästinensischen Linken hervorgegangen ist. Das Dorf liegt im
       Jordantal, einer Gegend im Westjordanland, wo die Sommer sehr heiß und die
       Winter mild sind. Der Blick von der Terrasse suggeriert genügend Wasser für
       Menschen, Pflanzen und Tiere und ein Auskommen für die Familien.
       
       Ohne Baugenehmigung 
       
       Jedenfalls solange man nicht zu genau hinschaut. Die meist einstöckigen
       Häuser unterhalb des Hügels haben mit Steinen beschwerte Wellblechdächer,
       die teils halboffenen Verschläge für Tiere und landwirtschaftliches Gerät
       wirken baufällig, und statt der üblichen Mäuerchen aus Feldsteinen grenzen
       mit Draht gespannte Zäune die kleinen Anwesen voneinander ab. Die
       großflächigen Weinplantagen mitten im Dorf gehören zu den nahe gelegenen
       landwirtschaftlichen israelischen Siedlungen Masua und Argaman, deren
       Häuser mit bloßem Auge zu erkennen sind. Neben den Rebenfeldern steht eine
       Metallbaracke, die palästinensischen Arbeitern, die von weiter her kommen,
       als Unterkunft dient. Auch Abu Said verdingt sich ab und zu bei den
       Siedlern und arbeitet auf deren Feldern. Die palästinensischen
       Arbeitskräfte werden aber seit einigen Jahren zunehmend von Migranten aus
       Thailand verdrängt.
       
       Abu Saids neues Haus wurde wie fast alles, was in Jiftlik seit Eroberung
       des Westjordanlandes im Jahr 1967 gebaut wurde, ohne Genehmigung errichtet.
       "Es kommt immer mal wieder vor, dass nachts israelische Soldaten anrücken,
       alle aufwecken und kontrollieren, wer da ist, und die Ausweise prüfen,"
       sagt der Aktivist, "das letzte Mal vor etwa drei Monaten." Weil manche das
       Risiko eines Abrisses nicht eingehen wollen oder nicht genug Geld für einen
       Neubau haben, leben einige Einwohner von Jiftlik in rechteckigen, mit
       Sackleinen und schwarzen Planen bedeckten Zelten, wie sie auch die Beduinen
       der Region haben. Die Überreste von Lehmhäusern, die vor einigen Jahren
       abgerissen wurden, sind noch zu sehen – und, so wird berichtet, es habe
       auch schon Abrissbefehle für Zelte gegeben.
       
       Das zersiedelte Dorf, das über fünf Flecken verstreut ist und rund 5.000
       Einwohner hat, liegt seit dem Osloer Abkommen, das 1993 zwischen Israel und
       der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO geschlossen wurde, in
       einer sogenannten C-Zone. Ein Gebiet, das vollständig von Israel
       kontrolliert wird. Etwa 90 Prozent des Jordantals – "palästinensisches
       Tal", korrigiert Abu Said und stellt damit die integrale Zugehörigkeit zum
       Westjordanland klar – gehören zu diesen C-Zonen. Wegen der Nähe zur
       jordanischen Grenze ist die Region aus israelischer Sicht von besonderer
       strategischer Bedeutung.
       
       Illegales Dorf 
       
       Hinzu kommt, dass Jiftlik offiziell gar nicht existiert. Es ist eines der
       nicht registrierten Dörfer, wie es sie auch im arabischen Norden Israels
       oder im Süden des Landes bei den Beduinen gibt. Hier muss jede
       Infrastrukturmaßnahme, jede Strom- und Wasserleitung, der Ausbau von
       Straßen, die "Einfuhr" von landwirtschaftlichem Gerät und eben auch der Bau
       von Häusern bei der israelischen Verwaltung beantragt werden. Genehmigungen
       gibt es jedoch kaum.
       
       Große Probleme gibt es beim "Import" von Pestiziden oder Metallstangen für
       die Gewächshäuser - "ein Deaster," sagt Mohammed Njoum, der ebenfalls
       Mitglied des Agrarkomitees ist. Genehmigt würden nur Rohre, die einen
       Durchmesser von fünf bis siebeneinhalb Zentimeter haben. Und die seien für
       die Konstruktion zu schwach. Sonst könnten daraus Bomben gebastelt werden,
       erklärt er den israelischen Vorbehalt. "Es gibt keine Berichte über Raketen
       im Jordantal", beteuert Njoum. In der Tat gilt die Region als ruhig, selbst
       während der beiden palästinensischen Intifadas. Von Ausnahmen abgesehen. Im
       März 2009 starben zwei Israelis in ihrem Auto nahe Masua, nachdem ihr
       Fahrzeug beschossen wurde.
       
       Doch inzwischen gibt es einen israelischen "Masterplan" für Jiftlik. Dieser
       sieht vor, dass drei der fünf Ansiedlungen "legalisiert" werden. Damit
       können Baugenehmigungen erteilt werden - in drei Fällen ist das auch
       geschehen - , Stromkabel verlegt und die Wasserleitungen repariert werden.
       Rund 2.000 Menschen jedoch bleiben außen vor.
       
       Aber auch für die anderen wird es eng. Das zeigt sich bei der Einfahrt in
       den Ort. Links der Straße liegen die Felder, rechts stehen Häuser, und
       direkt dahinter, am Rand der Berge, beginnt die militärische Sperrzone.
       "Das ist nicht wirklich ein Fortschritt, hier zwischen der Straße und den
       Bergen etwa 70 Meter zu bebauen," kommentiert Njoun.
       
       Und die Felder sind auch nur so lange grün, wie sie bewässert werden. Sonst
       holt sich die Wüste das Terrain zurück. Die Menge das Wassers aus den
       unterirdischen Reservoirs, das die Palästinenser nutzen dürfen, wird von
       Israel kontrolliert, ebenso wie der Bau von Brunnen oder das Anlegen von
       Zisternen. Und angesichts der maroden Leitungen geht etwa ein Drittel
       unterwegs verloren. Daher finanziert die deutsche Hilfsorganisation medico
       international mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes in Zusammenarbeit mit
       dem Agrarkomitee die Verlegung neuer Leitungen aus Plastik sowie den Bau
       von Gewächshäusern und Ställen für die Tiere.
       
       Es ist ein prekäres Leben in Jiftlik, das einem Mikrokosmos der zunehmenden
       Fragmentisierung der palästinensischen Gebiete im Westjordanland gleicht.
       Verfügte das Dorf vor 1967 noch über rund 20.000 Hektar Land, sind es jetzt
       nur noch 13.000. Aus palästinensischer Sicht schrumpft nicht nur die
       Ausdehnung des Ortes, sondern zielt die israelische Politik auch auf eine
       Vertreibung der Bevölkerung ab. "Die Leute sollen denken, dass es besser
       ist, in Ramallah zu leben, wo es täglich Strom und Wasser und Arbeit gibt",
       sagt Njoun. Junge Leute müssten zur Ausbildung in die Städte ziehen. Einige
       wollten dort bleiben, andere Familien seien weggezogen. Doch angesichts der
       hohen Geburtenrate von sieben bis acht Kindern falle das kaum ins Gewicht.
       Seine Familie umfasse zehn Personen, die von Abu Said dreizehn.
       
       Von der PLO vergessen 
       
       Njoum ärgert sich darüber, dass die PLO bei den Osloer Verhandlungen nicht
       verhindert hat, dass Jiftlik in einer C-Zone liegt und nicht etwa ein
       registriertes Dorf in einer B-Zone ist. "Die PLO hat das vergessen",
       beklagt er.
       
       Xavier Abu Eid, seit zwei Jahren Berater der PLO bei Verhandlungen mit
       Israel, sieht das etwas anders. "Die C-Zonen stehen ganz oben auf unserer
       Agenda", sagt er in seinem Büro in Ramallah, wobei er betont, dass er nicht
       Mitglied in einer palästinensischen Partei ist. Der palästinensische
       Regierungschef in Ramallah, Salam Fayyad, weihe in dieser Region mehr
       Gebäude ein als jeder andere Politiker. Auch eine Zwischenlösung für Orte
       wie Jiftlik bis zu einem Friedensabkommen mit Israel kann Abu Eid sich
       vorstellen. Trotzdem: Hat die PLO Jiftlik bei den Osloer Verhandlungen
       vergessen? "Damals hatten wir die Perspektive, dass wir in fünf Jahren
       einen Staat haben", sagt er. Das ist jetzt 17 Jahre her. So müssen Menschen
       wie Abu Said heute noch fürchten, dass eine Abrissorder gegen ihr neues
       Haus erteilt wird.
       
       27 Jul 2010
       
       ## AUTOREN
       
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