# taz.de -- Kunsthaus Tacheles fürchtet Räumung: "Wir streiken virtuell"
> Das Tacheles erhält von allen Seiten Unterstützung - darüber freuen sich
> Vorstand Martin Reiter und die Künstler so sehr, dass sie andere für sich
> hungerstreiken lassen.
(IMG) Bild: Wie lange jetzt noch? Das Kunsthaus Tacheles in Berlin-Mitte
taz: Herr Reiter, das Tacheles hat wegen der bevorstehenden Räumung groß
einen Hungerstreik angekündigt. Warum hungern Sie nicht?
Martin Reiter: Wir hatten ein Ultimatum gestellt: Sollte bis Mittwoch um 24
Uhr kein Einlenken zu erkennen sein, wird der Hungerstreik angesetzt. Nun
gibt es so viel Einlenken wie seit Monaten nicht. Bis dato ist kein Brief
gekommen, dass das Insolvenzverfahren eröffnet ist und wir die Schlüssel
übergeben müssen. Das bedeutet, dass eine unserer Forderung erfüllt ist.
Erfüllt? Laut Insolvenzverwalter liegt es nur am bürokratischen Prozedere,
dass das Verfahren noch nicht eröffnet wurde, und nicht an einem
Umschwenken der HSH Nordbank.
Für uns ist es ein Zeichen, dass die Bank keinen Druck macht und wir ihnen
Zeit einräumen, unseren Kompromissvorschlag in Sack und Tüten zu packen:
das Tacheles-Gebäude per Erbpachtvertrag an eine noch zu gründende
öffentlich-rechtliche Stiftung Tacheles zu geben, damit würde es Eigentum
der Bank bleiben.
Aber genau das will die Bank ja nicht, sie will das gesamte Gelände mit dem
geräumten Tacheles versteigern …
… aber es ist ja noch mehr passiert. Gerade hatten wir einen Anruf der
Polizei, die versucht hat, die Bank anzurufen …
Was hat denn jetzt die Polizei mit der HSH Nordbank zu tun?
Das weiß ich auch nicht, aber die Emotionen gehen hier gerade hoch, die
Polizei unterstützt uns sehr und wünscht uns viel Erfolg. Und die Berliner
CDU hat vom Regierenden Bürgermeister gefordert, er solle von seinem
Vorkaufsrecht Gebrauch machen und eine Entscheidung herbeiführen.
Aber Wowereit hat von Anfang an gesagt, dass er nicht kaufen wird.
Diese Unterstützung der CDU ist für uns Neuland, wir freuen uns über diese
parteiübergreifende Politik. Zu Herrn Wowereit ist zu sagen: Es geht hier
nicht darum, öffentliches Geld zu verbrutzeln. Unser Vorschlag mit Erbpacht
und Stiftung kostet niemanden etwas. Herr Wowereit und Kulturstaatssekretär
Schmitz tun alles in ihrer Macht Stehende, auch der Bundespräsident hat
seine Anteilnahme bekundet.
Das sind Sympathiebekundungen, die die Bank wohl nicht von ihrem Plan
abbringen wird. Das signalisiert sie seit Monaten.
Und wir signalisieren seit Monaten, dass sie das Tacheles-Grundstück vom
Rest des Geländes abtrennen müssen, den sie dann ruhig verkaufen können.
Wir gehen ja nicht davon aus, dass wir mit einem Hungerstreik eine
Systemänderung vornehmen.
Ist es nicht genauso unrealistisch, dass sich die Bank durch einen
Hungerstreik von der Räumung abbringen lässt?
Wieso? Wenn die Bank einen Rest an Vernunft besitzt, dann wird sie es
machen, denn die Öffentlichkeit wird immer größer werden. Wir geben nicht
auf. Aber wir werden das Werkzeug des Hungerstreiks nicht larifari
verpulvern, das wäre verantwortungslos. Deshalb streiken wir erst mal
virtuell.
Sie veröffentlichen im Internet Fotos von Passanten, die etwa vor einer
McDonalds-Filiale mit Plakaten "Diesen Burger kauf ich nicht - Hungerstreik
für Tacheles" abgelichtet werden. Sie lassen also andere hungern?
Wir nennen das Solidarität und erregen damit international Aufmerksamkeit.
Was passiert in den nächsten Tagen?
Wenn die Bank nicht einlenkt, streiken wir. Die Bank muss sich warm
anziehen, wenn sie Künstler in Mitte verhungern lässt.
29 Jul 2010
## AUTOREN
(DIR) Kathleen Fietz
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