# taz.de -- Kino-Komödie "Mammuth": Schmerzhaft lange Leitung
       
       > Massiger Mann mit schwerer Maschine - in dem Roadmovie "Mammuth" fährt
       > Gérard Deardieu in der Figur des einfachen Serge noch einmal die
       > Stationen seines Lebens ab.
       
 (IMG) Bild: Unter dem Helm steckt ein kleines, aber romantisches Hirn: Gérard Depardieu in "Mammuth".
       
       In seinem letzten Beruf war Serge Pilardosse endlich richtig angekommen.
       Das Schlachten von Tieren, das Zerteilen von Kadavern, die sachgerechte
       Portionierung von Rinderhälften, das konnte er gut. Aber auch damit hat es
       zu Beginn des Film "Mammuth" ein Ende. Serge wird in die Rente geschickt,
       die Abschiedsparty inszenieren die Regisseure Benoît Delépine und Gustave
       de Kervern als grotesk unbehagliches Zusammensein in einem engen Raum, in
       dem der Lärm, den die Krackers machen, alles übertönt. Serge lässt dieses
       Ereignis so über sich ergehen, wie er vielleicht sein ganzes Leben über
       sich ergehen hat lassen: Körperlich strotzt er vor Kraft, aber es mangelt
       ihm ein wenig an Geistesgegenwart.
       
       Und so steht er nun vor der freien Zeit, die er zur Verfügung hat, ein Mann
       mit mächtigem Bauch, langen, fetten Haaren und schweren Bewegungen. Zudem
       ist er arm, denn in der Fleischbranche hat er nur einen Teil seiner
       Lebensarbeitszeit zugebracht. Was davor war, spielte sich häufig in den
       Grauzonen ab, und nun fehlen die Papiere, mit denen er beweisen könnte,
       dass er einmal Rausschmeißer war oder Müller.
       
       Ein Fossil bricht auf 
       
       Zum Glück hat seine Frau Catherine noch einen Job im Supermarkt, aber
       gerade sie ist sehr interessiert, dass die Präsenz ihres Mannes zu Hause
       nicht übermächtig wird. Deswegen ermutigt sie ihn sehr, als er sich
       schließlich dazu aufrafft, die Stationen seines Erwerbslebens noch einmal
       abzufahren.
       
       Er tut dies auf einem alten Motorrad, von dem der Film seinen Titel hat:
       Die Mammuth stand seit den 70er Jahren in der Garage, inzwischen ist sie
       ein gesuchtes Sammlerstück, auf das sich Gérard Depardieu schwingt, um dann
       seine ganze Masse dem Fahrtwind auszusetzen. Es ist gar nicht so leicht,
       auch nur eine Andeutung von der physischen Präsenz zu geben, mit der der
       französische Superstar diesen Film dominiert - die Anspielung, die in dem
       Titel mitschwingt, ist da ganz konkret: Da taucht ein Mann, der sich in
       seinem ganzen Schauspielerleben nicht geschont hat (von Marco Ferreris "Der
       letzte Mann" bis zu seinen Auftritten als Obelix), plötzlich als
       urzeitliches Fossil auf, ein fleischgewordenes Monument auf die Ära der
       körperlichen Arbeit, die absolut keine Chance hat, sich jemals in
       immaterielle zu verwandeln. Denn es fehlt Serge einfach am nötigen Grips,
       und auch das schwingt im Bild vom Mammut ja mit: ein kleines Hirn in einem
       riesigen Tier.
       
       "Mammuth" handelt also davon, was ein einfacher Mann vor seinem Aussterben
       noch so tun könnte, und zugleich handelt diese seltsame Komödie davon, wo
       es in Europa noch Raum für einen "Easy Ride" gibt - nirgends so richtig,
       aber die Nebenstraßen der französischen Provinz tun es zur Not auch.
       Irgendwo müssen in dieser Gegend auch die Sch'tis leben, die im Kino der
       Grande Nation die geistige Minderbemittlung so phänomenal populär gemacht
       haben. Vor diesem Hintergrund muss man Benoît Delépine und Gustave de
       Kervern immerhin eine gewisse Kompromisslosigkeit attestieren.
       
       Befangenes Lachen 
       
       "Mammuth" macht es dem Publikum zumindest nicht ganz so leicht. Auch hier
       soll gelacht werden, aber es kann nur ein raues, befangenes Lachen sein, es
       sei denn, man findet das unbefangen toll, wenn zwei Männer in vorgerücktem
       Alter nebeneinander auf einem Bett liegen und versuchen, noch einmal an die
       Wixspiele der Pubertät anzuknüpfen. Serge begegnet allen möglichen Leuten
       aus seiner Vergangenheit auf seiner großen Fahrt, fast alle dieser
       Begegnungen sind in hohem Maß peinlich, während tief innen drinnen in
       diesen Szenen dann eben auch eine gewisse Zartheit zu entdecken ist, so
       tief versteckt wie das Gehirn in einem Mammut.
       
       Ganz ohne Präzedenzfälle ist das, was Delépine und de Kervern, die in
       Frankreich an der Comedy-Show über das fiktive Land Groland auf Canal+
       mitarbeiten, nicht. Der Schwede Roy Andersson hat in "Das jüngste Gewitter"
       auf ganz ähnliche Weise die kleinen Leute und ihren surrealen Alltag
       gefilmt. "Mammuth" hat viel von diesem skandinavischen Deadpan gelernt,
       versucht diesen aber auch deutlich ein wenig auszulüften.
       
       Die in diesem Zusammenhang wichtigste Figur findet Serge auf seiner Fahrt
       unerwartet vor - eine Nichte im Haus und Garten seines Bruders, die sich
       künstlerisch betätigt und ihm das erste Mal eine Andeutung davon
       vermittelt, was es bedeutet, etwas einfach so zu tun, pour l'art, zwecklos.
       Dass Serge für diese Art Handlung geradezu disponiert ist, darauf aber erst
       einmal kommen muss, ist eine der vertrackten Ironien von "Mammuth".
       
       Eine weitere ist die, dass Serge anscheinend in seiner Jugend mit einer der
       schönsten Frauen des französischen Kinos zusammen war: Wie wir aus
       Erscheinungen schließen können, die ihn zwischendurch heimsuchen, war die
       Braut, die früher einmal den Rücksitz auf seiner Mammuth einnahm, Isabelle
       Adjani. Auch dieses Geheimnis ist anfangs irgendwo in dem Fleischberg
       Depardieu versteckt, und die Aufgabe von "Mammuth" ist es, zu diesem
       romantischen Kern vorzudringen. Der Kern ist natürlich das Hirn, und das
       Hirn ist klein. Kann es trotzdem große Gefühle enthalten?
       
       Dummheit ist einer der blinden Flecken des Kinos. Es gibt wenige Filme, in
       denen es ausdrücklich um den Intelligenzunterschied geht, der doch im
       Alltag immer wieder unübersehbar ist. Es gibt viele dumme Protagonisten,
       aber sie treten durchweg in Genres und Geschichten auf, in denen sie als
       solche nicht auffallen. Selten stoßen, wie in den Komödien mit Laurel &
       Hardy, Dummköpfe auf den Laternenpfahl ihrer Dummheit (schon Jerry Lewis
       ist nicht mehr dumm, sondern einfältig und infantil, ein Parzival und damit
       ein Intellektueller der Dummheit).
       
       In "Mammuth" aber gibt es eine ganze, schmerzhaft ausgespielte Szene, in
       der es buchstäblich um das geht, was in der Umgangssprache als eine "lange
       Leitung" bezeichnet wird - wie lange dauert es, bis man bemerkt, dass man
       sich gerade zum Idioten macht? Dass man zum Idioten gemacht wird? Serge
       Pilardosse kann sich gegen seine Erschaffer nicht wehren, und doch wünschte
       man, er könnte ihnen entwischen. Diese Freiheit aber findet "Mammuth"
       nicht. Das Universum bleibt geschlossen, das Mammut bleibt eine Sackgasse
       der Evolution.
       
       16 Sep 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bert Rebhandl
       
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