# taz.de -- Ceylan Yildirim über "Allein gegen die Zeit": "Ich stehe lieber hinter der Kamera"
       
       > Ihr türkischer Familienhintergrund war wie eine Eintrittskarte für den
       > Job, sagt die TV-Produzentin Ceylan Yildirim. Ursprünglich wollte sie mal
       > Schauspielerin werden.
       
 (IMG) Bild: Für ihre Serie "Allein gegen die Zeit" erhielten Produzentin Ceylan Yildirim (v.l.r.), Regisseur und Co-Autor Stephan Rick und die Co-Autorin Silja Clemens den Weißen Elefanten.
       
       taz: Frau Yildirim, Sie haben sich sehr ungern fotografieren lassen. Warum?
       Die Kamera ist doch Ihr Medium. 
       
       Ceylan Yildirim: Ich stehe aber lieber dahinter als davor. Ursprünglich
       wollte ich Schauspielerin werden, doch ich habe gemerkt: Mich so zu
       präsentieren liegt mir nicht. Mit Fotos geht es mir ähnlich: Ich mag
       ungestellte Bilder, Momentaufnahmen. Bei einer offiziellen Fotosession
       komme ich mir beobachtet vor.
       
       Damit, interviewt zu werden, haben Sie aber keine Probleme? 
       
       Im Gegenteil: Ich rede sehr gern über meinen Beruf, weil ich denke, dass
       das Berufsbild der Producerin nicht sehr bekannt ist.
       
       Dann erklären Sie uns das doch gleich mal! 
       
       Der Producer sorgt dafür, dass Fernseh- und Filmstoffe ganz genau so, wie
       sie im Drehbuch stehen, später auf dem Bildschirm oder der Leinwand zu
       sehen sind, und zwar im Rahmen des vorhandenen Budgets. Von der Idee aus,
       die von mir, einem Auftraggeber oder Autor kommt, kümmere ich mich um die
       Entstehung des Drehbuchs, um die Auswahl der Schauspieler, die
       Kommunikation zwischen Redaktion und Team. Im Moment bereiten wir gerade
       die zweite Staffel der TV-Serie "Allein gegen die Zeit" vor …
       
       … eine Abenteuerserie für Kinder und Jugendliche, die als erste deutsche
       Fernsehproduktion als Echtzeitserie gedreht wurde und für deren erste
       Staffel Sie eine Menge Preise bekamen. Wer hatte dazu die Idee? 
       
       Die Idee für das Echtzeitformat kam vom NDR. Der Redakteur dort, Ole
       Kampovski, ist ein großer "24"-Fan und hatte die Idee, so etwas auch für
       den Kinderkanal zu machen. Die Geschichte kam dann von mir: Es geht um eine
       Geiselnahme an einer Schule, bei der eine Gruppe von Nachsitzern unentdeckt
       bleibt und den Kampf gegen die Gangster aufnimmt. Ich wollte schon immer
       einen Thriller produzieren, der in einer Schule spielt. Denn Schule ist ein
       Mikrokosmos, in dem sich Kinder und Jugendliche sehr gut auskennen. Dort
       eine Gefahrensituation zu kreieren, die sie ohne Erwachsene, auf sich
       allein gestellt, meistern müssen, fand ich sehr spannend. Das Konzept für
       die Serie ist schließlich in Zusammenarbeit mit dem Autorenteam Silja
       Clemens und Stephan Rick entstanden.
       
       Ein ziemlich anspruchsvolles Format für ein Kinderprogramm. 
       
       Kinderfernsehen wird oft sehr unterschätzt. Kinder lassen sich durch das,
       was sie im Fernsehen sehen, noch enorm beeindrucken Es ist wie ein
       Leitfaden: Wie verhalten sich Menschen aus meiner Altersgruppe, auf meiner
       Augenhöhe, in bestimmten Situationen?
       
       Wie kommen Sie zu Ihrer Fernsehleidenschaft? 
       
       Meine Eltern waren beide berufstätig, ich war ab der vierten, fünften
       Klasse nach der Schule allein zu Hause. Da habe ich eben heimlich Fernsehen
       geguckt.
       
       Was haben Sie so geguckt? 
       
       Die ganzen verbotenen Sachen: "Ein Colt für alle Fälle", "Trio mit vier
       Fäusten", amerikanische Action-Serien fand ich grandios.
       
       Geschadet hat es Ihnen ja offenbar nicht. 
       
       Ich glaube, Fernsehen verblödet Kinder prinzipiell dann nicht, wenn ihnen
       ermöglicht wird, sich damit kritisch auseinanderzusetzen, Fragen zu stellen
       und auch beantwortet zu bekommen. Wenn ein Kind den ganzen Tag vor dem
       Fernseher sitzt und keine Reflexionsmöglichkeiten, keine
       Austauschmöglichkeiten hat, dann ist das sicher nicht förderlich. Aber ich
       habe mit meinen Eltern viel geredet, sie haben mich ungeheuer zum Lesen
       ermutigt, und ich hab alle Bücher, die ich in die Finger kriegen konnte,
       verschlungen: "Fünf Freunde", "TKKG", vor allem die "Drei Fragezeichen".
       Wenn ich enttäuscht war von den Enden meiner Lieblingsserien, von den
       Lösungen der Geschichten, habe ich mir neue ausgedacht. So kam ich darauf,
       selbst zu schreiben, und so entstand eigentlich der Traum, später selbst
       mal fürs Fernsehen zu arbeiten.
       
       Wie haben Sie denn Ihren Traum, beim Fernsehen zu arbeiten, verwirklichen
       können? 
       
       Um ein paar steile Ecken: Ich hatte als Schülerin ja überhaupt keine
       Vorstellung, welche Berufsmöglichkeiten - außer Schauspieler - es da
       eigentlich gibt. Schließlich habe ich mich für ein Studium der Theater-,
       Film- und Fernsehwissenschaften an der FU Berlin eingeschrieben - und mich
       wahnsinnig gelangweilt.
       
       Warum? 
       
       Weil das Studium sich rein theoretisch mit der Materie auseinandersetzte.
       Ich wollte aber wissen: Wie funktioniert eine Kamera, wie ist es am Set,
       was braucht es, um einen Film herzustellen? Dann habe ich angefangen, mir
       Praktika zu suchen, um möglichst viel Filmluft zu schnuppern, und so bin
       ich irgendwann bei meiner jetzigen Firma Askania Media gelandet, die damals
       noch die Kika-Internatsserie "Schloss Einstein" produzierte.
       
       Hat Ihr türkischer Familienhintergrund eigentlich eine Rolle bei Ihrer
       Jobsuche gespielt? 
       
       Und wie! Eine ganz wichtige sogar: Er war fast so was wie meine
       Eintrittskarte, auch wenn alles mit einem Streit angefangen hat.
       
       Wie bitte? 
       
       Ich bin bei meinem Bewerbungsgespräch gleich mit dem damaligen
       Chefdramaturg Dieter Saldecki aneinandergeraten. Der hatte sich für
       "Schloss Einstein" eine Geschichte ausgedacht, die ich so wahnsinnig
       klischeebehaftet fand, dass ich mich sehr geärgert habe. Es ging um einen
       muslimischen Jungen, der mit Gebetsteppich in die Schule kommt und in den
       Pausen immer beten will, was ihm die Lehrer natürlich verbieten. Daneben
       hat er aber zwei Freundinnen gleichzeitig und macht Ärger, als sich eine
       davon in einen anderen verliebt - ich hatte ein ziemliches Wortgefecht mit
       Dieter Saldecki und die Stelle schon verloren gegeben. Heute glaube ich,
       dass ich sie gerade deshalb bekommen habe. Saldecki wurde meine Mentor und
       Unterstützer - ein großartiger Mensch! Leider ist er inzwischen verstorben,
       er fehlt mir sehr.
       
       Nun produzieren Sie Serien, in denen selbstverständlich Kinder aus
       eingewanderten Familien vorkommen. Das ist Ihnen wichtig? 
       
       Sehr sogar. Zum einen, weil man dadurch die Möglichkeit hat,
       Berührungsängste zu nehmen. Zum anderen, um Kindern aus Einwandererfamilien
       positive Identifikationsmöglichkeiten anzubieten, sie mal positiv
       darzustellen. Sie schneiden in den Medien ja meist nicht gut ab. Bei
       "Allein gegen die Zeit" wollte ich das besondere Verhältnis zwischen großem
       und kleinem Bruder in türkischen Familien abbilden, deren Umgehen
       miteinander positiv zeichnen, so wie ich es in türkischen Familien auch
       erlebe: Dass der Jüngere dem Älteren nacheifert, dass der Ältere den
       Kleineren beschützt und ihm einfach in jeder Situation zur Seite steht. Das
       ist nur eine Nuance, die inhaltlich keine große Rolle spielt, aber ich
       finde das wichtig. Und ich merke an den Rückmeldungen der Fans, dass das
       auch wahrgenommen wird, dass es aufgeht: Wir haben wahnsinnig viele
       Zuschauer mit Migrationshintergrund.
       
       Dabei wird ja oft bezweifelt, dass MigrantInnen überhaupt deutsches
       Fernsehen gucken. 
       
       Da tut sich eine ganze Menge. Die Zuschauer sind bereit sich zu öffnen und
       auch die Programmmacher. Figuren werden immer selbstverständlicher mit
       Menschen mit Migrationshintergrund besetzt, deren Lebenswelt spielt
       zunehmend auch eine Rolle in Produktionen. Nehmen Sie den Erfolg der Serie
       "Türkisch für Anfänger"! Es ist der türkischstämmige Drehbuchautor Bora
       Dagtekin, der die Authentizität der Charaktere und der Dialoge einbringt.
       Ich weiß nicht, wie die Serie geworden wäre, wenn sie nur von Deutschen
       produziert worden wäre.
       
       Haben Sie keine Angst, aufgrund ihres Migrationshintergrunds in eine
       Schublade gesteckt zu werden? 
       
       Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, dass das ein wahnsinniger Erfahrungswert
       ist - ein Rucksack, den wir Einwandererkinder alle mit uns rumschleppen,
       den man aber sinnvoll einbringen kann. Und sollte.
       
       12 Nov 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alke Wierth
       
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