# taz.de -- Annette Schavans Deutschland-Stipendien: Die Wirtschaft zahlt nicht genug
       
       > Annette Schavan will mit Leistungsstipendiem "eine neue Spendenkultur"
       > entwickeln. Doch der Testballon in NRW funktioniert nicht – weil die
       > Wirtschaft so zögerlich ist.
       
 (IMG) Bild: Studierende, aufgenommen an der HU Berlin.
       
       Die politischen Hindernisse hat das sogenannte Deutschlandstipendium hinter
       sich. Am vergangenen Freitag stimmte der Bundesrat zu, dass es neben dem
       Bafög nun einen gemeinsamen Zuschuss von Bund und Wirtschaft für besonders
       leistungsfähige Studierende geben wird. Die praktischen Probleme mit dem
       Programm werden jetzt allerdings die Hochschulen haben. Das zeigt ein Blick
       nach Nordrhein-Westfalen, wo ein ähnliches Stipendienprogramm seit einem
       Jahr läuft.
       
       Was macht - neben überdurchschnittlicher Leistung im Studium - die
       StudentInnen aus, die ein Stipendium bekommen? Und woher genau aus der
       Wirtschaft sollen 150 Euro pro Student und Monat kommen, auf die der Bund
       jeweils noch mal 150 Euro drauflegen will?
       
       Die Studenten 
       
       Fest steht: Menschen wie Marisa Merz werden als Stipendiaten dabei sein.
       Die 25-Jähige hat einen Notenschnitt von etwa 1,1, fast jede Klausur hat
       sie mit 1,0 bestanden, und sie studiert Betriebswirtschaftslehre. Seit
       einem Jahr bekommt sie dafür 300 Euro im Monat, 150 Euro vom Land, 150 Euro
       vom Chemiekonzern Lanxess. Der fördert außer ihr an der Uni Köln noch zwei
       Chemiestudenten.
       
       Marisa ist eine der ersten Empfängerinnen des Stipendiums, das mit dem
       Deutschlandstipendium fast baugleich ist und das der
       Exwissenschaftsminister des Landes, Andreas Pinkwart (FDP), vor einem Jahr
       gestartet hatte. Die 300 Euro, die sie pro Monat mit ihrem Stipendium
       bekommt, brauche sie nicht unbedingt, sagt sie. Sie kaufe sich jetzt
       "vielleicht mal ein Buch mehr". Beim NRW-Stipendium kommt es auf die
       Leistung an und nicht auf Bedürftigkeit.
       
       "Jeder sollte sich ein Studium leisten können", sagt Marisa. Sie wollte
       erst gar nicht studieren und hat nach dem Abitur eine Ausbildung bei der
       Sparkasse gemacht. Doch das reichte ihr nicht und da hat sie ihren alten
       Mazda verkauft und sich für Betriebswirtschaft eingeschrieben. Als sie sich
       für das Stipendium beworben hat, ging es ihr darum, unabhängig zu werden
       und ihre Eltern finanziell zu entlasten. Sie hatte das Gefühl, dass ihre
       Eltern das Geld, das sie fürs Studium braucht, entbehren müssen. Marisa ist
       die Erste aus der Familie, die studiert. Ihr älterer Bruder hat gerade die
       kleine Schreinerei übernommen, in der sie aufgewachsen ist. Leistung nach
       dem Bundesausbildungsförderungsgesetz, kurz Bafög, bekommt sie nicht.
       
       Wie das NRW-Stipendium soll das Deutschlandstipendium diejenigen fördern,
       die "hervorragende Leistungen erwarten lassen". So steht es im Gesetz. Wer
       Stipendiat wird, entscheiden Kommissionen aus Professoren,
       wissenschaftlichen Mitarbeitern und Studenten. Inwiefern sie über
       Studienleistung hinaus berücksichtigen, dass jemand aus einer
       Arbeiterfamilie kommt, liegt allein an dieser Kommission. Das Gesetz zum
       Deutschlandstipendium erlaubt, dass die Unis auch nach sozialen,
       persönlichen und familiären Umständen auswählen. Doch die Frage ist nicht
       nur, ob das Gesetz es erlaubt, sondern auch, ob die Zeit es erlaubt. Denn
       Bewerbungen so sorgfältig zu prüfen, ist extrem zeitintensiv.
       
       In Köln gab es zum Beispiel etwa 600 Bewerbungen auf knapp 100 Stipendien,
       und die Professoren klagen ohnehin über die zunehmende Arbeit jenseits von
       Forschung und Lehre, wie etwa Referenzschreiben. Zusätzliche Mittel für die
       Kosten der Auswahlverfahren gibt es nicht und wird es auch mit dem
       Deutschlandstipendium nicht geben.
       
       Die Hochschulen 
       
       Doch die Fragen, was die Stipendiaten ausmachen soll und wer die Auswahl
       bewältigen soll, sind erst das zweite Problem. Erste Voraussetzung für das
       Stipendium ist, dass Firmen, Stiftungen und Privatpersonen genug Geld für
       die Stipendien spenden. Auch darum müssen sich die Unis kümmern. Yvonne
       Ayoub leitet die Stabsstelle Fundraising der Universität Köln. Knapp
       einhundert neue Stipendiaten nahm die Uni Köln im vergangenen Jahr auf,
       Marisa Merz war eine davon. Zum Wintersemester kommen etwas weniger als
       halb so viele neu dazu. Nicht nur in Köln fließen die Spenden zu langsam
       nach.
       
       In ganz NRW werden dieses Jahr weniger neue Stipendiaten aufgenommen als im
       vergangenen Jahr. 1.400 waren es letztes Jahr, 1.200 werden es in diesem
       Jahr sein. Eigentlich sollte das Stipendienprogramm wachsen. Stattdessen
       ist der zweite Jahrgang der Stipendiaten kleiner als der erste Jahrgang.
       Zehn Prozent der Studenten zu fördern war das Ziel des Stipendiums. Heute
       steht es bei etwas mehr als 0,5 Prozent in seinem zweiten Jahr. Mehr Geld
       konnten Frau Ayoub und ihre Kollegen an den anderen Hochschulen nicht
       anwerben.
       
       Das Interesse der Wirtschaft am kleinen Bruder des Deutschland-Stipendiums
       ist generell nicht so hoch wie erhofft. Die meisten Stipendien, 60 Prozent,
       spendeten im vergangenen Jahr Stiftungen, Vereine und Privatpersonen. Das
       ist das Glück für Johanna Krull, ihr Stipendium bezahlt der Alumni Verein
       der Uni Köln. Sie hat zwar eine 1,4 in ihrer Zwischenprüfung, schreibt acht
       Klausuren in einer Woche, leitet eine Messdienergruppe, betreut ein
       Ferienlager und lernt nebenbei Türkisch. Doch im Gegensatz zu Marisa
       studiert sie etwas, das für die Förderer aus der Wirtschaft nicht attraktiv
       ist. Johanna will Lehrerin an einer Sonderschule werden und zählt damit zu
       den 15 Prozent der Sprach-, Geistes- und Kunstwissenschaftler im
       Stipendium.
       
       Die Wirtschaft 
       
       Das Kombi-Stipendium von Wirtschaft und Politik sollte die Firmen locken,
       Kontakt zu den besten Studenten aus Fachbereichen ihrer Wahl zu bekommen.
       Tatsächlich sind die meisten Spenden an bestimmte Fachrichtungen gebunden.
       Das bedeutet aber nicht, dass die Firmen ihre Stipendiaten vereinnahmen.
       Marisa Merz zum Beispiel hat einen Vorstand von Lanxess bei einem Empfang
       der Uni getroffen. Er sagte, sie könnte ein Praktikum machen. Sie muss es
       aber nicht, Marisa findet das gut, "so können sich beide Seiten aussuchen,
       wie der Kontakt sein sollte", sagt sie.
       
       Kleine und mittelständige Unternehmen zögern noch. Größere Firmen spenden
       zwar, allerdings selten mehr als drei Stipendien. Anfangs habe sie damit
       gerechnet, dass sie vielleicht auch mal zehn Studenten auf einmal fördern
       könnten, sagt Ayoub. Doch die Firmen scheinen erst mal beobachten zu
       wollen, wie sich das Programm entwickelt. Außerdem sind die Zusagen oft auf
       ein Jahr beschränkt.
       
       Diese Probleme des Stipendiums in Nordrhein-Westfalen wird auch das
       Deutschlandstipendium haben, oder eher: die Fundraiser an den
       Universitäten. Bis 2015 will Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) 8
       Prozent der Studenten fördern. Im April will sie die ersten Stipendien
       auszahlen, bis Ende 2011 sollen es zehntausend Stipendiaten sein. Das wären
       wie in NRW 0,5 Prozent, aber innerhalb eines Jahres. Und das wäre nur das
       erste Ziel. Um das zweite Ziel von 8 Prozent bis 2015 zu erreichen, müsste
       sich die Zahl der Stipendiaten jedes Jahr und vier Jahre in Folge jeweils
       verdoppeln, von zehntausend auf hundertsechzigtausend. Schavan nimmt an,
       dass das Spendenvolumen exponentiell wächst.
       
       Eine Kultur des Spendens werde sich entwickeln, verkündete Schavan während
       der Koalitionsverhandlungen im vergangenen Herbst. In Nordrhein-Westfalen
       gibt es diese Spenderkultur aber nicht. Die Universitäten müssen, um an
       Geld zu kommen, Veranstaltungen organisieren. Vom Land gibt es für diesen
       Aufwand bisher nichts. Mit dem Deutschlandstipendium wird eine Hochschule
       126 Euro im Jahr vom Bund für jedes gespendete Stipendium bekommen. Schavan
       will die Hochschulen außerdem mit Schulungen und einem Computerprogramm
       unterstützen. Wenn sich die Erfahrungen aus dem bevölkerungsreichsten
       Bundesland auf Deutschland übertragen lassen, dann werden sich die großen
       Hoffnungen, die Schavan mit dem neuen Stipendium verkauft, nicht erfüllen -
       jedenfalls nicht so schnell.
       
       22 Dec 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Johannes Himmelreich
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA