# taz.de -- Schwedens Piratenpartei mit neuer Chefin: Kapitänin bricht auf zu neuen Ufern
> Schwedens Piratenpartei, die Mutter aller Piratenparteien, hat nach dem
> überraschenden Rücktritt ihres Gründers nun eine Vorsitzende: Anna
> Troberg.
(IMG) Bild: Soll Schwedens Piraten aus der Krise führen: Anna Troberg
STOCKHOLM taz | Im Abschnitt "berufliche Erfahrungen" in Anna Trobergs
Lebenslauf geht es bunt zu. Sie hat als Postsortiererin gejobbt,
Hochzeitstorten gestaltet, war Übersetzerin und Verlagschefin, Doktorantin
in englischer Philologie und hat ein Buch mit dem Titel "Chef aus der
Hölle" geschrieben. Seit Montag ist die 36-jährige selbst Chefin: Die neue
Vorsitzende der schwedischen Piratenpartei.
Deren Gründer und bisheriger Vorsitzender Rick Falkvinge, ein 38-jähriger
IT-Unternehmer, hatte zum Jahreswechsel überraschend seinen Rücktritt
erklärt. Überraschend für Partei und Öffentlichkeit, aber nicht für
Troberg: "Ich wusste seit Monaten Bescheid, dass sich Rick zurückziehen
will."
Falkvinge selbst nennt [1][in seinem Blog] einige Gründe, warum es nach
fünf Jahren Vorsitz genug sein soll. Vor allem sei der alte Schwung weg -
"ich bin nicht mehr voller neuer Ideen", die von ihm aufgebaute
Parteiorganisation funktioniere und schließlich – Anna Troberg. Seine
Nachfolgerin und bisherige Stellvertreterin sei eine "außergewöhnliche
Person" und "genau das, was die schwedische Piratenpartei jetzt braucht".
Auf den Techniker, der mit zweideutigen Äußerungen und zweifelhaften
Vergleichen die Partei gelegentlich in die Bredouille brachte, folgt eine
Kulturarbeiterin und Humanistin. Das könnte der Piratenpartei gut tun. Nach
einem unerwartet schlechten Wahlergebnis bei den Reichstagswahlen im
September mit nur 0,65 Prozent der Stimmen, dümpelt die Partei derzeit
ratlos vor sich in. Das Resultat lag gerade mal 0,02 Prozent über jenem,
mit dem man 2006 erstmals an den Start gegangen war. Wo waren all die
WählerInnen geblieben, die der Partei bei den Europawahlen 2009 ein
Ergebnis von 7,1 Prozent beschert und ihr zwei Sitze im EU-Parlament
eingebracht hatten?
"Wir wissen, dass Integritätsfragen für viele WählerInnen eine grosse Rolle
spielen", sagt Anna Troberg und versteht darunter den Bereich des
Persönlichkeitsschutzes im Internet . "Aber wir waren zu technisch, wir
haben es nicht geschafft unsere Herzensangelegenheiten allgemein
verständlich zu übersetzen. Ich sehe da für mich als Nicht-Technikerin eine
große Aufgabe, besser mit Kommunikationsfragen umzugehen."
Doch Kommunikation ist nicht alles. Die neue Vorsitzende, "geboren im
Gnadenjahr des Herrn 1974, als ABBA in Brighton den Song-Contest gewannen",
möchte die politische Basis der Piratenpartei deutlich verbreitern. "Wir
hatten bislang einen zu schmalen Fokus", sagte sie unmittelbar nach dem
enttäuschenden Wahlresultat und stellte die Parteilinie in Frage. Neben
kulturellen und Integritätsfragen gebe es andere Sektoren, "in denen unsere
Piratenideologie zu einer neuen politischen Dimension beitragen kann".
Gemeint sind: "Bildungspolitik, öffentliches Sozialsystem,
Infrastrukturfragen, sexuelle Minderheiten, allgemeine Fragen der
Rechtssicherheit." Wenn sich die Partei fester in der schwedischen Politik
verankern wolle, bedürfe es außerdem lokalpolitischer Programme. Ein
solcher Fokus könne der Partei nicht von oben diktiert werden. Sie fordert
nun alle Mitglieder auf, "gemeinsam Brachland zu beackern", "neugieriger zu
werden", "Scheuklappen abzulegen", neue Perspektiven und politische Ansätze
zu entwickeln. Dies biete auch "größere Möglichkeiten, den Menschen klar zu
machen, dass unsere Politik sich in ihrem Alltag positiv auswirken wird".
Anna Troberg, die mit ihrer Partnerin, zwei Katzen, einem Hund und acht
Regalmetern Büchern der britischen Schriftstellerin Jeanette Winterson in
Stockholm lebt, hat sich also viel vorgenommen. Auf die Frage, warum die
KriegerInnenprinzessin Xena lebensgroß als Pappfigur in ihrem Arbeitszimmer
stehe, antwortete sie: "Sie passt auf mich auf und ist nützlich für die
Kreativität. Und so hat sie die Attitüde, dass nichts unmöglich ist."
Nicht einmal früh aufzustehen. Denn an ihrem ersten Tag als neue
Parteichefin war sie - [2][wie sie auf Twitter bekannte] - gezwungen, "zu
einer absolut unchristlichen Zeit aufzustehen." Das Fernsehen wollte sie
gleich im Frühprogramm interviewen.
3 Jan 2011
## LINKS
(DIR) [1] http://rickfalkvinge.se/
(DIR) [2] http://twitter.com/#!/annatroberg
## AUTOREN
(DIR) Reinhard Wolff
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