# taz.de -- Kommentar Stuttgart 21: Politik der Gefühle
> Ohne "Stuttgart 21" keine "Wutbürger". "Wutbürger" als Gegenkonzept zur
> Parteiendemokratie. Und die Parteien haben immer noch nicht darauf
> reagiert.
Da sind sie wieder, die Bilder, die die Republik so lange in Aufruhr
versetzt hatten: Wütende Stuttgarterinnen und Stuttgarter sitzen auf den
Straßen, blockieren die Bauarbeiten, legen sich erneut mit der Staatsmacht
an. Denn: Ihr Freund, der Baum, soll zwar nicht sterben, aber immerhin
versetzt werden, woandershin. Die Bilder zeigen: Auch all jene rationalen
Verhandlungen um die Zukunft des Stuttgarter Bahnhofs konnten eines nicht
auflösen - die tiefe emotionale Betroffenheit der Menschen. Und genau diese
hat, noch immer, eine politische Dimension.
Denn nachdem "Stuttgart 21" im letzten Jahr wie kaum ein anderes Thema zu
einer emanzipatorischen Heilserfahrung hochgedeutet wurde, kristallisiert
sich jetzt das politische Ergebnis all der Proteste langsam, aber
ernüchternd heraus: Die Grünen schließen weiterhin eine Koalition mit der
viel gescholtenen CDU nicht aus. Und noch bemerkenswerter ist, dass sich
die bundesweite Debatte um Demokratie und Partizipation schon wieder
totgelaufen hat.
Trotz des verbreiteten Erstaunens über den "Schwabenaufstand" und die
"Wutbürger" haben die politischen Parteien noch immer nicht beantwortet,
mit welchen echten demokratischen Erneuerungen sie ihre Lehren aus dieser
beispielhaften Demokratiekrise ziehen wollen. Was, bitte, haben sie heute
programmatisch im Angebot?
Diese Frage in Erinnerung zu rufen und zwar im Schwabenland und darüber
hinaus, kann die Politik der Gefühle leisten, die von den Stuttgarter
Demonstranten nun wieder betrieben wird. Ob der Grund ihres Protests ein
Baum oder ein Bahnhof ist, ist dabei unerheblich. Folgen hat, dass er
ausstrahlt und berührt. Gegen die Routinen der Parteien bietet das Gefühl
die Möglichkeit des Widerstehens.
8 Feb 2011
## AUTOREN
(DIR) Martin Kaul
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(DIR) Schwerpunkt Stuttgart 21
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