# taz.de -- Berliner Amateur-Fußball: Überlebenskampf der Urgesteine
       
       > Die West-Berliner Traditionsclubs Tennis Borussia Berlin und
       > Reinickendorfer Füchse stehen vor dem Fall ins sportliche Nichts.
       
 (IMG) Bild: Traf gleich zweimal: Pierre-Michel Lasogga (hinten) im Olympiastadion.
       
       Der Anrufer auf der Geschäftsstelle von Tennis Borussia im Mommsenstadion
       fragt: "Wann ist das nächste Heimspiel?" Antwort: "Wann haben Sie denn
       Zeit?" Witze haben Hochkonjunktur, wenn ein Traditionsverein tief fällt.
       [1][TeBe], Berlins Bundesligist aus den 70er Jahren, ist bis hinab in die
       Amateur-Oberliga gestürzt. Der freie Fall muss jedoch hier nicht enden.
       Gebeutelt von einem laufenden Insolvenzverfahren, dem zweiten innerhalb
       weniger Jahre, kämpft Borussia gegen den drohenden Abstieg in die
       Berlin-Liga. Umso wichtiger wäre am vergangenen Freitag ein Heimsieg
       gewesen.
       
       Gegner [2][Reinickendorfer Füchse] krebst ebenfalls am Existenzminimum und
       im Tabellenkeller herum. "Wir waren ja schon totgeschrieben", sagte
       Füchse-Trainer Denis Drnda. Um die aufkommende Depression vor dem
       "Fast-Endspiel" (TeBe-Coach Cemal Yilmaz) kurzzeitig zu bekämpfen, musste
       man nur die aktuelle Oberliga-Tabelle umdrehen: Schon war TeBe virtueller
       Dritter statt Sechzehnter; die Füchse, im wahren Leben auf Rang 17,
       belegten den 2. Platz. Und im Handumdrehen begann damit eine Zeitreise ins
       alte Westberlin, als die Oberliga-Welt beider Klubs in der Mauerstadt noch
       heil war. Die Füchse holten damals in dem winzigen Revier, das Reisekosten
       auf den Preis einer U-Bahnkarte reduzierte und nur Derbys kannte, die
       Meistertitel 1989 und 1990. 1991 war TeBe der letzte Stadtmeister, bevor
       Westberlin in der neugegründeten nordostdeutschen Oberliga aufging. Die
       einstige Idylle war perdu. Mit ihr verschwand der Verdacht, Westberliner
       Amateure wollten eigentlich gar nicht in die 2. Bundesliga aufsteigen, weil
       sie auch ohne Stresstouren ins Bundesgebiet ihr finanzielles Auskommen im
       Sport hatten.
       
       20 Jahre später herrscht bei TeBe und Füchsen Existenzangst. "Nicht nur
       unsere Gäste haben aus der Not eine Tugend gemacht", verkündete der
       Stadionsprecher im Mommsenstadion in seiner Anmoderation für die
       Mannschaftsaufstellungen. Reinickendorf hatte vier A-Jugendliche
       aufgeboten, die in dem 10.000 Zuschauer fassenden Stadion zunächst offenbar
       fremdelten, obwohl nur 400 Besucher erschienen waren. "Tolles Ambiente",
       staunte Drnda. Gastgeber TeBe beschwörte derweil einen Nostalgie-Schub
       durch Stargast Norbert Stolzenburg, seinen früheren Bundesliga-Torjäger.
       "Wir hoffen, dass seine Anwesenheit inspirierend wirkt", flötete der
       Stadionsprecher.
       
       Es nutzte nichts. Weil dem 19-jährigen Yann Nkanga der Gaul durchging. Der
       TeBe-Verteidiger probierte nach 33 Spielminuten, ob seine Hand ins Gesicht
       eines Fuchses passte - und wurde vom Platz gestellt. "In so einem wichtigen
       Spiel darf man nicht austicken", schimpfte TeBe-Trainer Yildiz und kündigt
       eine Geldstrafe für den Sünder an. In Überzahl trafen die Reinickendorfer
       Hamdi Chamkhi (45. Minute) und Kevin Kruschke (83.) zum 2:0-Sieg der Gäste.
       "Wir haben in den entscheidenden Situationen alles falsch gemacht", klagte
       Yildiz.
       
       Kollege Drnda ging im Siegestaumel triumphierend auf die Knie. Nach 153
       Tagen auf einem Abstiegsplatz konnten sich die Füchse etwas Luft
       verschaffen. Drnda empfand Mitgefühl für Yildiz, der um seinen Job bangen
       muss: "Wir drücken TeBe die Daumen, dass sie in der Oberliga bleiben."
       
       18 Apr 2011
       
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