# taz.de -- 56. Eurovision Song Contest: Inflation der Liebenden
       
       > 120 Millionen Fernsehzuschauer, 10.000 Besucher: Der Eurovision Song
       > Contest wird ein Großereignis, das jeder gut finden darf, ohne sich dafür
       > zu schämen. Schade.
       
 (IMG) Bild: War das schön: Lena Meyer-Landrut war Gewinnerin des Euro-Vision-Song-Contests 2010.
       
       DÜSSELDORF taz | Wer wollte das bestreiten: Die Dimensionen des 56.
       Eurovision Song Contest in Düsseldorf sind gewaltig. 2.500 Menschen sind
       als Journalisten akkreditiert; sie kommen aus mehr als vier Dutzend
       Ländern. Etwa 10.000 Fans dieses Festivals werden in den nächsten Tagen am
       Rhein erwartet. Ob sie Tickets haben oder nicht: "Das ist unser Woodstock",
       sagt ein Volunteer, der seit Wochen für dieses Ereignis rund um die Arena
       der Stadt arbeitet, "da geht man hin, gerade, wenn es im eigenen Land ist."
       
       Allein diese Volunteers. Der NDR suchte Helfer - für alle möglichen
       Dienste, niedere oder interessante. Der Clou aber: Diese Volunteers, 550 an
       der Zahl, kriegen gar nix. Keinen Cent. Auch keine Eintrittskarten. Wer
       hier dient, möchte man sagen, tut es der Sache wegen.
       
       Eine große Sache. 120 Millionen Menschen in Europa werden zuschauen: Der
       ESC zieht mehr Publikum als alle anderen Events, nur gelegentlich
       übertroffen durch Fußballspiele. Aber eine europäische Schau, in der es um
       Punkte und Platzierungen geht? Keine sonst.
       
       Allein: Es ist nicht mehr wie früher. Der ESC, spätestens seit den
       Partytagen, die Guildo Horn 1998 möglich gemacht hat, ist zu einem
       Mainstreamereignis geworden, dem jeder Underground verloren gegangen ist.
       Leider. Aller Charme des Unmöglichen, des Uncoolen ist flöten gegangen. ESC
       goes Pop, oder wie es Thomas Schreiber, Unterhaltungschef der ARD und Kopf
       des ESC in Düsseldorf, sagt, der Eurovision Song Contest drückt die
       nationalen Popkulturen aus - und keine Nischenästhetik mehr. Man möchte
       hinzuseufzen: Ja, leider.
       
       Okay, den Grand Prix Eurovision de la Chanson, als der er einst in
       Deutschland firmierte, darf man jetzt gucken. Niemand muss sich mehr
       schämen. Jedes Jahr sei dieser Termin fest gebucht, da könne kommen, was
       wolle - so bekannte sich einmal die Grünenchefin Claudia Roth zu diesem
       Fest. Keiner muss mehr sagen: "Ja, ich guck das, aber nur kritisch." Nein,
       Partyzonen und Public Viewing sind Stichworte, die in etwa die öffentliche
       Leidenschaft umreißen, die diesen ESC mittlerweile umweht.
       
       ## Modernisierung seit Gildo Horn
       
       Manche nennen die Zeit seit Guildo Horn - der längst ja auch eine
       historische Figur geworden ist - eine der Modernisierung. Eine
       janusköpfige, möchte man kulturkritisch anfügen, ein Relaunch, eine
       Gesamtrenovierung, an der vor allem Ländern wie Deutschland oder Schweden
       gelegen war. Es ging um die Quote, aber nicht allein um diese. Wichtig war
       die öffentliche Akzeptanz - und um die war es in Deutschland schlecht
       bestellt.
       
       Natürlich hatte die ARD schon immer ein Juwel des Entertainments in der
       Hand mit diesem Grand Prix Eurovision. Jahr für Jahr mussten die jeweils
       verantwortlichen Sender, zunächst der Hessische Rundfunk, später der
       Bayerische Rundfunk, kaum etwas unternehmen, um faktisch frei Haus hohe
       Einschaltquoten zu erzielen. Der Eurovision Song Contest hatte schon immer
       alles, was es braucht, um Interesse zu fundieren: viel Liebe zu ihm, vor
       allem auch viel Hass. Die einen fanden es toll, die anderen doof - und am
       Ende kam ein Publikum im satt zweistelligen Millionenbereich zustande.
       
       Aber die Liebenden, jene, die nicht so taten, als hätten sie diese Show nur
       zufällig gerade gesehen oder gar sehen müssen, waren, falls sie sich
       kannten, wie eine Undergroundgemeinde. Früher, das war einfach eine bessere
       Zeit. Es gab Orchester, nicht wie heute Musik vom Band, die nur mit
       Livegesang ausgefüllt werden muss. Nur in der jeweiligen Landessprache
       durfte gesungen werden, was den Aficionados das prima Gefühl gab, einen
       Schritt aus dem Einheimischen ins Internationale wenigstens sprachlich zu
       tun. Verboten war es anfänglich sogar, in Gruppen aufzutreten; erst als
       diese Regel ausgehebelt war, wurde dieser Eurovision Song Contest auch für
       Bands interessant, etwa für Abba aus Schweden. Früher wurden auf der Bühne
       Abendkleider getragen, und die Herren bevorzugten Fracks und Krawatten. Wer
       auf sich hielt, guckte diese Show selbst in guten Klamotten.
       
       ## Der Contest war immer generationenübergreifend
       
       Dereinst, früher, damals: Das war eine Inszenierung von großer
       Zeitentrücktheit, denn der Beat, das ganze moderne Musikzeug blieb meist
       draußen. Der Grand Prix Eurovision war ja nie der "Beatclub" mit Uschi
       Nerke oder "Disco" mit Ilja Richter, also ein juveniles Format, sondern
       eine generationenübergreifende Geschichte, sonst hätte es ja diese
       Einschaltquoten nicht gegeben. Gewinnen konnte nur, wer nicht nur die
       Bravo-Generation überzeugte, sondern auch jene, für die Illustrierte wie
       die Hörzu maßgebend waren. Ja, dieser Grand Prix Eurovision wurde mit Häme
       bedacht, verspottet und verlacht, aber das machte die Fans nur bewusst, wie
       richtig sie lagen: Wer sich lustig machte über diese gelegentlich
       verstaubte Leistungsschau musikalischen Mühens in Europa, gab nur kund, auf
       schlecht gebügelte Kleidung, nachlässige Frisuren und unwürdige
       Körperbewegungen zu halten. Noch 1996 sollte die britische Kandidatin beim
       ESC in Oslo disqualifiziert werden!
       
       Gina G.s Tanzbewegungen zu ihrem "Ooh … ah … Just A Little" wirkten in den
       Augen kroatischer und maltesischer Sittenwächter wie Einsprengsel aus einer
       Peepshow.
       
       Solche Skandale gab es immer, und sie würzten die Suppe dieses Menüs nur
       umso feiner.
       
       Vor Jahren noch, 1973 war es, in Luxemburg, wo ein simpler Pavillon von der
       Opulenz einer Kurmuschel in Bad Neuenahr für die Übertragung ausreichte,
       war alles noch in heller Aufregung, weil Israel erstmals mit von der Partie
       war. Seither gibt es Sicherheitsvorkehrungen beim ESC; in Düsseldorf aber,
       darauf ist man wahrscheinlich zu Recht stolz, ist die Sicherheit in etwa so
       maschendicht gehalten wie an Flughäfen.
       
       Man verrät kein Geheimnis, sagt man, dass dieser bekennende Underground
       hauptsächlich durch schwule Männer verkörpert wurde. Sie waren (und sind)
       es, die die Damen (und Herren) auf der Bühne, Vicky Leandros etwa, auch
       Marie Myriam, Udo Jürgens, Johnny Logan oder Dana International verehrten,
       weil sie deren Darstellung von Tragödien und Verhängnissen glaubten, weil
       sie sich in sie hineinfantasieren konnten. Und weil sie Lieder
       interpretierten, die nicht dem üblichen Mann-trifft-Frau- oder
       Girl-betet-Boy-an-Schema entsprachen. Der Kulturwissenschaftler Johannes
       Arens sprach voriges Jahr nach Lenas erstem Platz in Oslo von einer
       "Entschwulung" des ESC durch den Meister des ESC hierzulande, Stefan Raab,
       Mentor der Siegerin. In Lena, so Arens, sei nichts mehr, in das sich
       Männer, die nicht heterosexuell sind, hineinversetzen können. Es seien
       fahle Mädchenträume, die sie serviert, keine Geschichten von Triumph und
       Scheitern.
       
       Die Moderne ist nicht aufzuhalten, das ist ohnehin klar. Der Underground
       der Urgemeinde ist vom Mainstream aufgesogen worden. Könnte sein, dass das
       als unvermeidlich erkannt werden muss. Der Stoff, aus dem die Träume des
       ESC sind, ist einfach zu gut, als dass die männlich-heterosexuelle Welt
       nicht an ihm auch Gefallen finden könnte.
       
       Düsseldorfs ESC wird großartig. Die deutschen Organisatoren werden nach
       Lage der Dinge alles brillant zur Geltung bringen. Über Düsseldorf scheint
       seit Tagen die Sonne. Es gibt Stimmen, die dieses Wetter für einfach
       mitinszeniert halten.
       
       Eine Kritik, die vermutlich zu weit geht.
       
       PS: Lys Assia ist einmal mehr Ehrengast des ESC. Sie war die erste Siegerin
       dieses Festivals 1956, damals in Lugano. Ihr Credo: "Ich trug auf der Bühne
       echten Schmuck." Die 87-Jährige empfiehlt sich Jahr für Jahr, wieder für
       die Schweiz antreten zu dürfen - "denn ich bin ja noch ein Star". Man ist
       dankbar für diesen Aspekt des Irrealen.
       
       3 May 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan Feddersen
       
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