# taz.de -- Leonhard Fuest über Melancholie und Utopie: "Werdet Zwerge!"
       
       > Der Hamburger Literaturwissenschaftler Leonhard Fuest schreibt über die
       > dunklen Seiten des Lebens. Ein Gespräch über das tägliche Grauen,
       > Trauerarbeit und das Heilmittel der Literatur.
       
 (IMG) Bild: "Sich selbst ernst nehmen ist die größte Katastrophe, die man sich leisten kann im Leben": Leonhard Fuest.
       
       taz: Herr Fuest, was verstehen Sie unter Melancholie? 
       
       Leonhard Fuest: Erstmal ist der Begriff konnotiert mit radikaler
       Traurigkeit und Mattigkeit, Suizidalität. Und es gibt diesen Gedanken, dass
       der Melancholiker der enttäuschte Utopist ist. Der Melancholiker leidet
       daran, dass sich das, was er von der Welt erhofft hat, nicht realisieren
       lässt.
       
       Das Ereignis … 
       
       … bleibt aus, genau. Daneben gibt es noch eine auf die Geschichte
       gerichtete Melancholie, die jüngst sehr wichtig geworden ist. Melancholie
       als eine Form der nie-an-ein-Ende-gelangenden Trauerarbeit. In den
       Gedächtnis- und Traumadiskursen seit des Zweiten Weltkrieges ist so die
       Melancholie als adäquate Haltung, etwa zum Holocaust, erkannt worden.
       
       Die moderne Übersetzung der Melancholie ist Depression. Was halten Sie
       davon? 
       
       Nichts. An die Depression knüpft sich ein ganz anderer Diskurs. Nach
       Baudelaire ist die Melancholie die "erlauchte Freundin der Schönheit". Man
       muss die Melancholie mindestens ästhetisch lesen, man kann sie philologisch
       und philosophisch lesen, aber natürlich auch politisch.
       
       Wieso politisch? 
       
       Der Melancholiker ist der Widerständige. Er ist ein unruhiger Geist, er
       begnügt sich nicht.
       
       Sind Sie ein Melancholiker? 
       
       Ich habe Probleme mit der Rückführung meiner Person auf so eine
       Identifikationsfigur. "Ich bin Melancholiker", was soll das heißen? Sagen
       wir es lieber so: Ich beerbe die Melancholie und ihre Vertreter.
       
       Wie wird man Melancholiker? 
       
       Vor allem über die Beobachtung der Welt, beispielsweise das Konsumieren der
       Medien. Das bedeutet: tägliche Konfrontation mit dem Grauen. Zeitung lesen
       heißt, an den Rand des Abgrunds treten.
       
       Aber es gibt doch manchmal auch Freudiges zu vermelden. 
       
       Ja, aber am Ende läuft es doch hinaus auf das Problem des
       Nicht-Fertig-Werdens mit jenen Grausamkeiten und Dummheiten, die die Welt
       zu regieren scheinen.
       
       Was also tun? 
       
       Da wird es schwierig. Der Melancholiker ist ja einer, der ein gestörtes
       Verhältnis zur Tat hat. Der Melancholiker schätzt die Unermesslichkeit des
       Wissens. Die aber verhindert die Tat, weil dazu immer die Entscheidung
       nötig ist, das Urteil, jetzt genug zu wissen.
       
       Es gibt für den Melancholiker gar keine Lösung? 
       
       Doch, über das Schreiben. Obwohl auch hier gleich eine Einschränkung kommen
       muss: Denn kein Schreiber, und schon gar nicht wir im 21. Jahrhundert,
       könnte behaupten, dass sein Schreiben jemals etwas Wesentliches verändert
       hätte.
       
       Aber die Wirkmacht der Schrift kann doch gerade in der langen Dauer immens
       sein. 
       
       Das stimmt, aber wir müssen auch die Tatsache im Auge behalten, dass
       Schiller, Goethe, Kant uns fast alles zum Humanum entdeckt und wir trotzdem
       den Holocaust hatten. Das ist für mich seit der Jugend prägend.
       
       Thomas Bernhard, über den Sie promoviert haben, hat mit Stücken wie
       "Heldenplatz" direkt auf den Holocaust geantwortet. 
       
       Ein super Stück! Da werden Sachen gesagt wie: Und im Übrigen gibt es heute
       in Wien mehr Antisemiten als in den 30er Jahren. Berhard übertreibt damit
       natürlich maßlos und macht regelrecht Falschaussagen. Aber er rüttelt auf.
       Allerdings bin ich nicht über dieses Motiv zu Bernhard gekommen, sondern
       über das, was sich verbirgt hinter seinem schönen Satz: "In der Finsternis
       wird alles deutlich."
       
       Das letzte Wort soll der Melancholiker haben? 
       
       Das auch nicht, denn das Letzte und Beste, was man sich selbst und seiner
       Sicht auf die Welt angedeihen lassen sollte, ist das Gelächter. Das Pathos,
       die Larmoyanz, all das, was die Melancholie ausmacht, das hat man
       naturgemäß zu korrigieren über den Witz. Sich selbst ernst nehmen ist die
       größte Katastrophe, die man sich leisten kann im Leben. Daran krankt ja die
       halbe Welt.
       
       Wie gelangt man denn zur Freude? 
       
       Da muss ich jetzt wieder auf die Literatur zurückkommen. Und zwar auf die
       Literatur als Pharmakon. Ich begreife die Literatur als Mittel, das ich zu
       bestimmten Zwecken einsetzen kann.
       
       Und wann nimmt man das? 
       
       Eigentlich nimmt man immer schon Pharmaka, denn man kann die Gleichung
       aufmachen: Pharmakon = Medium. Bernard Stiegler, Leiter des Centre Pompidou
       tut das. Er sagt: Wir sind umgeben von Programmindustrien, die allesamt
       Pharmaka herstellen: DSDS und so weiter. In dieser durch und durch
       pharmakologischen Welt begreife ich die Poetopharmaka als Gegenmittel.
       
       Gegen was? 
       
       Gegen das Prinzip der Verblödung, das das beste Mittel ist, um die Leute
       ruhig zu halten. Die massenmedialen Pharmaka sind dazu da, Aufmerksamkeit
       zu beschränken, ein Gefühl zu entwickeln, das da lautet: Scheißegal. Die
       Poetopharmaka schreiben sich her aus der melancholischen Analyse und
       schärfen den kritischen Verstand. Das Poetopharmakon ist der Versuch, etwas
       Konstitutives aus der melancholischen Analyse zu machen. Ein Angebot.
       
       Im Netz betreiben Sie mit einigen Mitstreitern die Seite dekonstrukte.de,
       eine Art Poetopharmazie zwecks Verteilung und Erforschung von
       Poetopharmaka. Wenn ich nun zu Ihnen als Bedürftiger komme, der am Boden
       ist, was verschreiben Sie mir? 
       
       Ich würde erstmal fragen, warum sind Sie am Boden?
       
       Meine Freundin hat mich verlassen. 
       
       Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Linderung oder die homöopathische
       Herangehensweise, über die wir Sie zunächst in den Zustand einer Heilskrise
       versetzen. Dazu würde ich Ihnen etwa die Aphorismen von Emile Cioran
       verschreiben unter der Überschrift: "Vom Nachteil geboren zu sein". Da
       stehen so Sachen wie: "Atmen ist Unzucht". Oder: Man hätte uns ersparen
       sollen, einen Körper herumzuschleppen, die Last des Ichs reicht vollkommen
       aus.
       
       Bäh, ganz schön bittere Pillen. 
       
       Es geht darum, sich zu sagen: Das ist ja alles noch viel abgründiger, als
       ich gedacht habe. Und was passiert dann? Ich falle in die Bodenlosigkeit,
       um im entscheidenden Moment so eine Art von Solidargefühl zu haben. Anderen
       geht es auch so, ich bin nicht allein.
       
       Wie sähe die lindernde Heilpraktik aus? 
       
       Wir können eine kleine Sommergeschichte von Kurt Tucholsky nehmen, wo so
       was ganz Süßes passiert, und ich Ihnen sagen kann: Hey, es sind doch genug
       Frauen unterwegs, ist doch toll, der Sommer steht vor Tür, vergessen Sie,
       was hinter Ihnen liegt. Oder aber wir lesen einen prächtigen realistischen
       Roman, wo ich so sagen würde: Ich glaube, Sie haben Probleme mit Empathie,
       Sie sollten Frauen erstmal besser kennenlernen, lesen Sie Flauberts "Madama
       Bovary".
       
       Und Sie glauben, das hilft? 
       
       Ich bin der erste, der sich vollkommen im Zusammenhang mit dem
       Poetopharmakon zum Placebo-Effekt bekennt. Das ganze Ding basiert rein auf
       Suggestion. Naturgemäß. Denn die ganze Literatur ist suggestiv.
       
       Instrumentalisieren Sie mit Ihrem therapeutischen Ansatz nicht die
       Literatur? 
       
       In gewisser Weise ja. Aber bewusst. Weil ich davon ausgehe, dass sich die
       Literatur in einem so radikalen Umbruch befindet wie seit der Erfindung des
       Buchdrucks nicht mehr. Und zwar durch das Medium Netz. Die programmatische
       Kraft des Internets ist so stark, dass ein "digital native" ein
       Lektüreverhalten an den Tag legen wird, das mit meiner Sozialisierung rein
       gar nichts mehr zu tun hat. Darum ist die Instrumentalisierung von
       Literatur nichts anders als ein Dienst an ihr.
       
       Wie das? 
       
       Um sie zur Verfügung zu erhalten. Lieber man instrumentalisiert, versucht
       und experimentiert mit ihr, als sie abseits liegen zu lassen mit ihrem
       Autonomieanspruch und ihrer Hermetik.
       
       Wie vereinen Sie diesen Standpunkt mit der im Universitätsbetrieb
       geforderten Wissenschaftlichkeit? 
       
       Ich bin da in der Tat in einem Zwiespalt, und es ist völlig offen, wie es
       mit mir weitergeht. Ich habe fünf Jahre an meinem Buch über Bernhard
       geschrieben, fünf weitere über die "Poetik des Nicht(s)tuns". Andererseits
       glaube ich nicht mehr wirklich an die Kultur des Monologischen. 500 Seiten
       über den Untergang des Abendlandes: das ist doch fürchterlich.
       
       Woran glauben Sie dann? 
       
       Ich glaube an die Wirksamkeit in mikropolitischer und mikroethischer
       Hinsicht. Und dass sich die nur erzeugen lässt im Dialog, im Gespräch, in
       kleinen Gruppen.
       
       So bescheiden? 
       
       Ich bin Jahrgang 1967, das ist die Generation Golf. Ich finde es gut, dass
       bei dieser Generation bis heute, obwohl sie jetzt an die Macht geht,
       bislang, toi, toi, toi, keine Helden dabei sind. Und damit das auch so
       bleibt, schlage ich vor: Werdet, die ihr seid, werdet Zwerge!
       
       Ist das nicht ein Rückzug? 
       
       Nein, ein Auszug. Die Zwerge, das sind in den Mythen die Ausgewanderten.
       Die Zwerge sind diejenigen, die weggegangen sind, weil die Menschen zu laut
       waren, zu habgierig, zu hässlich und zu tölpelhaft. Und es sind die, die
       unterirdisch wühlen, an den Wurzeln graben. Die wahren Radikalen.
       
       29 May 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Maximilian Probst
       
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