# taz.de -- Ausstellung im Sprengel-Museum: Schock-Skulptur und Schoko-Masse
       
       > In Hannover sind jetzt Arbeiten des politisch höchst ambitionierten
       > Künstlers Siegfried Neuenhausen zu sehen. Beim Rundgang zeigt sich: Nicht
       > alles war früher besser, aber doch so manches.
       
 (IMG) Bild: Zu Tode Gefolterter, schockierend naturalistisch: Neuenhausens "Denkmal für João Borges de Souza" (1971).
       
       HANNOVER taz | "Die Bürger von B.": So heißt eine Gruppe lebensgroßer
       Figuren auf dem gepflasterten Museumsplatz im Sprengelmuseum Hannover. Die
       Arbeit aus dem Jahr 1967 bildet das Zentrum der kleinen Schau früher Werke
       des hannoverschen Künstlers Siegfried Neuenhausen: Neun kahlköpfige anonyme
       Männer, alle in ähnliche Mäntel gewandet, alle die Hände auf dem Rücken
       verschränkt, schauen merkwürdig teilnahmslos in die Runde.
       
       Künstler Neuenhausen sieht die neun als Repräsentanten einer nicht
       ungefährlichen gesellschaftlichen Situation, die sich dann ja in den
       1968er-Studentenrevolten entlud: Irgendwo zwischen der biederen
       Selbstgefälligkeit nach dem überwundenen Zweiten Weltkrieg, der mentalen
       Stagnation einer politischen Kontinuität und der individuellen Verdrängung
       kollektiver Schuld nähern sich die armseligen Protagonisten den gängigen
       Clichés von Polizeispitzeln oder anderen tumben Ordnungsfetischisten an.
       Das "B." steht übrigens für Braunschweig: An der dortigen Kunsthochschule
       übernahm Neuenhausen mit gerade mal 33 Jahren eine Professur, und in dessen
       provinzieller Enge erfuhr er wohl ganz hautnah diesen Kulturschock.
       
       Damit ist auch schon der politische Künstler Siegfried Neuenhausen dingfest
       gemacht. Der wird nun 80, und zusammen mit dem Kunstverein Hannover hat das
       Sprengelmuseum - nach der großen Timm Ulrichs-Retrospektive zu dessen 70.
       Geburtstag - das Konzept einer Doppelschau zu einem Hannoveraner, gar
       niedersächsischen Granden neu aufgelegt.
       
       Der Teil im Sprengelmuseum ist präzise kuratiert, künstlerisch eindringlich
       und räumlich adäquat präsentiert. Neben der Bürgergruppe berührt besonders
       das "Denkmal für João Borges de Souza": Schockierend naturalistisch, erneut
       lebensgroß, ist der zu Tode gefolterte brasilianische Student und
       Regimekritiker auf einen Stuhl gefesselt dargestellt, während der
       gegenüberstehende seines Peinigers leer ist. Schmerz, Tod, ungeahndete
       institutionelle Gewalt werden zur direkten appellativen Konfrontation des
       Betrachters eingesetzt.
       
       Mit den künstlerischen Mitteln eines kritischen Realismus reflektierte
       Siegfried Neuenhausen um 1970 die drängenden Themen der Zeit, sein Wagnis
       einer unmittelbaren politischen Parteinahme beeindruckt auch noch im
       Rückblick. Seine aktuellen Arbeiten, die jetzt im Kunstverein zu sehen
       sind, wirken daran gemessen recht blutleer: 4.500 Miniaturfiguren, groß wie
       Schokoladenweihnachtsmänner, jedoch aus Fangolehm, was das Setting mit
       einer intensiv organischen Duftnote anreichert, bevölkern in
       unterschiedlichen Aufstellungen das Treppenpodest und vier Säle.
       
       Eine vollbusige, aufblickende Frauenfigur und eine männliche Gestalt, mit
       Hut und gesenktem Haupt, deklinieren in Variationen Siegfried Kracauers
       Topos vom "Ornament der Masse": Sie werden in der strengen Formation einer
       Terracotta-Armee, im Gänsemarsch auf kleinen Rampen, von der
       Fensterbrüstung drängend in einen Saal einquellend oder in einem
       chaotischen, auch physischen Auflösungsprozess arrangiert.
       
       Die beabsichtigte gesellschaftskritische Aussage erschließt sich aber nur
       bedingt. Sicher - auch unser beschleunigtes kapitalistisches Weltsystem
       baut nach wie vor auf willfährige Massen. Aber lässt sich der gnadenlose
       Marktradikalismus heutiger, sich selbst ausbeutender Ich-AGs noch mit dem
       Stereotyp des entpersönlichten Fabrikarbeiters und der nach Versorgung
       suchenden (Haus-)Frau erfassen? Führt nicht vielmehr die permanent
       verlangte persönliche Neuerfindung zu einer ganz anderen Art geradezu
       überindividualisierter Anonymität und Vereinsamung?
       
       Plastisch künstlerische Metaphern für unsere aktuellen politischen Themen
       zu liefern, die an die Kraft seiner frühen Arbeiten anschließen, scheint
       Siegfried Neuenhausen dann wohl nicht mehr so recht zu gelingen. Aber es
       gibt auch im Kunstverein eine Entdeckung: Neuenhausens Gouachen und
       Zeichnungen, vor allem aber seine Zeichenbücher: Die nämlich rechtfertigten
       den Ausstellungstitel "Kleine Welten", besonders die zehn digitalisierten
       und animiert durchgeblätterten Exemplare.
       
       Darin verarbeitet Siegfried Neuenhausen unermüdlich alles, was sich ihm
       tagtäglich an Eindrücken stellt. Eine Reise mit seinem Professorenkollegen
       Malte Sartorius anno 1999 nach China wird inklusive eingeklebtem und
       übermaltem Stadtplan Pekings aufgezeichnet, es gibt illustrierte
       Wortspiele, Collagen, englische Texte, mit Aquarellen überlagert, und sogar
       ein wässrig überfangenes Foto von Hannover-96-Keeper Robert Enke mit dem
       Handke-Plagiat "Die Angst des Torwarts vor der 2" auf der Seite daneben.
       Dieser Kosmos Neuenhausens ist frisch, sehr präsent und von elementarer
       künstlerischer Vitalität.
       
       ## "Kleine Welten": bis 14. August, Kunstverein Hannover.
       
       14 Jul 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bettina Maria Brosowsky
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Wolfenbüttel
       
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