# taz.de -- Ein Überlebender des Attentats erzählt: "Ich flehte, dass er nicht abdrückt"
       
       > Adrian Pracon hat das Massaker in einem Ferienlager auf der Insel Utøya
       > unweit von Oslo überlebt. Der Täter hat auf ihn gezielt, er kam mit einem
       > Schulterschuss davon.
       
 (IMG) Bild: Oslo trauert. 93 Tote sind bisher offiziell bestätigt.
       
       Wie hat alles begonnen? 
       
       Pracon: Es fing mit dem Bombenanschlag in Oslo an. Wir haben alle in einem
       großen Raum versammelt, um ihnen mitzuteilen, was passiert war. Dann haben
       wir gehört, dass Polizisten kommen. Wir dachten, es wäre gut, die Polizei
       auf der Insel zu haben - bis der Polizist plötzlich anfing, auf Leute zu
       schießen. Alle sind losgelaufen, niemand konnte glauben, was passiert war.
       Jeder lief um sein Leben und hat versucht, wegzuschwimmen.
       
       Nachdem Sie einen Schulterschuss erlitten haben, haben Sie auf Twitter
       folgende Meldung gepostet: "Auf Utøya erschossen. Viele starben." Warum war
       das Ihre erste Reaktion? 
       
       Mir wurde klar, wenn ich es nicht überlebe, wäre es wohl klug den Leuten zu
       sagen, was passiert ist. Und anstatt es nur einer Person zu sagen, habe ich
       es einfach allen gesagt.
       
       Wie sind Sie dann entkommen? 
       
       Ich bin etwa hundert Meter geschwommen und mir ging die Luft langsam aus -
       wegen des Adrenalins, aber auch wegen der schweren Kleidung. Ich musste
       also zurückschwimmen und habe es kaum geschafft. Als ich wieder auf der
       Insel ankam, stand er da und zielte mit dem Gewehr auf mein Kopf. Ich
       flehte, dass er nicht abdrückt - und er tat es nicht.
       
       Haben Sie dem Schützen ins Gesicht blicken können? 
       
       Ich habe ihn dreimal gesehen. Er war sehr ruhig, er war entspannt und
       kontrolliert. Es schien, als kümmerte es ihn gar nicht richtig. Er ging
       langsam und sah aus wie einer aus einem Film über Nazis. Er sah aus, als
       käme er direkt aus einem Film.
       
       Wie fühlen Sie sich jetzt? 
       
       Ich glaube, dass ein Schutzengel über mich gewacht hat. Ich habe enormes
       Glück, am Leben zu sein. Aber ich kann das nicht feiern, wegen all denen,
       die ihr Leben so gewaltsam verloren haben.
       
       Können Sie in die Zukunft blicken? 
       
       Wir kämpfen weiter und halten zusammen, also werden wir durchkommen und
       sind nun stärker als je zuvor. Wir werden für Rechte und für die Justiz
       kämpfen.
       
       Und kann ein solches Ferienlager je wieder stattfinden?
       
       "Ich glaube, dass es auf dieser Insel nichts mehr geben soll. Ich denke,
       dass die Insel jetzt nur noch mit dem Tod in Verbindung gebracht wird.
       Hoffentlich können wir aus dieser Insel einen Ort machen, an dem wir den
       Opfern gedenken."
       
       24 Jul 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Helen Maguire
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Kommentar Mediale Attentatsanalyse: Terrorexperten? Errorexperten!
       
       Ein Experte sollte, so die Definition seiner Aufgabe, Fakten abwägen und
       dann seine Einschätzung geben. Die Terrorexperten haben damit per
       Definition versagt.
       
 (DIR) Ermittlungen in Norwegen: Attentäter = Einzeltäter
       
       Der Attentäter von Oslo hat seine Taten lange geplant - und er hält sie für
       richtig und auch notwendig. Offenbar hatte der 32-Jährige keine Komplizen,
       das jedenfalls sagt er selbst.
       
 (DIR) Reaktionen auf das Attentat in Norwegen: "Nationale Tragödie"
       
       Bislang sind nach den beiden Attentaten in Norwegen 93 Tote bestätigt.
       Kritik gibt es am verspäteten Eingreifen der Polizei auf der Insel Utøya.
       
 (DIR) Die Anschläge von Oslo: Massenmord als PR-Aktion
       
       Der Oslo-Attentäter hat seine beide Taten gestanden. Über seine Motive
       veröffentlichte er ein 1500 Seiten langes Manifest. Er dachte, die Taten
       nicht zu überleben.
       
 (DIR) Historiker über den Attentäter von Oslo: "Anti-Multikulturalismus verinnerlicht"
       
       Anders B. Breivik glaubt, dass der Multikulturalismus die europäische
       Kultur zerstöre. Er ist besessen von einer konspirativen Weltanschauung,
       sagt der norwegische Historiker Terje Emberland.
       
 (DIR) Das Massaker von Oslo: Attentäter sieht sich im "Rassenkrieg"
       
       Anders Breivik soll ein 1500-seitiges, anti-islamistisches Pamphlet im
       Internet veröffentlicht haben. Sein Anwalt teilt mit, dass Breivik seine
       Taten zwar "als schrecklich, aber notwendig" erachten würde.
       
 (DIR) Über 90 Tote in Norwegen: Verdächtiger für Doppelattentat gefasst
       
       Insgesamt über 90 Tote bei den zwei Anschlägen in und bei Oslo. Norweger
       richtet Blutbad an. Hinweise auf rechtsextremen Hintergrund.