# taz.de -- Die Pille für die Stille: Schlaf kann so kostbar sein
       
       > Melatonin-Tabletten sollen gegen Jetlag und Schlafstörungen helfen. Immer
       > mehr Fernreisende pfeifen sich die Pillen ein. Aber helfen sie wirklich?
       
 (IMG) Bild: Der kluge Reisende hat vorgesorgt und sich eine Melatonin-Tablette eingepfiffen.
       
       Der letzte Urlaubstag war verdammt lang. Morgens das Gepäck von vier Wochen
       USA-Reise in den Mietwagen gequetscht. Mittags ein letztes Mal an den
       Strand gegangen und die Füße in den kalten Pazifik gehalten. Nachmittags im
       Highway-Gewirr den Flughafen angesteuert. Eingecheckt. Gewartet. Sich mit
       dem Sitznachbarn im engen Flugzeugsessel einen zähen, aber entscheidenden
       Stellungskampf um die Armlehne geliefert. Und dann: Motorenlärm,
       Klimaanlagengetöse, Start … Heimflug. Das hätten elf schlaflose Stunden
       werden können.
       
       Die kluge Reisende aber hatte vorgesorgt und sich - wie an jedem Abend der
       Woche zuvor - eine Melatonin-Tablette eingepfiffen. Fünf Milligramm
       Schlafhormon. Der Körper hatte sich bereits vorbildlich daran gewöhnt, um
       diese Zeit seinen pharmazeutischen Gutenachtkuss zu bekommen, und versank
       direkt nach dem Flugzeugabendessen in einen Sieben-Stunden-Schlummer.
       Fliegen, dachte die Reisende: ein Kinderspiel. Jetlag? Wie wird das
       buchstabiert?
       
       In diesen Tagen, wenn die Ferien enden und die zeitzonenverwirrten Körper
       der Fernreisenden wieder den Anforderungen von Arbeit, Uni und Schule
       gerecht werden müssen, gibt es gar nicht mal so wenige Erwachsene, die sich
       mit Melatonin-Tabletten passgenau in den Schlaf hineinbeamen. Melatonin,
       jenes Hormon, das sonst von der Zirbeldrüse im Gehirn produziert wird,
       beeinflusst den menschlichen Schlaf-Wach-Rhythmus. Wird es dunkel, schüttet
       die Drüse Melatonin aus, Blutdruck und Körpertemperatur sinken - der Körper
       wird müde. Wird durch Zeitzonenhopping dieser Rhythmus
       durcheinandergewirbelt, können Melatonin-Tabletten gegen den Jetlag wirken.
       
       Wohlgemerkt: können. Denn ob künstlich hergestelltes Melatonin tatsächlich
       jenen hilft, die nach Fernreisen morgens um drei schlaflos durch ihre
       Wohnung geistern, ist nicht sicher belegt. Zwar gibt es kleinere
       Doppelblindstudien, deren Teilnehmer unter Melatonin-Einfluss schneller
       müde wurden und länger schliefen. Neuere Forschungen allerdings gehen davon
       aus, dass der künstliche Schlafbooster nur bei einem von vier Probanden
       tatsächlich wirkt. Alles andere ist wohl Placebo.
       
       ## Wortbesteck für den Club der Hunderjährigen
       
       Für andere Wirkungen, die dem Mittel ebenfalls nachgesagt werden, gibt es
       bis heute keine wissenschaftlichen Beweise. Angeblich soll Melatonin jung
       halten und schlau machen, ja, es soll sogar Krebszellen bekämpfen, und wem
       das noch nicht genug ist, dem versprechen Ratgeberbücher volleres Haar. Da
       ist von "Antioxidanzien" die Rede, von "Lebenszeitverlängerung" und
       "Zellschutz" - Wortbesteck, das signalisieren soll, hier sei der Stein der
       Weisen entdeckt worden und der Mitgliedschaft im Klub der Hundertjährigen
       stünde nichts mehr im Wege.
       
       In den USA, wo Melatonin seit 1994 neben Aspirin, Pflastern und
       Kohletabletten gegen Durchfall frei verkäuflich in den Supermarktregalen
       steht, schwören vor allem Ältere auf das Präparat. Millionen US-Amerikaner
       schlucken Tag für Tag ihre ein bis fünf Milligramm. Denn je älter ein
       Mensch wird, desto weniger natürliches Melatonin produziert er. Die Folge
       sind Ein- und Durchschlafstörungen, auch senile Bettflucht genannt.
       Tatsächlich leiden vor allem ältere Frauen und Männer unter hormonell
       bedingten Schlafstörungen, der Insomnie. Für sie gibt es seit 2008 in
       Deutschland ein Melatonin-Präparat. Circadin ist verschreibungspflichtig
       und mit 25 Euro für 20 Tabletten ziemlich teuer. Zum Vergleich: In der
       US-amerikanischen Drogeriekette Walgreens kosten 180 Tabletten 11 Dollar,
       also knapp 8 Euro. Das in Deutschland hergestellte Circadin enthält zwei
       Milligramm des Wirkstoffs und ist für Patienten gedacht, die älter sind als
       55 Jahre.
       
       Kritiker sehen die Wirksamkeit des Melatonin-Präparats als nicht erwiesen.
       Außerdem halten sie die "unerwünschten Wirkungen" - von Nebenwirkungen
       keine Rede - für nicht ausreichend erforscht. So kritisiert das
       Arznei-Telegramm, eine von der Pharmaindustrie unabhängige Zeitschrift für
       Ärzte und Apotheker, dass die Entzugssymptome von Circadin erst nach der
       Zulassung erforscht werden sollten. Zudem seien weder Dosierung noch
       Wirkung und Langzeitsicherheit ausreichend untersucht worden. Die
       Pharmakologen raten von der Einnahme ab.
       
       Allein: Im Fall eines Hormons, das im Ausland billig zu haben ist und sich
       leicht (wenngleich illegal) in geräumigen Reisetaschen importieren lässt,
       verhallen die Warnungen der Fachleute. Denn wer weiß, wie sich
       Schlaflosigkeit anfühlt, wer mit tiefen Augenringen seinen Tag
       bewerkstelligen muss und wessen Gedanken wegen des Schlafmangels ruhelos
       kreisen, der nimmt das Zeug. Schlaf kann so kostbar sein. Da nimmt es nicht
       Wunder, dass die Warenwelt sich auf immer verwirrendere Weise
       ausdifferenziert. Im Mai erst wurde in den USA einem Münchner Unternehmen
       für die Produktion von natürlichem Melatonin ein Patent erteilt. Das
       Unternehmen handelt mit sogenannten Nachtmilchkristallen. Was klingt wie
       aus dem Sterntaler-Märchen der Brüder Grimm, stellt tatsächlich
       gefriergetrocknete Nachtmilch dar. Also Milch von Kühen, die nach
       Sonnenuntergang gemolken werden. Das Granulat daraus enthalte, so das
       Versprechen, hundertmal mehr Melatonin als normale Milch.
       
       ## Der Zweibeiner bettet sich, die Kuh muss ran
       
       Tatsächlich ist es bei der Kuh wie beim Menschen: Wird es dunkel, erhöht
       sich die körpereigene Melatoninausschüttung. Während aber der Zweibeiner
       sich bettet, muss die Kuh ran: Sie wird gemolken, und ihre Milch wird in
       abgepackten Granulatbeutelchen an hundemüde Menschen verkauft. Die
       Verbraucherschützer von Esowatch kritisieren, eine Tagesration zu 1,56 Euro
       enthalte weniger Melatonin als die entsprechenden Medikamente. Und die
       Autoren der pharmakritischen Zeitschrift Gute Pillen, schlechte Pillen
       sprechen von einem "teuren Placebo" und empfehlen schlaflosen
       Urlaubsheimkehrern vor dem Zubettgehen "ein Glas normale Milch". Womöglich
       stellt dies zumindest die ungefährlichste Lösung für jene dar, die
       schlaflos aus dem Urlaub kommen.
       
       2 Sep 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anja Maier
       
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