# taz.de -- Studie "Reemtsma auf der Krim": Die Hamburger Kriegs-Profiteure
       
       > Die Historiker Karl Heinz Roth und Jan-Peter Abraham gehen in ihrer
       > Studie "Reemtsma auf der Krim" dem Zusammenhang von Tabakproduktion und
       > Zwangsarbeit nach. Die Reaktion der Erben ist gespalten.
       
 (IMG) Bild: Einbringen der Tabaksetzlinge auf einer ehemaligen Tabaksowchose bei Simferopol, vermutlich im Frühjahr 1943.
       
       HAMBURG taz | Auf Seite 459 ist es geschafft. Das Buch liegt zugeschlagen
       da- und lädt wie jedes gute dazu ein, noch einmal von vorne zu beginnen,
       damit sich der beim Lesen nach und nach gewonnene Erkenntnisgewinn
       vertieft. Und dann sind da ja auch noch die 111 Seiten mit Fußnoten,
       Literaturhinweisen und Archivangaben, denen man sich widmen könnte.
       
       Und das bei einem vordergründig so trocken klingenden Titel: "Reemtsma auf
       der Krim - Tabakproduktion und Zwangsarbeit unter der deutschen
       Besatzungsherrschaft 1941-1944" ist die komplexe und fundierte Analyse des
       Ineinandergreifens von militärischer Okkupation und nationalsozialistischer
       Vernichtungspolitik - und der kühlen Strategie eines
       Wirtschaftsunternehmens, das von beidem profitieren will.
       
       Zwölf Jahre haben die beiden Historiker Karl Heinz Roth und Jan-Peter
       Abraham an ihrer Studie gearbeitet. Ihre Aussagen belegen sie akribisch
       durch interne Gutachten aus dem Reemtsma-Haus, durch Planungsunterlagen der
       Wirtschaftsgruppe Ost und durch Befragungen von Zeitzeugen vor Ort.
       
       Begonnen haben die Autoren das Projekt mit einer Vorstudie zur Geschichte
       des ReemtsmaKonzerns. Doch die wäre so umfangreich geworden, dass sie den
       Rahmen gesprengt hätte, sagt Karl Heinz Roth. "Also haben wir darauf
       gewartet, dass andere Publikationen kamen und die kamen auch, haben aber
       unseren Ansprüchen nicht genügt."
       
       Roth und Abraham konzentrierten sich schließlich auf die Geschichte des
       Reemtsma-Konzerns im Zweiten Weltkrieg - und verknüpften sie mit der
       Okkupationsgeschichte. "Wir haben uns zwischendurch immer wieder die Frage
       gestellt, ist der Fall Reemtsma singulär oder ließe sich die Geschichte
       auch anhand anderer Unternehmen erzählen und aufdecken?", sagt Roth.
       
       Die Frage erledigte sich durch die Quellenlage, die Roth im Falle Reemtsma
       als "optimal" bezeichnet. "Es war ganz erstaunlich zu sehen, mit welcher
       Konsequenz Reemtsma vorgegangen ist", sagt er.
       
       Kaum ist die Wehrmacht 1941 auf die Krim vorgerückt, schickt die
       Reemtsma-Zentrale in Hamburg Bahrenfeld ein kleines Team auf die Halbinsel
       im Schwarzen Meer: Es soll sondieren, in welchen Zustand sich die
       Tabakfelder, die Fermentierungsanlagen und Zigarettenfabriken nach dem
       Abzug der Sowjettruppen befinden - und wie die Produktion möglichst schnell
       wieder in Gang gebracht werden kann.
       
       Von der Krim aus - und dem bald zu erobernden Kaukasus mit seinen scheinbar
       endlosen Tabakfeldern - soll nicht nur das deutsche Reich, sondern bald
       ganz Europa mit Zigaretten und Tabak versorgt werden. Eine durchgehende
       Autobahn von der Hauptstadt Berlin bis auf die Krim wird geplant, die
       Bauarbeiten beginnen.
       
       Der Eroberungszug wurde ideologisch durch die Legende fundamentiert, auf
       der Krim habe sich in Vorzeiten ein mächtiges Gotenreich erhoben, auf dem
       es aufzubauen gelte. Archäologen beginnen mit Ausgrabungen, um zu suchen,
       was sie unbedingt finden sollen. Der kommende "Gotengau" sollte mit 210.000
       Südtirolern besiedelt werden.
       
       Die Konsequenz, mit der Reemtsma vorging, hatte auch mit der Person des
       damaligen Firmenchefs zu tun. "Philipp F. Reemtsma war ein wirklicher
       strategischer Kopf. Ich glaube, die strategische Systematik mit der
       Reemtsma den Weg in den Süden der Sowjetunion gesucht hat, hat schon etwas
       Einmaliges", sagt Roth.
       
       Weil das Deutsche Reich unter Hitler mit einer Verstaatlichung der
       Tabakindustrie drohte, war Reemtsma stärker als Oetker, Bertelsmann oder
       die Quandt-Familie gezwungen, auf die Wünsche der Reichsregierung
       einzugehen. "Es ging um sein Lebensprojekt", sagt Roth. Man dürfe aber auch
       nicht vergessen, dass das Unternehmen seinen Aufstieg dem ersten Weltkrieg
       verdankte: "Der Reemtsma-Konzern hat eine Tradition, Kriege zur Expansion
       zu benutzen."
       
       Roths und Abrahams Motivation, sich mit dem Thema zu beschäftigen, war die
       schleppende Entschädigung von Zwangsarbeitern durch die Bundesstiftung
       "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" im Jahr 2000. Viele Zwangsarbeiter
       wurden überhaupt außen vor gelassen - unter anderem diejenigen, die in
       ihren Heimatländern zur Zwangsarbeit gezwungen worden waren.
       
       Am Ende ihrer Studie erweitern Roth und Abraham daher den bisher üblichen
       Begriff der Zwangsarbeit entscheidend: Für sie ist ein Zwangsarbeiter nicht
       mehr allein derjenige, der mittels mehr oder weniger direktem Zwang aus den
       besetzten Ländern ins einstige Deutsche Reich verschleppt wurde.
       
       Für sie zählen auch all die Bewohner der Krim dazu, die nach dem Einmarsch
       der deutschen Truppen und der sie begleitenden Einheiten der SS und des
       Sicherheitsdienstes vor die Alternative gestellt wurden: Entweder sie
       arbeiteten für Reemtsma und die deutschen Raucher auf den Tabakplantagen,
       in den Fermentieranlagen oder den Zigarettenfabriken. Oder sie mussten
       befürchten, nicht einmal das Minimum an Lebensmitteln zugeteilt zu bekommen
       - und zu verhungern.
       
       Als Ende April 1944 die Partisanen und die Rote Armee näher kommen und die
       Reemtsma-Mitarbeiter zusammen mit den Einheiten der Wehrmacht abrücken,
       hinterlassen sie eine geschundene Halbinsel: 35.000 ashkenasische Juden,
       20.000 Kriegsgefangene, 2.000 Roma und 1.000 ehemalige Insassen
       psychiatrischer Krankenhäuser sind getötet, 6.000 Zivilisten als Geiseln
       oder bei Razzien ermordet worden. Außerdem wurden über 40.000 überwiegend
       junge Menschen zur Zwangsarbeit ins Reich deportiert. Dazu kommt eine
       schwer zu beziffernde Zahl von Hungertoten.
       
       Die Erben der Familie Reemtsma haben auf unterschiedliche Weise auf das
       Aufdecken der Firmengeschichte reagiert: Haupterbe Jan Philipp Reemtsma,
       der das Reemtsma-Archiv uneingeschränkt für Historiker öffnete, hat über
       seine Stiftung viele der noch lebenden, einstigen Krim-Zwangsarbeiter
       entschädigt; mittlerweile haben sich die Erben von Alwin F. Reemtsma dem
       angeschlossen. Hermann Hinrich Reemtsma dagegen verweigert sich: Die
       heutige Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH habe schließlich in die
       Bundesstiftung eingezahlt - damit sei alles abgegolten.
       
       26 Sep 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Frank Keil
       
       ## TAGS
       
 (DIR) NS-Forschung
       
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