# taz.de -- Nichi Vendola über Linke und Schwulsein: "Du willst Ärger bekommen, oder?"
> Der italienische Linkspolitiker Nichi Vendola (SEL) über eine neue Linke,
> Pionierlager, Grüne, das Ökosystem Mensch und seine schwule Identität.
(IMG) Bild: Nichi Vendola (im Brautkleid) beim Karneval von Viareggio 2011 – gemeinsam mit Nationalheld Giuseppe Garibaldi (l) und 'Lega Nord'-Politiker Umberto Bossi (r).
taz: Nichi Vendola, Ihre Partei heißt "Linke Ökologie Freiheit" (SEL). Was
bedeutet das konkret?
Nichi Vendola: Als ich die SEL gründete, hat mich die Idee der "Partie"
mehr fasziniert als die der Partei. Auch weil Partie im Gegensatz zum
männlichen "il partito" weiblich ist, und wir es in Italien mit einer
besonders vulgären und machistischen Rechten zu tun haben. Wir wollen eine
Partie, ein Spiel spielen, in dem die neuen Güter der individuellen
Freiheit zusammengehen mit den Gemeingütern, mit den sozialen Rechten. Und
dazu muss die Politik sich wieder das Primat aneignen, sie muss den Märkten
Grenzen setzen. Das macht Merkel nicht, das machen Berlusconi und Sarkozy
nicht.
Und die Linken sind besser?
Blair, Zapatero, Schröder, in Italien DAlema - das war die neoliberale
Linke. Und ich habe immer erst diese Linke, diese "In der Mitte gewinnt man
Wahlen"-Leute schlagen müssen, bevor ich mich der eigentlichen Rechten
zuwenden und sie besiegen konnte.
Den Drang zur Mitte kennen auch die deutschen Grünen.
Ich habe viel diskutiert mit den Grünen im EU-Parlament. Einiges finde ich
interessant, einiges unhaltbar. Man kann nicht zugleich ökologisch und
marktliberal sein, das entspricht einfach nicht meiner politischen Kultur.
Man muss alle Ökosysteme radikal verteidigen - auch das Ökosystem Mensch.
Welche Position hat die Politik?
In Italien nennt man die politische Klasse eine "Kaste", das ist falsch.
Die Politik ist nur der Wachposten des internationalen Finanzbusiness. Die
alte radikale Linke hat sich genauso überlebt wie die reformistische. Was
ich will, ist eine neue postideologische, pluralistische, populäre Linke,
die sich vor allem auf das Neue, auf die Jungen und ihre Sprache einlässt.
Nun sind Sie auch Ministerpräsident einer italienischen Region, Apulien.
Wie setzen Sie denn ihre Überlegungen in politisches Handeln um?
Ein Beispiel: Ich bin gegen das TAV- Projekt zwischen dem Piemont und
Frankreich. Hier bei uns brauchen wir die Hochgeschwindigkeitszüge aber, um
von der Adria nach Neapel zu kommen - heute dauert das vier Stunden für 200
Kilometer. Meine Hochgeschwindigkeit mache ich mit allen Menschen in der
Region, Dorf für Dorf diskutieren wir das Projekt. Das darf nicht von oben
herabstürzen auf die Menschen. Jetzt haben die Bauarbeitern begonnen, und
es gibt keinen Protest, weil allen klar ist, dass es ein ökologisches
Projekt ist, dass auch die Belastung durch den Straßenverkehr reduzieren
wird.
Wie ist das Verhältnis von der SEL zu den sozialen Bewegungen? - fragen wir
den ehemaligen kommunistischen Funktionär.
Vor allem nicht pädagogisch. Aber zu dem Funktionär eine Anekdote?
Gern!
Ich war zum ersten Mal 1970 in Berlin, in einem Pionierlager im Osten. Die
ganze Atmosphäre war sehr militärisch, Märsche, Sport usw. Aber überall
stand "Mir" geschrieben, Frieden auf Russisch. Da habe ich mich in einer
Stunde gemeldet und gefragt: "Wenn dieses Wort so wichtig ist, warum ist
dann hier so eine Kasernenstimmung?" Ein Mädchen aus Vietnam drehte sich um
und meinte auf Englisch: "Du willst aber auch unbedingt Ärger bekommen,
oder?"
Sehr hübsch.
Ich komme aus einer Tradition, in der die Partei der allmächtige Ingenieur
war, der sozusagen das Flussbett entwarf, in dem die Bewegungen
kontrolliert dahinströmen sollten. Die Partei sah auf die Bewegungen herab
und sagte, ah, schau mal, da schwimmt Müll, da ist das Wasser klar usw.
Eine linke Partei heute muss mit den Bewegungen mitschwimmen, auch im
Schlamm. Sonst haben wir eine Partei, die den Wandel propagiert, aber sich
selbst dabei nicht wandelt. Die Partei muss ein Instrument sein in den
Händen der Bewegungen - sie waren zuerst da.
Ihre andere Heimat ist die Schwulenbewegung. Welche Rolle spielt diese
Erfahrung?
Meine schwule Identität ist für mich fundamental - im kulturellen wie im
politischen Sinn. Ich habe dabei sehr viel vom Feminismus profitiert. Mein
Schwulsein war das Gegengift zu den totalitären Dogmen der Linken. Ich kann
einfach keine Diktaturen ertragen, ich werde verrückt.
Auch nicht die auf Kuba?
Über die Menschenrechtsverletzungen auf Kuba dürfen wir nicht schweigen.
Wir dürfen uns aus der Geschichte nicht das raussuchen, was uns gefällt,
Luxemburg toll, Che Guevara fantastisch, Stalin nein. Der Staatskommunismus
war das Regime der Lüge. Wir müssen mit der Bibel sagen: "Die Wahrheit wird
euch befreien."
2 Oct 2011
## AUTOREN
(DIR) R. Valsecchi
(DIR) A. Waibel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Was Klaus Ernst von Vendola lernen kann: Wahlkampfhilfe vom Italiener
In Kreuzberg suchten Klaus Ernst und Nichi Vendola, Präsident der
süditalienischen Region Apulien, linke Antworten auf die Krise. Fazit: Die
Italiener sind weiter.
(DIR) Ergebnis der Regionalwahl in Italien: Politisch dreigeteilt
Gespaltenes Ergebnis bei der italienischen Regionalwahl. Im Norden siegt
die Lega Nord. In der traditionell "roten" Mitte behauptet sich die Linke
mit Mühe. Im Süden siegt Berlusconi.
(DIR) Italiens radikale Linke: Vor Abschluss der Selbstzerfleischung
In der Rifondazione Comunista werfen sich die Vertreter der reinen Lehre
und Reformwillige gegenseitig "Stalinismus" vor. Die Spaltung der letzten
großen KP Westeuropas steht bevor.