# taz.de -- Staunen im Museum: Zauberstab und Nebelkammer
> Die Hamburger Deichtorhalle wird vorübergehend zur universellen
> Wunderkammer: Der Torso der Wunderwaffe V 2 trifft dabei auf
> Uri-Geller-Gabeln und Perpetuum mobiles. Und auch das religiöse Wunder
> wird anhand einer Seligsprechung dokumentiert.
(IMG) Bild: Noch so ein Wunder: die Plastik "Spiderman" von Kaushik Gosh.
HAMBURG taz | Wie eine Zipfelmütze für Riesen steht sie in den Hamburger
Deichtorhallen: Keine Skulptur, sondern der schwermetallene Rest einer
einst sogenannten Wunderwaffe - die V 2 war eine der ersten voll
funktionsfähigen Großraketen, die Deutschland entwickelte. So macht diese
schlicht "Wunder" genannte kunst- und kulturgeschichtliche Ausstellung
schon am Anfang klar, dass die Wunder des einen der Horror des anderen sein
können.
Wie oft Demagogie, Fanatismus und Ungebildetheit die Wahrnehmung von
Wundern beeinflusst, wird auch im Folgenden immer wieder zu bemerken sein -
gleich ob die Madonnenstatue weint, von Uri Geller mit Geisteskraft
verbogene Gabeln oder Dokumente von spiritistischen Sitzungen gezeigt
werden oder gar die Lösung aller Energieprobleme im Perpetuum mobile
versprochen wird.
Doch in Religion und Kunst, in Literatur, Wissenschaft und Technik gibt es
vieles, was als wundersam wahrgenommen wird. Folgerichtig gibt es
eigentlich keinen Aspekt des Begriffs, den das vom Berliner Architekten
Roger Bundschuh eingerichtete Museum auf Zeit nicht aufzeigt. Die
Ausstellung knüpft dabei an die Idee der Wunderkammer an. So erfährt man
etwa, dass auch Hamburg Anteil am großen Geschäft mit dem Wunder hat: Franz
Jacob Welter hat 1907 unter der Nummer 195340, Klasse 78d, Gruppe1 für
seine Hamburger Firma die Wunderkerze patentieren lassen.
Trotz ihres Umfangs kann die Ausstellung ihr unerschöpfliches Thema
allerdings nur anreißen. Vielleicht ist es schon auf den Punkt gebracht in
den Fotos von staunenden Menschen, auf denen das Objekt ihrer Verwunderung
gar nicht erkennbar ist. Für die historische und bis heute wirkende
Verwunderung über alles Fremde stehen Fiona Tans filmischer Gang durch
orientalische Wunderkammern oder die seltsame Sammlung von weißen Objekten
von Terence Koh; in einem Lichtraum von James Turell ist ein "blaues
Wunder" zu erleben, und für das Wunder des Neuen stehen Meisterwerke der
Technik. Wunder ist ein dehnbarer Begriff.
Wen aber das Wunderbare nicht fasziniert, der wird auch wenig Neugier auf
die Aufklärung haben. Wunschprojektionen und das neugierige Einlassen auf
zuerst einmal magisch erscheinende Techniken sind der Anfang aller
Forschung, sie werden in dieser von der Siemens-Stiftung gesponserten
Ausstellung als Methode der Innovation bewertet. Und so werden selbst
Proben von Beton und Hartgummi als einstige Wundererfindungen präsentiert -
schließlich erscheint aus der Sicht von vor hundert Jahren nicht nur unsere
Alltags-Elektronik, sondern das allermeiste ohnehin wie Zauberei.
Die Ausstellung vergisst auch nicht, in welch hohem Maß das Wunder
Kernbestandteil des immer noch kulturprägenden Christentums ist, von der
Auferstehung bis zur rituellen Wandlung von Wein in das Blut Christi und
den Glaubensbestätigungswundern der Heiligen. Wie solche christliche Wunder
verwaltet werden, wird ansatzweise in - natürlich lateinischen - Dokumenten
zur Seligsprechung der Anfang des 19. Jahrhunderts an den Wundmalen Christi
leidenden Anna Katharina Emmerick gezeigt. Dagegen ist das ebenfalls
herbeizitierte "Fußball-Wunder von Bern" oder das "Wunder" des Mauerfalls
bestenfalls eine banale, rhetorische Floskel.
Das Wundern der Nichtgläubigen ist heute eher ein beiläufiges Staunen über
nur sie selbst überraschende Dinge. Keinem Ereignis und keiner Sache wird
mehr zugestanden, die rationale Struktur der Welt erleuchtend zu
durchbrechen. Und das auch dann nicht, wenn sie wie die Nebelkammer so
Unfassbares wie die Ionenstrahlung sichtbar macht, die alles und jeden
ständig durchdringt, oder wenn etwas wie Meteoritengestein nicht von dieser
Welt ist.
Die Zeiten, wo es galt, mit Votivgaben für Wunder zu danken und auf
wundersame Zeichen hin sein Leben zu ändern, sind vorbei. Eine schöne
Auswahl von 20 Einblattholzschnitten des 16. und 17. Jahrhunderts voller
erstaunlicher und erschröcklicher Wunder-Ereignisse hat heute jeglichen
Ermahnungscharakter verloren. Und doch faszinieren Katastrophen noch immer:
Die paradoxe Lust daran, immer wieder den Weltuntergang zu überleben,
befriedigt schon seit seinen Anfangstagen das Kino, wie der Film
"Apocalypto Now" von Jonathan Horowitz schön dokumentiert.
Dies ist eine Ausstellung für die Familie: Mögen sich die Erwachsenen eher
für den Taktstock von Daniel Barenboim interessieren oder den legendären
Eurasienstab von Joseph Beuys, des Künstler-Schamanen hier allerdings gar
nicht mehr magisch wirkendes Performance-Werkzeug von 1968, gibt es für die
Kinder sämtliche 57 Zauberstäbe aus der Harry Potter-Verfilmung zu
bestaunen. Dazu ist auch für die noch wunderoffeneren Alices und ihre
Freunde mit speziellen Monitoren durch die ganze Ausstellung eine eigene
"Kinder-Spur" gelegt.
Die Wunder der guten, nicht auf Event und Überrumpelung angelegten modernen
Kunst sind eher unspektakulär. Sie bieten kleine Momente aufblitzender
Geistesgegenwart und finden vor allem im Kopf des Betrachters statt.
Dennoch mag es noch den ärgsten Agnostiker kurz verblüffen, wenn es in
einem der Projektionskuben möglich ist, sich selbst mit einem
Heiligenschein zu sehen.
4 Oct 2011
## AUTOREN
(DIR) Hajo Schiff
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