# taz.de -- Kreuzberger Markthalle wiederbelebt: Das Hallen-Experiment
> An der Kreuzberger Eisenbahnstraße wird seit drei Wochen wieder
> gehandelt. Regionales hat hier seinen Preis, Günstigeres steuern die
> Discounter bei.
(IMG) Bild: Lecker, lecker: Auch in Kreuzberg sind reichlich Herbstfrüchte im Angebot.
Der Geruch passt nicht. Nicht zu dem sonnigen Herbsttag, nicht zum
Schoko-Ingwer-Kuchen der Tortenmanufaktur, nicht zu den extravagant
gekleideten Müttern mit ihren Kinderwägen. Es riecht ein bisschen streng in
der Markthalle, wie Schweißfüße. Der Geruch verstärkt sich in der hinteren
Standreihe, bis die Quelle gefunden ist: "Raclette" steht auf einem großen,
über den Verkaufstisch gespannten Banner. Dahinter bereiten zwei emsig
werkelnde Köche das Schweizer Nationalgericht zu. "Eine Lüftung, das wäre
noch eine Investition", sagt Rosa Ortega Sánchez am Nachbarstand und
seufzt. Sie verkauft mit einer Geschäftspartnerin spanische Spezialitäten,
Tortilla, Kichererbseneintopf, Tapas. Gern würde sie auch
Tintenfischbaguette anbieten. Aber nicht ohne Lüftung. "Es ist alles noch
ausbaufähig hier", sagt Ortega Sánchez.
Zum dritten Mal erprobt das denkmalgeschützte Gebäude an der Kreuzberger
Eisenbahnstraße, das zu sein, was es einmal war: eine Markthalle mit Waren
aus der Nähe und für die Nachbarschaft. Was nach einem einfachen und kurzen
Weg klingt, hat in Wirklichkeit eine lange und steinige Geschichte:
Eigentlich wollten Investoren die Halle profitabel vermarkten. Eine
Anwohnerinitiative schnappte sie ihnen vor der Nase weg. Eine Projektgruppe
gewann die darauffolgende Ausschreibung und feilte anderthalb Jahre am
Konzept einer "offenen Markthalle". Nun hat die "Markthalle IX" freitags
und samstags geöffnet. Die Öffnungszeiten sollen genauso erweitert werden
wie der Markt: Noch hat das Ganze experimentellen Charakter. "Markthalle
IX" heißt das Projekt nach dem historischen Namen des Gebäudes.
## Zwischen Aldi und Kik
Zwischen Filialen von Aldi, Schlecker und Kik formen sich ein paar Stände
zögerlich zu Reihen, wenige Händler stehen verstreut darum herum. Unter den
wuchtigen Backsteinwänden und Eisenstreben wirkt die Ansammlung etwas
verloren.
Zwei Bauarbeiter haben sich an den seitlich aufgestellen Biertischen
niedergelassen und essen dick belegte Wurstbrötchen. Mit vollem Mund
erzählen sie sich lautstark etwas, es ist schwer zu verstehen, wohl eine
osteuropäische Sprache. Die zwei wirken wie Exoten in einer sonst homogenen
Masse aus elegant gekleideten Müttern mit ihrem ebenso schick angezogenen
Nachwuchs in modernen Kinderwägen. Die Frauen stehen um den
Steckrübeneintopf an und lassen ihre Kinder mit den Naturbauklötzen auf dem
Spielteppich herumturnen.
Der Biowinzer hat Chardonnay im Angebot, die Flasche für 8,50 Euro, zwei
Ökobäckereien verkaufen Brot, das um die 5 Euro das Kilo kostet. Die
Stückchen in den Probierschalen sind kostenlos. Zwei Studentinnen stehen
davor und naschen. "Es sind echt gute Sachen hier auf dem Markt", sagt
Merle Sudbrock, die in Neukölln wohnt und aus Neugier gekommen ist. "Leider
kann ich sie mir nicht leisten." Aber Schauen kann auch Spaß machen:
Sudbrock und ihre Freundin sind nicht die Einzigen, die den Markt bloß
durchstreifen. Wo sieht man schon einmal, wie traditionelle japanische
Waffeln hergestellt werden? Kann von ökologischen Schokokeksen naschen und
den aufwändig mit Pflanzen dekorierten Stand der Kollektivzüchter von den
Prinzessinnengärten bewundern?
Rosa Ortega Sánchez, die Tortillabäckerin, hat den Käse wieder aus der
Vitrine genommen. "Spanischer Käse hat einen relativ hohen Einkaufspreis,
der kam nicht gut an", sagt sie. Aber die Hackfleischbällchen gehen prima,
von denen hat sie zum dritten Marktwochenende mehr vorbereitet. Auch die
Tortilla ist beliebt und mit 2,50 Euro absolut preiswert im
Hallenvergleich.
"Es läuft an hier, es kommen mehr und mehr Familien", sagt Ortega Sánchez.
Für die gelernte Journalistin bietet das Konzept die Möglichkeit, ein neues
Standbein zu testen. Sie habe mehrere Jahre in Spanien gelebt und die
Wochenmärkte dort geliebt, erzählt sie. "Das war immer mein Traum." Die
Investitionskosten für den Stand in der Eisenbahnmarkthalle bewegen sich im
vierstelligen Bereich - "überschaubar", findet sie. Wenn erst die
Drospa-Filiale weg sei und Platz für Stände mache, festige das sicher auch
den Markt.
## Bio und sozial? Schwierig
Tatsächlich geht der Wochenmarktcharakter zwischen hochpreisiger Feinkost
unter. Die Teltower Rübchen, Biotomaten und Kürbisse pressen sich verschämt
in eine Ecke, ein zweiter Obst- und Gemüsestand liegt am Hallenausgang,
mehr ist nicht. Zwar gibt es noch einen Fleisch- und einen Fischstand sowie
zwei Biobäckereien, aber gerade letztere wenden sich an ein
zahlungskräftiges Publikum. Sozial und bio geht eben schwer zusammen -
selten wird das so anschaulich wie in dieser ersten Anordnung der
"Markthalle IX". Nikolaus Driessen von der Projektgruppe verweist darauf,
dass das Konzept noch in Entwicklung sei. Und dass es absurd sei, mit Aldi
und herkömmlichen Bäckern preislich konkurrieren zu wollen. Sowohl der
Discounter als auch zwei Filialen von Industriebäckern sind seit Jahren in
der Halle. "Wenn es die nicht gäbe, hätten wir uns etwas überlegt für
dieses preisliche Segment", sagt Driessen. Wenn Aldi weggehe, müsse man neu
nachdenken.
Die Kreuzbergerin Elke Braun erinnert sich an den alten Markt in der Halle.
"Da gab es mehr Obst und Gemüse, das würde ich mir wieder wünschen", sagt
sie. Braun will nichts kaufen, sie schaut nur. "Langfristig wäre es auch
gut, wenn es mehr niedrigschwellige Angebote gäbe", sagt sie. Sie denkt
nach. "Obwohl", fügt sie hinzu, "es gibt ja noch Aldi. Da kann man auch gut
und billig Obst und Gemüse kaufen."
21 Oct 2011
## AUTOREN
(DIR) Kristina Pezzei
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