# taz.de -- 50 Jahre Gedächtniskirche: Der Niedergang der Weststadtikone
> Die neue Gedächtniskirche wird 50 Jahre. Egon Eiermann, ein Stararchitekt
> der DDR, hatte das Wahrzeichen der City West gegen den Protest vieler
> Berliner realisiert. Heute bedrohen Hochhäuser die Stadtikone.
(IMG) Bild: Am Sonntag wird gefeiert: Die Gedächtniskirche wird 50.
Zufall oder Absicht? Der "Hohle Zahn", wie die berühmte Berliner Schnauze
die Kirchturmruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche taufte, hat sich
derzeit hinter einer merkwürdigen Baustellenverkleidung versteckt. Die
Hülle besteht aus Aluminiumplatten, die mit Motiven einer Hochhaus- oder
Plattenbaufassade bedruckt sind. Dass Touristen vor dem verpackten
Kirchturm oft mit ratlosen Gesichtern stehen bleiben, ist auch Pfarrer
Martin Germer aufgefallen. Wo denn das Berliner Wahrzeichen vom
Breitscheidplatz geblieben sei, ob es Christo verhüllt habe, es zum
Bürohaus umgebaut werde, haben einige gefragt. Die Antwort: Bis 2012 bleibt
der alte Turm verkleidet, bis dahin wird er für rund fünf Millionen Euro
saniert.
## Sinnbild gegen Krieg
Die Aufmerksamkeit gehört so ganz der "neuen Gedächtniskirche" am
Breitscheidplatz, die jetzt ihr fünfzigjähriges Bestehen feiert. Im Oktober
1961 war die von Egon Eiermann geplante Kirche mit Turm und Kapelle
fertiggestellt und im Dezember geweiht worden.
Seit ihrer Eröffnung und Nutzung als City-Gemeindekirche war die prägnante
Architektur der Nachkriegsmoderne für den Berliner Westen immer mehr als
nur ein Kirchenbau. Sie avancierte zum Sinnbild gegen Wilhelminismus, gegen
Krieg und Gewalt und repräsentierte das Gesicht des modernen, freien
Berlins.
Diese Bedeutung spiegelt die Gedächtniskirche bis heute: Sie ist der Magnet
für Besucher des Kurfürstendamms, Kulisse für Demonstrationen und Feste.
Das Ensemble von Egon Eiermann steht unter Denkmalschutz, gilt als Zeichen
der Versöhnung, und der Berliner Volksmund hat dem "Hohlen Zahn" den
Ausdruck "Lippenstift mit Puderdose" liebevoll zur Seite gestellt. Wim
Wenders hat die Kirche in seinem Film "Himmel über Berlin" fast mythisch
überhöht. Der Umgang mit der Gedächtniskirche am Breitscheidplatz spielt
für die City-West und die dortige Stadtentwicklung eine wesentliche Rolle,
sie ist bis dato ein gewichtiger Sensor für die städtischen Prozesse.
Zur Geschichte der neuen Gedächtniskirche gehört, dass es sie beinahe nicht
gegeben hätte. Der Altbau kam dem neuen Berlin gleich zweimal in die Quere:
In den 1920er-Jahren war diskutiert worden, die 1895 zur Erinnerung an
Wilhelm I. errichtete Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche abzureißen. Der
neoromanische Bau mit den markanten fünf Türmen von Franz Schwechten
(Architekt des Anhalter Bahnhofs) stand der Verkehrsplanung am Eingang zum
Kurfürstendamm im Wege. Die Insel samt Kirche galt als altmodische Blockade
der neuen Zeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand das Ende der
Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche erneut auf der Tagesordnung. Im November
1943 war der Bau nach einem Bombenangriff teilweise zerstört worden, das
stark einsturzgefährdete Kirchenschiff und der Chor mussten nach 1945
abgetragen werden. Zurück blieb die Turmruine, einen Wiederaufbau des
Gotteshauses unterstützten die Alliierten nicht.
Dass Egon Eiermann den Neubau seiner Kirche überhaupt realisieren konnte,
verdankte er dem Einfluss Otto Bartnings, Architekt, Freund von Walter
Gropius und Bauhaus-Mitinitiator. Bartning stand damals der Jury vor, die
1957 den Architektenwettbewerb zum Neubau der Kirche ausgelobt und den
Eiermann mit seinem avantgardistischen Entwurf gewonnen hatte.
## Protest gegen Abriss
Als es Protestschreiben der Berliner an die Kirchenleitung, den Senat und
selbst an Eiermann wegen des Entwurfs und des Turmabrisses hagelte,
leistete Bartning Überzeugungsarbeit und handelte einen Kompromiss aus: Die
Turmruine sollte bleiben und Eiermanns neue Gedächtniskirche in ihrer
klaren modernen Architektursprache in Dialog zum Altbau treten. Es sollte
"kein Experiment werden", sondern "gute Architektur entstehen", die die
unterschiedlichen Baustile in Beziehungen treten lässt, so Bartning.
In der ansteigenden und wieder fallenden Aneinandereihung von Kapelle,
Turm, Altbau, Kirche und Foyer auf einem Podest gelang Eiermann ein
kompaktes Gemeindezentrum sowie eine moderne Kirchenlandschaft samt
Gedenkstätte am Breitscheidplatz. Die fragile 71 Meter hohe Ruine wird von
den Neubauten quasi gestützt, umgeben und dominiert von vier gut
komponierten Baukörpern - dem oktogonalen Kirchenschiff, einem rechteckigen
Foyer, dem schlanken Glockenturm sowie der fast quadratischen Kapelle.
Charakteristisch für die neue Gedächtniskirche waren nicht allein die
abstrakten Figuren und modernen Materialien aus Beton und Stahl, die offene
Ensemblefigur und die klaren geometrischen Formen und Räume, sondern ebenso
die Bezüge zur Kirchenbaugeschichte. Eiermann zitierte den achteckigen
berühmten Krönungssaal Karls des Großen im Aachener Dom.
Geradezu historisch illuminiert wird das gesamte Innere des Zentralbaus von
den 16.000 blauen und roten unikalen Glasfenstern, deren Licht an die
Rosetten der Kathedrale von Chartres erinnern und tagsüber den 25 Meter
hohen Raum rundum in die vorwiegend blau getönte und meditative Atmosphäre
tauchen. Eiermann gewann für die wabenartigen Kirchenfenster den
französischen Glaskünstler Gabriel Loire - aus Chartres. Und so schnittig,
ja abstrakt, Eiermanns Entwürfe für den Altar, das Kreuz darüber und die
Orgelempore schließlich sind, so sehr lassen sie auch an gotische Formen
denken, die der Architekt aufgenommen hat.
Der Architekt und Hochschullehrer Eiermann (1904 bis 1970) - der auch die
Deutsche Botschaft in Washington D.C. (1964), das Hochtief-Hochhaus in
Frankfurt (1968) oder den "Langen Eugen", das bekannte Bürohochhaus für die
Parlamentarier in Bonn (1969), entwarf - bezeichnete einmal die
Gedächtniskirche als sein "Lebenswerk. Mit der Kirche steht und fällt meine
Beziehung zu dem gleichen Bekenntnis, das uns alle miteinander verbindet."
## Westberliner Landmarke
Heute, 50 Jahre nach der Fertigstellung, zeigt die Idee des
Kirchenensembles Schrammen. Damit ist weniger der "Skandal" gemeint, den
die einstige Gemeindepfarrerin Sylvia von Kekulé im Jahr 2000 auslöste. Sie
ließ den Turm mit einem Claudia-Schiffer-Plakat zwecks Geldeinwerbung für
die Renovierung verhängen. Vielmehr geht es um das Innere der Kirche, die
mit viel Mobiliar verändert wurde. Zudem ächzt die Fassade unter dem Zahn
der Zeit. Der Neubau muss saniert werden. Die frühere Eingangshalle des
Altbaus wurde 1987, zur 750-Jahr-Feier Berlins, in einen Gedenk- und
Ausstellungsraum über die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs umgebaut.
Eines der zentralen Exponate ist das Nagelkreuz der Kathedrale von Coventry
als Zeichen der Versöhnung.
Am deutlichsten jedoch erschreckt der Niedergang der Gedächtniskirche als
Stadtkrone für die City West. Eiermann hatte noch geplant, dass der neue
Bau von allen Zufahrtsstraßen zum Breitscheidplatz aus einsehbar bleibt.
Die Gedächtniskirche sollte alle Perspektiven auf sich ziehen. War dies mit
dem Umbau des Breitscheidplatzes, der Errichtung des Europa Centers und
Schimmelpfenghaus-Riegels in den 1960er Jahren bereits vorbei, so entwerten
heute, zum 50. Geburtstag, die Hochhauspläne den Standort massiv. Schon
jetzt rückt das "Zoofenster" der Kirche gefährlich nahe, weitere Hochhäuser
werden sie erdrücken. Die typische Westberliner Landmarke droht aus der
Stadtsilhouette gelöscht zu werden.
Die Berliner Landespolitik, welche die Dominante noch bis in die 1990er
Jahre stets als Wahrzeichen Berlins respektiert und bauliche Entwicklungen
im Umfeld immer auf jenes bezogen hat, scheint diese Haltung vergessen zu
haben. Der 50. Geburtstag der neuen Gedächtniskirche ist ein guter Anlass,
sie daran zu erinnern.
20 Oct 2011
## AUTOREN
(DIR) Rolf Lautenschläger
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