# taz.de -- Wohnen auf dem Ex-Exerzierplatz: Maritim statt Marine
       
       > Viele Orte im Norden beklagen den Abzug der Bundeswehr. Dabei eröffnet
       > der jede Menge Möglichkeiten, Neues zu wagen, wo über Jahrzehnte alles
       > festgelegt schien. Zum Beispiel Luxuswohnungen auf einem alten
       > Exerzierplatz in Kiel.
       
 (IMG) Bild: Hafenkino für gut Betuchte: Aus der zweiten Reihe der Fördeterrassen hat man den Durchblick.
       
       KIEL taz | Der Rasen in Hans Leons Garten ist kurz geschnitten. Ein Hund
       liegt im Gras. Leon hält die Leine schon in der Hand, schaut über den
       Gartenzaun, und sagt: "Da fliegen zwei Schwäne auf."
       
       Leon blickt auf die Kieler Förde, die bis in die Innenstadt ragt, hier aber
       noch breit und viel befahren ist. Hinten zieht ein Frachter durch das matte
       Blau des Wassers. Weiße Jollensegel schwingen am Ufer hin und her. "Vorige
       Woche ist ein Schweinswal bis an den Steg gekommen", sagt Leon. "Und wenn
       die riesigen Kreuzfahrtschiffe hier warten, hell erleuchtet, dann kann man
       die Leute tanzen sehen."
       
       Vor sechs Wochen ist er eingezogen. Leon ist 55 Jahre alt, Unternehmer im
       Ruhestand, und hat sein Haus aufgegeben, um das Erdgeschoss im letzten
       freien Wohnquader in der "ersten Reihe" zu beziehen. Vor zwei Jahren wurden
       hier, in Kiel-Holtenau, fünf Mehrfamilienhäuser direkt ans Förde-Ufer
       gebaut - mit fünf Etagen und Quadratmeterpreisen zwischen 3.000 und 3.800
       Euro. Je höher die Wohnungen liegen, desto teurer sind sie. Wegen der
       Aussicht.
       
       Die "Fördeterrassen" stehen auf dem ehemaligen Exerzierplatz einer Kaserne.
       Als die Marine abrückte, entwickelte er sich zu einem "Sahnegrundstück",
       sagt der Vertriebsleiter der Appartements, Udo Schwarzburg. Ehemalige
       Militär-Areale in Stadtnähe seien begehrt. Seine Firma Imetas hat sich auf
       Wasserlagen spezialisiert.
       
       Holtenaus Ufer sind lang: die Förde im Osten, der Nord-Ostsee-Kanal im
       Süden. Am Tiessenkai, wo wenige Meter von den Fördeterrassen entfernt beide
       Gewässer aufeinander treffen, reihen sich kleine, rote Backsteinhäuser
       aneinander.
       
       Motorboote sind festgemacht und wiegen auf der schwappenden Förde auf und
       ab. Ein Knattern dringt von der Schleuse zum gewaltigen, über 200 Jahre
       alten Kanalpackhaus herüber, manchmal ein Klingeln. Ein Pärchen lässt ein
       Foto knipsen - im Hintergrund die türkis-graue Pickelhaube des alten
       Leuchtturms.
       
       Vertriebsleiter Schwarzburg sagt, seine Kunden seien meist älter als 45,
       "Wasser affin" und "finanzkräftig". Sie, sagt Schwarzburg, dürften hier
       "Hafenkino" erleben: "Hier ist schon noch richtig Leben drumherum."
       
       Tatsächlich: Der direkte Nachbar der Fördeterrassen ist der Tonnenhof, eine
       Art Parkplatz für Seezeichen außer Dienst. Dahinter liegt noch der Standort
       des Marinefliegergeschwaders 5. Es soll voraussichtlich 2012 ins
       niedersächsische Nordholz umziehen. Für dieses Gelände besteht zwar "ein
       nahezu flächendeckender Kontaminationsverdacht", schreibt die Stadt.
       
       Dennoch könnte das Gelände, das Holtenau von Friedrichsort trennt,
       Wohngebiet werden. Es waren aber auch schon ein Badestrand, ein Flughafen,
       eine Therme, ein Casino, die Bundesgartenschau oder Schwerindustrie im
       Gespräch. Und zuletzt Offshore-Windanlagen, sagt Bürgermeister Peter
       Todeskino (Grüne). Entschieden ist noch nichts.
       
       Im Wachhäuschen sitzt Karen Bauer. Alles ist frisch gestrichen, nur der
       Backstein draußen hat die alte Patina. Die Vertriebsassistentin sagt: "Wenn
       ein maritimer Stadtteil entsteht, das wäre wünschenswert."
       
       Bisher weiß sie aber noch nicht einmal, was aus ihrem "Infopavillon" wird,
       wenn die zweite Reihe der Fördeterrassen verkauft ist. Die Häuser werden
       auf Lücke gebaut, für den Seeblick. "Vielleicht ein Pächter, der Brötchen
       und Zeitung verkauft", sagt sie.
       
       Früher war hier alles "düster und schmuddelig", sagt ihr Chef Schwarzburg:
       "Das macht nicht gerade Appetit aufs Wohnen." Heute ist Hans Leon glücklich
       in seinem Appartement mit Erdwärme-Heizung. "Holtenau hat sehr viel
       Niveau", sagt er.
       
       31 Oct 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kristiana Ludwig
 (DIR) Kristiana Ludwig
       
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 (DIR) Flugverkehr
       
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