# taz.de -- die wahrheit: Mammutwitze mit Biss
       
       > "Kennste Mammut? Kennste?", fragte Nurk in die Runde, aber die Pointe
       > ging bereits im Gelächter der Neandertaler unter. Die ganze Horde hatte
       > sich mittlerweile ...
       
 (IMG) Bild: Da hockt der Steinzeitkomiker und denkt über sein Publikum, seine Parodien und seine Pointen nach.
       
       ...vor Vergnügen derart eingenässt, dass die Selche knöcheltief in der
       Höhlenmitte stand. In dieser Pfütze wälzte sich nun Gronf, der Anführer,
       ließ ausgelassen immer wieder seine Hände in die Pampe klatschen und
       schmierte sie dann an der Höhlenwand ab, wo die Spuren geraume Zeit später
       als Zeugnisse frühester Sakralkunst gedeutet wurden.
       
       Es gab kein einfacheres Publikum als Neandertaler, fand Nurk.
       Säbelzahntiger zum Beispiel waren da wesentlich heikler, besonders wenn man
       Witze auf ihre Kosten zu machen versuchte. Wegen ihrer gewaltigen Zähne
       hatten die Tiger nämlich einen charakteristischen Sprachfehler, der sie zu
       misstrauischen und unsicheren Geschöpfen und damit zur perfekten
       Zielscheibe für alle anderen humorbegabten Landsäuger hatte werden lassen.
       Dennoch waren sie alles andere als ungefährlich, wovon der Begriff "einen
       Witz reißen" noch heute kündet, denn in der Steinzeit des Humors
       unterschied man noch nicht groß zwischen Botschaft und Boten.
       
       Wenn man vor Säbelzahntigern spielte, ging es vor allem um Timing, hatte
       Nurk herausfinden müssen. Ganz allgemein hatte sich schnelles
       Reaktionsvermögen als unschätzbarer evolutionärer Vorteil für Komiker
       erwiesen, die allerdings damals noch nicht so hießen, sondern allesamt
       "Nurk" genannt wurden. In der Sprache der Neandertaler bedeutete das "zum
       Jagen untauglich" und wurde als Begriff auch für stumpf gewordene
       Faustkeile und herumliegenden Unrat benutzt.
       
       Gronf, der immer noch seine Schwierigkeiten mit dem aufrechten Gang hatte,
       richtete sich derweil mühsam auf und rieb sein gewaltiges Gemächt am
       nächstbesten Gegenstand, während er sich dabei begeistert auf die wuchtige
       Brust schlug. Das tat er immer, wenn er entweder besonders erfreut, hungrig
       oder sexuell erregt war, also eigentlich immer.
       
       Kaum sahen die übrigen Neandertaler die Freude ihres Anführers, standen sie
       ebenfalls auf und zeigten nun ihrerseits Zustimmung, indem sie lautstark
       mit ihren kräftigen Gebissen klapperten. Nurk wusste, was ihm bevorstand:
       die unvermeidliche Zugabe.
       
       Seufzend steckte er sich die beiden Stöckchen unter die Oberlippe, die ihn
       bereits seit dem Anfang seiner Karriere begleiteten und machte seiner Horde
       mit der vollendet routinierten Lustlosigkeit des Bühnenprofis den
       Säbelzahntiger. Die Nummer zog halt immer. Niemand konnte Säbelzahntiger
       leiden, und die Leute freuten sich immer, wenn man die da oben in der
       Nahrungskette veralberte. Zumindest so lange keines der Raubtiere anwesend
       war, und Nurk achtete peinlich genau darauf, nie vor gemischtem Publikum zu
       spielen. Die Leute waren dann einfach zu unaufmerksam.
       
       Und obwohl die Neandertaler exakt dieselbe Nummer bereits vor dem
       Abendessen sowie an jedem anderen Tag in allen Monden gesehen hatten, derer
       sich Nurk überhaupt erinnern konnte, bereitete sie ihnen doch immer wieder
       viehisches Vergnügen. Nach kurzer Zeit waren sie vollkommen aus der Höhle
       vor Begeisterung, steckten einander draußen ebenfalls Hölzer in den Mund
       und versuchten sich selbst als Parodisten, obwohl sie es nie richtig
       hinbekamen. Sie wirkten einfach wie Idioten mit Zweigen in der Fresse, fand
       jedenfalls Nurk.
       
       Säbelzahntigerparodien gingen eigentlich gar nicht mehr, dachte Nurk, die
       waren so was von Altsteinzeit, aber was sollte er da machen, immerhin hatte
       er selbst eine kleine Rotte zu ernähren und war von den Fleischresten
       abhängig, die die Mammutjäger ihm übrigließen.
       
       Witze über Mammutjäger waren deshalb tabu, genaugenommen wurde das Tabu
       überhaupt erst in jenem Moment erfunden, in dem Nurk den ersten und
       einzigen Mammutjägerwitz seiner Karriere gebracht hatte, einen Witz, der
       den Zeitgeist aufs Köstlichste aufs Korn nahm und unbarmherzig den Finger
       in jene Wunden legte, die seit der Erfindung der Steinschleuder am Vortag
       geschlagen worden waren. Er ging so: "Treffen sich zwei Mammutjäger. Beide
       tot."
       
       Die Mammutjäger hatten ihn halb totgeschlagen. Zwei Tage danach. So lange
       hatten sie gebraucht, um die Pointe zu verstehen. Manchmal hasste Nurk
       seinen Beruf wirklich.
       
       28 Jan 2012
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Bartels
       
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