# taz.de -- Kolumne Habseligkeiten: Du bist hässlich, aber unkompliziert
       
       > Wer seiner Wohnung etwas Grausames antun will, tätowiert sie. Dabei gibt
       > es für jedes lauschige Plätzchen, das Sie sich einrichten, den passenden
       > Slogan.
       
       Was haben Sie an der Wand hängen? Früher hätte ich, um in dieser Kolumne
       nicht immer das Wort "Wand" zu benutzen, nach dem Behang der Raufasertapete
       gefragt. Aber die Zeiten ändern sich. Was früher praktisch war, gilt nun
       als piefig. Ein Opfer dieser Entwicklung ist die Tapete, mit der früher
       alle Gipskartonständerwände überzogen wurden. Heute pitzeln selbst Mieter,
       die nicht wissen, wie lange sie bleiben, mit wunden Fingern meterweise
       Raufaser von Wänden, die danach vor Glätte funkeln.
       
       Weil aber verputzte gestrichene Wände unheimlich empfindlich sind, kann man
       nicht einfach das "Casablanca"-Filmplakat mit Heftzwecken aufhängen und
       später verschämt abnehmen. Glatte Wände sehen alles und verzeihen nichts.
       So hat sich eine weitere Entwicklung aufgetan, die den Tod der Raufaser
       kompensieren soll.
       
       Im Sommer berichtete ich von Aufklebern, die man überall und ständig sieht,
       vermutete dahinter einen Coup der internationalen Leimlobby. Den größten,
       unverschämtesten Coup aber übersah ich: die Verbreitung des Wandtattoos.
       Ikea hat sie, bei Tchibo lagen sie auch, das Internet ist voll davon, und
       über Nanu-Nana müssen wir gar nicht sprechen.
       
       Wandtattoos sind große Aufkleber, die Sie überall dort anbringen können, wo
       es Ihnen passt. Dabei gibt es für jedes lauschige Plätzchen, das Sie sich
       einzurichten vermögen, den passenden Slogan. Zu den schöneren Motiven der
       Wandbeklebung zählen – meiner Meinung nach, vielleicht stehen Sie ja auf
       ganz andere Dinge! – noch die Umrisse von Giraffen und Elefanten für das
       Kinderzimmer, die meinem erwachsenen Auge schmeicheln.
       
       Leider sind die relativ teuer und kein Kind dieser Welt gibt sich mit einem
       Schatten zufrieden. Kinder fordern stattdessen Filly-Pferde, ein
       Comic-Nippes-Ramsch-Gebilde, gegen das Prinzessin Lilifee wie europäischer
       Hochadel wirkt. Als Wandtattoo ist beides möglich, Eltern müssen nun
       gewieftere Ausreden erfinden als "So etwas wird nicht verkauft!".
       Vielleicht gehören Sie aber zu den Menschen, die dringend die Skyline ihrer
       Heimatstadt über das Sofa kleben möchten! – auch wenn die Bochum, Karlsruhe
       oder Greven-Reckenfeld heißt.
       
       Neben dem Esstisch könnte "Café au lait, Cappucino, Latte macchiato"
       geschrieben stehen, was Sie betrübt lesen, während Sie Ihren Instantkaffee
       trinken. Besonders grauselig wird es mit den Wandtattoos im Schlafzimmer.
       Stellen Sie sich vor, Sie verirren sich in einer fremden Wohnung auf der
       Suche nach dem Bad ins Schlafzimmer eines Ihnen bekannten Paares. Wenn dort
       in Schnörkelschrift und riesig groß "Spielwiese" über dem Bett geschrieben
       steht? Gehen Sie zu Ihren Gastgebern und äußern die Vermutung, dass sich
       die TV-Einrichtungsmoderatorin Tine Wittler soeben eingeschlichen hat?
       
       Schließen Sie die Tür, finden Sie den Weg zurück ins Wohnzimmer. Sie hat es
       noch nicht schlimm erwischt. Wo Spielwiese stand, könnte auch ein Tattoo
       mit einem lebensgroßen kopulierenden Paar hängen. In dem Fall gehen Sie
       nach Hause. Dort schauen Sie Ihre Raufasertapete an und sagen zufrieden:
       "Du bist hässlich, aber unkompliziert."
       
       7 Feb 2012
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Natalie Tenberg
       
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