# taz.de -- Partizipation light: Auftritt der Utopisten
> Bürgerbeteiligung - aber bitte nur in der Kunst: Das Braunschweiger
> Lot-Theater sucht nach Visionen für das Leben in der Region - nicht nur
> künstlerischen.
(IMG) Bild: Wildfremden in die Augen geblickt: aus "Menschen, die ich nicht kannte".
BRAUNSCHWEIG | taz Vier Wochen ist es her, dass beim Festival
„Theaterformen“ das englische Künstlerinnenduo Subject to_change die
Braunschweigerinnen und Braunschweiger eine Woche lang Modellhäuser und
eine Miniaturstadt bauen ließen – um herauszufinden, wie sie dort leben
möchten. Die Aktion „home sweet home“ hatten die beiden Künstlerinnen zuvor
in London, Los Angeles und Yokohama veranstaltet – in Braunschweig nun war
sie der Publikumsmagnet eines gesamten Festivals.
Nun fordert das Lot-Theater zum Mitmachen auf, und wieder sind Visionen für
ein besseres Leben in der Stadt und der Region gefragt: „Auf Probe –
Alltagsutopien für das Braunschweiger Land“, darum geht es. Ist die
thematische und methodische Gleichzeitigkeit dieser Theaterprojekte nur
Zufall?
## Kunst statt Mitreden
Einfacher gesagt: Wenn in und um Braunschweig nicht der Hauch direkter
Beteiligung an Prozessen des Gemeinwohls zugelassen wird, welches Vakuum
füllen dann Partizipationsformen im künstlerischen Bereich, die, mit den
Wünschen der Menschen spielend, sich eines Publikumsinteresses sicher sein
können?
Man erinnere sich: Zur Erweiterung des Eintracht-Stadions gab es in
Braunschweig eine Bürgerbefragung, deren Ergebnis aber von vornherein
unverbindlich war. In Wolfsburg wurde gerade eine – Thema: eine neue
Stadtbibliothek – von der Ratsmehrheit abgelehnt.
Insofern hat sich das Lot-Theater, das seit Mitte der 1990er Jahre dem
freien Theater in Niedersachsen und der regionalen Kulturszene eine
Spielstätte bieten will, viel vorgenommen. Für die vorgesehene
Produktionsreihe zum zukünftigen, besseren Leben in Braunschweig und der
Region hielt man empirische Grundlagen und wissenschaftlich belastbare
Zukunftshypothesen für erforderlich, um szenische Bilder zu initiieren.
Deshalb kooperiert das Theater mit dem Institut für Transportation Design
der Braunschweiger Kunsthochschule.
Mobilität also als Indikator guten Lebens? In einer Region, die auf Gedeih
und Verderb der Mobilitätsindustrie, ihren Produzenten und
Forschungsstätten ausgeliefert ist? Wer regelmäßiger zwischen Braunschweig
und Wolfsburg pendelt, kann ja schon jetzt den Infarkt der Variante
„automobiler Individualverkehr“ genießen.
Aber die Branche scheint pfiffiger als ihre derzeitigen Produkte. Ein
„Methodenkoffer“ wissenschaftlicher Szenarientechnik zur postfossilen
Mobilität sei verfügbar, sagen die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter am
Institut, Kristof von Anshelm und Sarah Zerwas: zu Gesellschaftsentwürfen,
Urbanisierung, Wohnen, Versorgung, Energie und Landwirtschaft.
Damit wollen sie in Workshops sechs Theatergruppen und Performancekünstler
auf einen Erkenntnisstand zur Zukunft der Region bringen, der dann in
künstlerischen Projekten seinen Niederschlag finden soll.
Die sechs Teilnehmer wählte eine Jury aus 14 Bewerbungen aus der Region.
Die weiter konkretisierten Konzepte werden erneut der Jury vorgelegt, die
drei erfolgversprechendsten sollen ab Januar 2013 produziert werden, so die
Theaterleiterin Stefani Theis.
## Frage nach Visionen
Parallel zum Zukunftscoaching der Theatermacher sind bis zu den
Sommerferien aber auch die Bürger wieder gefordert: „Alltagsutopisten der
Region“ fragte man nach ihrer Vision. Collagen und „Zwei-Satz-Utopien“
seien schon eingetroffen, sagen die Organisatoren, auf weitere hofft man –
etwa zum Leben in einer Flächenregion mit strukturschwachen Enklaven in
ferner Zukunft.
Oder: Wie lebt es sich eigentlich in einem Wirtschaftsraum, der kein
erlebbarer Landschaftsraum ist? Wie geht es hier kulturell weiter? Und dann
die Mobilität – schließlich wurde die Metropolregion um
Hannover-Braunschweig erst kürzlich zu einem der vier bundesdeutschen
„Schaufenster für Elektromobilität“ auserkoren.
Mit einem verblüffend einfachen Konzept startet Wanda Dubrau als jüngste
unter den sechs ausgewählten Projektteilnehmern in den Workshop. Dubrau,
1983 in Dresden geboren, lebt in Berlin und sitzt gerade am Diplom an der
Kunsthochschule Braunschweig. Ihr Zukunftsmodell besteht „schlicht im
Zusammenkommen“: Welche Grenzen, Trennlinien bestehen zwischen den
Menschen? Auf welche Weise kann man Menschen begegnen? Wie findet man
zueinander? Wer ist in dem Wort „wir“ inbegriffen, wer ausgeschlossen?
Wanda Dubrau fragt Menschen, die neben ihr an der Bushaltestelle sitzen, ob
sie ihre Hand halten können, sie lädt Fremde zu sich nach Hause zum Essen
ein. Die Tatsache, dass es keine weiteren Zeugen gibt und die beteiligte
Person erst im Nachhinein über die künstlerische Absicht aufgeklärt wird,
liefert den Raum für die Reaktionen und Gespräche, um die es ihr geht.
In ihrer Aktion „Menschen, die ich nicht kannte“ bat sie Passanten, sich
ganz nah vor sie zu stellen und ihr in die Augen zu schauen. Manche
schafften es drei Minuten, andere eine gute Viertelstunde. Dubrau schätzt
die als nicht eben offen geltenden Menschen in Braunschweig: Sie trifft
hier auf positive Reaktionen.
## Keine Malbücher
Bildende und darstellende Kunst haben ihre ganz eigene Intensität und
Reflexionsfähigkeit. Und sie messen sich an einem aufklärerischen Anspruch.
Dafür benötigen sie Distanz, den skeptischen Blick als Methode. Utopien
wiederum sind keine Malbücher für Handlungsvorlagen, wie Bazon Brock es
formuliert. Utopien sind Formen der Kritik, philosophisch gesagt: an der
Wahrheit.
## „Was ist Ihre Vision?“: Über die Zusendung weiterer „Alltagsutopien für
das Braunschweiger Land“ freut sich das LOT-Theater, Stefani Theis,
Kaffeetwete 4a, 30100 Braunschweig,
2 Jul 2012
## AUTOREN
(DIR) Bettina Maria Brosowsky
## TAGS
(DIR) Braunschweig
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