# taz.de -- Montagsinterview mit einem Hertha-Fan: „Ich hatte mal Hoeneß' Privatnummer“
> Manfred Sangel ist eine stattliche Erscheinung. Trotzdem wirkt der
> 53-Jährige kein bisschen träge. Seit 23 Jahren moderiert Sangel das
> Radiomagazin Hertha-Echo.
(IMG) Bild: Manfred Sangel im Studio des Alex, wo er moderiert.
taz: Herr Sangel, im normalen Leben arbeiten Sie als Abteilungsleiter einer
Zeitarbeitsfirma und sind gelernter Maler. Wie kommt man da zum
Radiomachen?
Manfred Sangel: Ich habe mich in den 80ern beim Verein Bürgerradio
engagiert. Da habe ich mich mit lauter Alternativen und Studenten
getroffen, die dann irgendwann abends ums elf Uhr mal zu Potte kamen. Ich
habe immer gesagt: „Menschm Kinners, ich muss morgen uffstehen!“ Aber ich
fand die Idee eines Bürgerradios toll.
Mittlerweile senden Sie alle 14 Tage eine Stunde lang live rund um Hertha:
Spielberichte, Rückblicke, Nachrichten aus dem Verein und der Fanszene,
Historisches. Wann kam Ihnen die Idee zum „Hertha-Echo“?
Ich hatte zunächst eine Kultursendung namens „City Sounds“ auf Alex. Da
habe ich dann hin und wieder über Hertha berichtet. Und als die Stimmung in
den Zeitungen beim Hertha-Abstieg in die Oberliga 1987 im Keller war und
alle nur noch über den Club hergezogen sind, habe ich mir überlegt, mit
einer Sendung was dagegenzusetzen.
Haben Sie ein Seminar über Moderationstechniken, Radiojournalismus oder
dergleichen besucht?
Nein, nie. Ich mache natürlich auch Fehler. Ich sage zum Beispiel viel zu
oft „ähm“. Barbara [Wegner-Ottow, beim Hertha-Echo für die Interviews und
Reportagen zuständig, d. Red.] hat eine Zeitlang in jeder Sendung eine
Strichliste geführt – und am Ende standen dann immer wirklich viele Striche
da. Eine andere Spezialität von mir ist es, eine Frage zu stellen und die
Antwort gleich mit zu geben. Letztens war der Gegenbauer [Werner
Gegenbauer, Präsident von Hertha BSC, d. Red.] in der Sendung. Er hatte auf
meine kunstvoll formulierte Frage bloß noch zu antworten: „Ja, so sehe ich
das auch.“ Na ja.
Aber zumindest das Reglerschieben und Knöpfedrücken im Studio müssen Sie ja
gelernt haben …
Klar, da gab es bei Alex eine Einführung. Einmal wollte ich mir auch
Feedback zu meiner Sendung von den Hörfunkverantwortlichen hier holen, das
bietet Alex ja auch an. Aber da haben sie mir gesagt: „Du brauchst das doch
nicht, Manne.“ Na, auch gut.
Sie haben von jedem Hertha-Spiel, egal ob Ligapartie, Test- oder
Freundschaftsspiel, einen O-Ton in Ihrer Sendung. Ihre Kollegin Barbara
Wegner-Ottow berichtet seit mehr als zehn Jahren aus den Trainingslagern
der Mannschaft. Was treibt Sie und Ihre MitstreiterInnen an?
Die Liebe zu Hertha, ganz einfach. Und es ist natürlich auch ein schönes
Gefühl, wenn dir Leute im Stadion auf den Rücken klopfen und sagen: „War
jut, die letzte Sendung.“ Oder wenn dich Leute ansprechen, die du gar nicht
kennst, und dich fragen, wann die nächste Sendung ist.
Manfred Sangels Handy klingelt: Ha Ho He, Hertha BSC. Seine Frau ist am
Telefon: Das Essen sei jetzt warm, wo er denn bleibe? Manfred Sangel hat
vergessen, Bescheid zu sagen, dass es später wird. Sichtlich zerknirscht
sinkt er auf seinem Stuhl zusammen und besänftigt die aufgebrachte
Frauenstimme am anderen Ende der Leitung.
Sie ahnen die nächste Frage: Was sagt Ihre Frau zu Ihrem Hobby?
Ach, sie weiß schon, was sie sich mit mir angetan hat. Sie ist übrigens
auch Hertha-Fan, sogar Mitglied im Verein, und trägt das mit, was ich
mache. Sonst würde es auch nicht funktionieren. Klar, manchmal wird’s schon
ein bisschen stressig: Der Sendefahrplan muss ja immer bis Mittwochabend
stehen. Dann esse ich eben abends mal zwischendurch oder später – je
nachdem auch, was es gerade zu essen gibt.
Eine Zeitung schrieb einmal, Sie seien „in der Ostkurve groß geworden“. Was
heißt das?
Mit sechs Jahren, 1965 war das, hat mich mein Vater zum ersten Mal
mitgenommen. Wann ich angefangen habe, wirklich regelmäßig zu den Spielen
zu gehen, weiß ich gar nicht mehr, vielleicht so mit zehn oder elf Jahren.
Aber man kann schon ruhig sagen, dass ich im Fanklub aufgewachsen bin –
erst in der Ostkurve, dann habe ich mich hochgearbeitet in den Oberring. Da
gab’s eine Art Hackordnung: Die jungen Kerle standen unten, die etwas zu
sagen hatte, oben.
Da, wo Sie jetzt stehen.
Ja, ich würde schon sagen, dass ich nicht unbedingt der Unbekannteste bei
Hertha bin.
Wer sind Sie denn bei Hertha?
Zumindest bin ich nicht als Streitvogel bekannt. Eher als der, der auch
zwischen den Fans und den Vereinsverantwortlichen vermittelt. Deshalb bin
ich auch ganz froh, dass ich nie eine offizielle Position bei Hertha
innehatte. Und trotzdem schon mal meine Meinung sagen kann – die dann auch
gehört wird. Ich habe meinen Freunden aber auch mal gesagt: „Wenn ihr
merkt, dass ich irgendwie abhebe, dann seht zu, dass ihr mich wieder
runterholt!“
Wann beschäftigen Sie sich eigentlich mal nicht mit Hertha?
Wenn ich schlafe.
Ach, tatsächlich?
Im Ernst. Und im Urlaub versuche ich auch, ein wenig Abstand zu bekommen.
Obwohl, als meine Frau und ich 1993 unsere Hochzeitsreise nach Paris
gemacht haben, sind wir schon einen Tag vorher wieder nach Berlin zurück,
weil Hertha am nächsten Tag das erste öffentliche Training hatte. Wir haben
uns angeschaut, und meine Frau hat gefragt: „Sollen wir zurück?“ und ich
hab gesagt: „Ja“, und dann sind wir geflogen. So richtig schön schmalzig,
ich weiß!
Wie viel Vorbereitungszeit investieren Sie neben den Fahrten zu den Spielen
in eine Sendung?
Vielleicht zehn, zwölf Stunden. Früher, als wir noch mit Tonbandgeräten
gearbeitet haben, waren es 20 bis 30 Stunden. Da ist die Technik heute viel
schneller. Geht ja alles am Computer, und dann speichere ich die fertige
Sendung bloß noch auf SD-Karte und zur Sicherheit noch mal auf einem
USB-Stick. Und fertig!
Worauf achten Sie bei der Vorbereitung der Sendung?
Wir geben unseren Interviewgästen bewusst viel Raum, schneiden nicht gleich
nach einer Minute ab. Wir wollen informieren und sind schon eine
anspruchsvolle Sendung, nicht so ein Nudelfunk. Der Live-Charakter ist mir
auch wichtig. Im professionellen Radio wird ja viel vorproduziert, da ist
alles sehr glatt und man wundert sich dann immer, warum die so elegant
daherreden. Ich finde es nicht schlimm, wenn man auch die Ecken und Kanten
hört. Bei einer Live-Sendung gibt es eben immer eine Menge Unwägbarkeiten.
Wie vorhin, als sich herausstellte, dass Hertha-Mittelfeldspieler Peter
Niemeyer, mit dem Sie über das letzte Mannschaftstraining reden wollten,
gar nichts dazu sagen konnte?
Ja, ich wusste nicht, dass er sich beim Freundschaftsspiel gegen den BFC
Victoria [ein Tempelhofer Klub aus der Oberliga, d. Red.] verletzt hatte –
hat man vielleicht auch gemerkt, oder? Aber ich frage ohnehin immer frei,
ich schreibe mir da zuvor nichts auf. Ich bin ein spontaner Mensch. Da
steht jemand vor mir, ich mache das Mikro an, und dann kommen auch schon
die Fragen.
Sogar Reiner Calmund und den DFB-Heiligen Franz Beckenbauer haben Sie
bereits fürs Hertha-Echo interviewt.
Reiner Calmund, das war 1993, da war er Manager von Leverkusen und Hertha
hat gegen Leverkusen das DFB-Pokalfinale gespielt. Ich habe mir auf der
Arbeit freinehmen können, bin auf die Pressekonferenz und habe dem Calmund
hinterher einfach mal erzählt, was wir machen. Er stand dann tatsächlich
zehn Minuten nach Sendebeginn plötzlich im Studio. Das war gut, denn wir
hatten eine 90-Minuten-Sondersendung und bis auf den Trainer der
Hertha-Amateure sind uns alle Interviewpartner abgesprungen. Wir standen
also praktisch mit nichts da – dann kam Calmund rein. Zwei Sponsorentermine
hat er wegen uns abgesagt! Das war ein Highlight.
Und Beckenbauer?
Den hab ich 1992 auf der Funkausstellung getroffen. In dem Jahr hat Hertha
100 Jahre Vereinsjubliäum gefeiert; ich hatte die Idee, Prominente ein paar
Sätze dazu ins Mikrofon sagen zu lassen: Günter Netzer, Harald Schmidt. Ich
habe dann einfach gewartet, bis Beckenbauer die Treppe runterkam, damals
war er für die ARD im Fernsehstudio. Von Uli Hoeneß hatte ich sogar mal –
fragen Sie mich nicht, wie das passiert ist – die private Telefonnummer. Da
ging seine Frau ran und hat gerufen: „Uli, Telefon für dich aus Berlin.“
Heute wäre an der Presseabteilung von Bayern München mit Sicherheit
Endstation.
Wird das Hertha-Echo von Profi-Journalisten wahrgenommen?
Alle Sportjournalisten, die mit Hertha zu tun haben, wissen, was wir
machen. Wir haben uns da einen gewissen Ruf erarbeitet. Da sind wir auch
stolz drauf.
Ihre Stimme hat Gewicht?
Na ja, was heißt Gewicht. Aber die Berufsjournalisten wissen, dass wir auch
mal kritisch nachfragen. Vielleicht anders als sie, mehr durch die
blau-weiße Brille, aus Fanperspektive. Aber man hört uns. Kürzlich hatten
wir Ingo Schiller, den zweiten Geschäftsführer von Hertha, am Telefon. Und
am nächsten Tag habe ich ein Zitat von ihm in der Berliner Morgenpost
gelesen, das er bei uns gesagt hatte – wie in der Zeitung übrigens auch
vermerkt war.
Auch die Musikmischung, die Sie spielen, ist eher speziell. Zu den
Spielberichten legen Sie etwa meist die Stadionlieder der Vereine auf,
gegen die Hertha angetreten ist.
Das ist tatsächlich wohl ziemlich einmalig in der deutschen
Radiolandschaft. Natürlich spielen wir die Hertha-Lieder, aber eben nicht
nur. Ich versuche immer, die Musik ein bisschen danach auszusuchen, wie es
für Hertha am Wochenende gelaufen ist. Wenn wir verloren haben, gibt’s dann
vielleicht mal „Es geht eine Träne auf Reisen“ von dem italienischen
Schlagersänger Salvatore Adamo oder so was. Wenn es gut lief, keine Ahnung
– vielleicht „Millionär“ von den Prinzen. Und ansonsten setze ich mir keine
Grenzen, was die Musik angeht: Wir haben auch schon Punk Rock und New Wave
gespielt. Oder Hard Rock und dann Roland Kaiser. Warum nicht?
Es gibt nichts, das Sie nicht spielen würden?
Doch: Rechte Musik würde ich nicht spielen.
Wird das Hertha-Echo in rechten Fan-Kreisen gehört?
Ich habe in all den Jahren nie etwas in dieser Hinsicht wahrgenommen.
Ausschließen kann ich es allerdings nicht, weil ich keinerlei Kontakte in
diese Szene habe.
In den Jahren nach der Wiedervereinigung galt Hertha BSC als ein Verein mit
beträchtlichem rechtem Fanpotenzial.
Das hat sich aber auch wieder geändert. In den 90er-Jahren hörte man in der
Ostkurve sicherlich mal „Sieg Heil“-Rufe. Aber auch dank der Ultraszene bei
Hertha, die sehr entschieden gegen rechte Fangruppen vorgegangen ist, hat
sich die Ostkurve seit einigen Jahren wieder entpolitisiert.
Waren Sie selbst mal in der Ultraszene bei Hertha aktiv?
Aktiv nicht. Aber ich kenne die, und die kennen mich.
Als Berlin noch geteilt war, sind Sie regelmäßig mit anderen Hertha-Fans zu
den Spielen des 1. FC Union nach Köpenick gefahren. „Hertha und Union –
eine Nation“, riefen die Fans gemeinsam im Stadion. Da war Fußball auf
einmal sehr politisch.
Klar, das war auch ein Protestsignal. Vor allem, wenn wir dann mit den
Union-Fans zusammen Hertha-Lieder gesungen haben. Es haben sich dann auch
Freundschaften mit Union-Fans ergeben, die lange Jahre gehalten haben. Wir
haben uns regelmäßig besucht – das heißt natürlich, ich habe sie besucht.
Pflegen Sie diese Freundschaften immer noch?
Nein, irgendwann ist das eingeschlafen. Ich hatte zwei Freunde in der DDR,
die waren beide bei der Armee. Irgendwann kam dann eine Nachricht von der
Mutter, dass die beiden keine Anrufe mehr wünschten. Kurz nach der Wende
habe ich dann noch mal darüber nachgedacht, den Kontakt wieder aufleben zu
lassen. Aber dann habe ich es doch gelassen.
Heute herrscht zwischen Fans von Hertha und Union mindestens Rivalität,
zuweilen auch offener Hass.
Ja, viele der älteren Fans bei Hertha und Union, die die DDR noch bewusst
erlebt haben, bedauern das auch. Aber so ist das eben. Die Rivalität ist
jetzt sicher auch noch mal stärker, weil beide Mannschaften in der zweiten
Bundesliga spielen.
Wird Hertha dort in der nächsten Saison auch noch spielen oder gelingt
unter dem neuen Trainer Jos Luhukay der Aufstieg? Was sagt der Experte?
Für den Verein wäre der Aufstieg sehr wichtig. Ich glaube, es ist aber vor
allem wichtig, dass erst mal wieder eine gewisse Ruhe und Konstanz einkehrt
und der Aufstieg nicht übers Knie gebrochen wird.
Am Freitag startet die zweite Bundesliga in die Hinrunde, Hertha ist am
ersten Spieltag gegen den SC Paderborn dran. Ihr Tipp?
Sieg. Ganz klar.
30 Jul 2012
## AUTOREN
(DIR) Anna Klöpper
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