# taz.de -- Interview über neue DNA-Spuren im Fall Barschel: "Ein Mord, der nicht aufklärbar ist"
       
       > Der ehemalige Chefermittler Heinrich Wille erklärt, warum er glaubt, dass
       > der ehemalige Ministerpräsident 1987 ermordet wurde - und warum der
       > Mörder nie gefunden werden wird.
       
 (IMG) Bild: Genf, 11. Oktober 1987: Polizisten tragen den Leichnam des ehemaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel, aus dem Hotel "Beau Rivage".
       
       taz: Herr Wille, Sie haben früh die These vertreten, dass Uwe Barschel in
       dem Genfer Hotelzimmer, in dem er tot aufgefunden wurde, ermordet worden
       ist. Sehen Sie sich durch die neu gefundenen DNA-Spuren bestätigt? 
       
       Heinrich Wille: Die Abdrücke belegen zumindest, dass außer Herrn Barschel
       mindestens eine weitere Person im Hotelzimmer war.
       
       Gibt es Hinweise darauf, wer das gewesen sein könnte? 
       
       Da gibt es keine Hinweise.
       
       Es hat niemand jemand kommen oder gehen sehen? 
       
       Nee, es sind ja auch die Stern-Leute, die Barschel in der Badewanne
       gefunden haben, unbemerkt rein- und rausgegangen. Der Zimmerkellner war
       drin gewesen und hat ein neues Whiskyfläschchen reingestellt und ist dann
       wieder rausgegangen.
       
       Und vom Zimmerkellner können die DNA-Spuren nicht sein? 
       
       Das ist nicht vorstellbar, die Abdrücke waren ja an den Socken und an der
       Krawatte.
       
       Es gibt aber Theorien, wer es gewesen sein könnte, oder? 
       
       Also ich würde knallhart sagen: Es kann kein Sterbehelfer gewesen sein,
       denn Sterbehelfer fallen nicht vom Himmel, und es gibt kein Indiz dafür, wo
       eine solche Person hätte herkommen sollen.
       
       Ihr vorgesetzter Generalstaatsanwalt war der Meinung, Barschel habe
       wahrscheinlich Selbstmord begangen. Und auch Ihr Nachfolger in Lübeck
       vertritt diese Ansicht. 
       
       Das ist das Ergebnis einer grandiosen Manipulation der öffentlichen Meinung
       in stillschweigender Übereinstimmung von Presse und Politik in
       Schleswig-Holstein, die sich durchgesetzt haben. Es passte ja so schön, Uwe
       Barschel schien der Schurke zu sein, und der Schurke hatte sich selbst
       gerichtet, und alle anderen hatten dann damit nicht mehr viel zu tun.
       
       Nach seiner berühmten „Ehrenwort“-Erklärung, nach der er als
       Ministerpräsident zurücktreten musste. 
       
       Ja, aber es gab schon damals keine Tatsachen, die für Selbstmord sprachen.
       Es gab einmal die Behauptung, ja, das war ein Bilanzselbstmord, der Mann
       war fertig. Und es gab die Unterstellung einer Tablettensucht. Das ist
       alles.
       
       Warum sagen Sie, dass es Mord war? 
       
       Es gibt Indizien, die eindeutig dafür sprechen. Das ist einmal der
       abgerissene Hemdknopf von Uwe Barschel, das ist nicht so ganz ohne. Das ist
       nicht irgendein Knopf, der lose saß und dann versehentlich abgerissen
       wurde. Das war ein sehr fest angenähter Hemdknopf, und es war der zweite
       von oben. Dieser Hemdknopf muss mit beträchtlicher Kraft abgerissen worden
       sein, sonst wäre nicht ein Stück des Hemdstoffes mit abgegangen. Und dieser
       Hemdknopf ist senkrecht von oben nach unten abgerissen worden. Es ist also
       ein Geschehnis, das er nicht selbst in dieser Weise hat herbeiführen
       können. Ich habe versucht, das selbst mal zu machen, das geht gar nicht,
       und ich habe bei allen Lesungen und Vortragsveranstaltungen die Anwesenden
       dazu aufgefordert und bis heute keinen gefunden, der das wirklich gekonnt
       hätte: also von oben nach unten, mit beträchtlicher Kraft.
       
       Einen Sterbehelfer schließen Sie aus? 
       
       Ein Sterbehelfer muss ja organisiert werden, die können ja nicht im
       Anzeigenteil der Zeitung gefunden werden. Wie hätte er das organisieren
       sollen in den wenigen Tagen nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident? In
       der Schweiz hätte er keinen gefunden, die Medikamente, mit denen er zu Tode
       gekommen ist, hätte ein ordentlicher Schweizer Sterbehelfer nie genommen,
       weil sie alle vier seit Jahren in der Schweiz nicht mehr erhältlich waren.
       Und einen deutschen Sterbehelfer gab es auch nicht, wir haben Hinweise, die
       uns zugetragen wurden, überprüft. Es gab keinen Sterbehelfer.
       
       Welches Indiz spricht sonst noch für Mord? 
       
       Das kleine Whiskyfläschchen, dass dort im Abfallbehälter im Bad gefunden
       wurde. Dieses Whiskyfläschchen hat zwei Besonderheiten: Es ist
       nachgewiesenermaßen ausgespült worden, mit Wasser. Warum sollte ein
       Selbstmörder, der noch einen Whisky getrunken hat, das kleine
       Minibarfläschchen mit Wasser ausspülen? Es gibt dafür keinen logischen
       Grund. Zur Verdünnung benutzt man üblicherweise ein Glas, man wird also
       nicht in diesen kleinen Flaschenhals Wasser reinfüllen. Das ist für mich
       ein eindeutiger Hinweis auf Spurenbeseitigung, nämlich der Spuren dessen,
       was außer dem Whisky noch in dem Fläschchen drin war. Und das ist das
       Zweite in Zusammenhang mit dem Fläschchen: Der Nachweis von Diphenhydramin,
       das ist ein Beruhigungsmittel, was auch das Erbrechen verhindert – man kann
       ja keinen mit Gift und Medikamenten umbringen, wenn er das wieder
       ausspuckt.
       
       Und das ist in Barschels Magen gefunden worden? 
       
       Er hat es intus gehabt, es ist eines der vier Mittel, die er eingenommen
       hatte, und es ist nachträglich nachgewiesen worden, dass in diesem
       Whiskyfläschchen dieses Mittel war. Es gibt keinen vernünftigen Grund,
       warum jemand zum Zwecke des Suizides das Mittel in das Fläschchen hätte
       transportieren sollen. Das wäre denkbar unpraktisch, denn üblicherweise hat
       man ja nur Tabletten zur Verfügung. Die muss man dann klein mörsern und in
       ein Whiskyfläschchen reinbringen, in dem gar kein Platz ist, das ist
       überhaupt nicht vorstellbar.
       
       Sie sehen aus den Spuren am Tatort, dass es Mord war? 
       
       Eindeutig, ich halte diese nicht vereinbar mit Suizid. Zum zweiten meine
       ich, Uwe Barschel war nicht der Mann, der sich umgebracht hätte. Das kann
       man anhand von Fakten feststellen: War er eingebettet in die Familie? Die
       Frage kann ich nur mit Ja beantworten. Hatte er Freunde? Wir erinnern uns
       alle noch in meiner Generation, wie Justus Frantz im Krankenhaus bei Uwe
       Barschel aufgespielt hat. Wir wissen auch, dass er im Bereich der
       Wirtschaft Freunde hatte. Der Spitzenmanager von Schwarzkopf, Herr
       Ballhaus, der ihm ja seine Stiftung und das Schloss Steinhorst finanziert
       hatte. Oder Herr Lechner, bei dem er auf Gran Canaria in der Ferienanlage
       gewesen war. Die hätten ihn in der Wirtschaft unterbringen können. Es war
       ja nicht so, dass Politik das einzige war. Er hatte Pläne, in Kanada als
       Gastdozent zu arbeiten, und das war sehr realistisch, wie ich überprüft
       habe.
       
       Sie haben über Ihre Ermittlungen ein Buch geschrieben, das heißt: „Ein
       Mord, der keiner sein durfte“. 
       
       Das ist das Buch, das 2007 verboten wurde …
       
       … von Ihrem Vorgesetzten, dem Generalstaatsanwalt. Warum eigentlich? 
       
       Das ist wieder eine Geschichte für sich, jedenfalls habe ich in der
       Hauptsache in erster Instanz gewonnen, dann hat der Generalstaatsanwalt
       wieder Berufung eingelegt, und dann ist die Akte beim
       Oberverwaltungsgericht unbearbeitet liegen geblieben, bis man mich dann
       gegen meinen Willen pensioniert hat.
       
       Ihr Nachfolger sagt jetzt: Die Ermittlungen nehmen wir nicht wieder auf,
       trotz der neuen DNA-Spuren. 
       
       Ob es Sinn machen würde, jetzt weiterzuermitteln, sehe ich genauso
       skeptisch. Man hat ja keinen Verdächtigen, bei dem man entsprechende Proben
       entnehmen könnte. Und es gibt auch keine Chance, einen Verdächtigen zu
       finden. Das war ja der Grund, weshalb das Verfahren seinerzeit eingestellt
       wurde, und das hat sich ja nicht geändert.
       
       Es gibt keine Chance, weil Geheimdienste verwickelt waren? 
       
       Und weil es keine Prävalenz für eine Spur gibt. Aus den vorstellbaren
       Motiven, die alle ja nicht sehr konkret sind, aber doch gewichtig genug.
       Die basieren zum einen auf der Iran-Contra-Geschichte und zum anderen auf
       illegalen Export von U-Boot-Blaupausen nach Südafrika.
       
       Von beiden hat Barschel gewusst, oder man glaubte, dass er davon gewusst
       hat? 
       
       Wir haben nicht beweisen können, dass Uwe Barschel unmittelbar an
       Waffendeals beteiligt war. Wir wissen aber, dass er bei Gesprächen dabei
       gewesen ist, bei denen es darum ging.
       
       Man glaubte, er packt aus. 
       
       Er hat es mehrfach gegenüber der Familie und auch am Telefon gesagt, es ist
       das Einzige, an das sich die Abhörerin damals bei ihrer Vernehmung konkret
       erinnern konnte. „Die in Bonn werden mich kennenlernen.“ Er hat ganz
       konkret gedroht.
       
       Wer hat abgehört? 
       
       Die Stasi, permanent. Man hat leider nach dem Jahre 1985 keine
       Informationen mehr über Observationen und Abhörungen, das wäre ja
       interessant gewesen.
       
       Und wenn es ein amerikanischer Geheimagent war, werden seine DNA-Spuren
       vermutlich nicht in den Datenbanken sein. 
       
       Die werden keine Chance haben, die CIA-Residenten in Genf zur Speichelprobe
       zu laden. Das ist ja der Untertitel meines Buches: „die Grenzen des
       Rechsstaates“.
       
       Das ist natürlich frustrierend. 
       
       Ja, und das ist einer der Gründe, weswegen man sich gerne in die
       Suizid-These flüchtet, weil die Erkenntnis, dass es ein Mord war und nur
       ein Mord gewesen sein kann, im Grunde etwas Erschreckendes ist. Weil dies
       ein Mord war, der nicht aufklärbar ist. Es sei denn, jemand gesteht jetzt
       noch in einer Lebensbeichte.
       
       3 Aug 2012
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Wiese
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Neue Spuren im Fall Barschel: Reicht nicht für Ermittlungen
       
       Die Lübecker Staatsanwaltschaft will trotz neuer DNA-Spuren die
       Ermittlungen zum Tod von Uwe Barschel nicht wieder aufnehmen. Die
       Strafprozessordnung erlaube das nicht.
       
 (DIR) Todesfall Uwe Barschel: Neue Spur nach 25 Jahren
       
       An der Kleidung des früheren CDU-Ministerpräsidenten wurden jetzt fremde
       DNA-Rückstände gefunden. Möglicherweise werden die Ermittlung wieder
       aufgenommen.
       
 (DIR) Barschel-Doku: Liquidiert oder inszeniert?
       
       Der Tod Uwe Barschels jährt sich im Oktober zum 20. Mal. Die ARD-Doku
       "Skandal ohne Ende" vertritt eine eher unaufgeregte These: Freitod mit
       Beihilfe.