# taz.de -- Ausgrabungen: Kaum gefunden, schon verschwunden
       
       > In Bremen wurde die Ziegelei entdeckt, in der vermutlich die Steine des
       > Rathauses gebrannt wurden. In wenigen Tagen soll sie einem Büro-Neubau
       > weichen.
       
 (IMG) Bild: Der spitzhütige "Bräutigam", Bremens mächtigste Bastion, auf einem Gemälde von 1602. Links von ihm der ebenfalls gerade wiederentdeckte Ziegelmeiler.
       
       BREMEN taz | Feucht fühlen sie sich an, die langen, sorgfältig vermauerten
       Ziegelsteine. Die Sonnenstrahlen, die jetzt die Rottöne zum Leuchten
       bringen, sind die ersten seit vielen hundert Jahren, die den eben
       ausgegrabenen achteckigen Backsteinkranz erreichen und langsam aufwärmen.
       Im Spätmittelalter herrschten hier andere Temperaturen: Das gut 12 Meter
       breite Mauerwerk mit dem gewaltigen Mittelpfeiler war das Fundament eines
       Brennofens. „Mit hoher Wahrscheinlichkeit“, sagt der für Bremens
       Stadtarchäologie zuständige Dieter Bischop, seien hier sogar die Ziegel des
       auf der Weltkulturerbe-Liste der Unesco stehenden Bremer Rathauses gebrannt
       worden.
       
       „Keiner wusste, was hier schlummert“, erklärt Bischop die hektischen
       Begleitumstände der Grabung. Wenige Meter entfernt warten schwere Maschinen
       auf ihren Einsatz. Die Grube muss vertieft, die Kellerwanne für zwei
       Bürohochhäuser gegossen werden. Im Krieg wurde das Gelände, auf dem damals
       der Weserbahnhof stand, von Bombenkratern durchwühlt – ein umso größerer
       Glücksfall ist der vollständige Erhalt des massigen Ringfundaments. Die
       oberste Schicht ist allerdings angefressen: Als Bischop am Mittwoch auf der
       Baustelle eintraf, wollten die Bauarbeiter es eben wegreißen.
       
       Noch kühler als die Ziegel ist der kleine Pfeifenkopf, den Grabungshelfer
       Tommy Kroll gerade aus dem Boden geholt hat. Winzig liegt der fein
       gearbeitete Hohlzylinder in seinen schwieligen Händen, „17. Jahrhundert“,
       schätzt Kroll. Vorsichtig legt er die Pfeife zu Kohleschaufel und Tiegel,
       deren Alter erst noch bestimmt werden müssen.
       
       Im Vergleich zu anderen Grabungen ist der Ofenfund eine äußerst sinnliche
       Angelegenheit. Wo sonst eisenzeitliche Pfostenspuren hoch aufschlussreiche,
       aber für Laien nur langweilige Verfärbungen hinterlassen, ist hier eine
       markante Gebäudestruktur zu bestaunen. Zwar muss man sich die zehn Meter
       hohe Kuppel, die den Meiler überspannte, selbst hinzudenken. Doch dabei
       hilft der dicke Ruß an den Innenwänden. „Hier haben bis zu 1.000 Grad
       geherrscht“, sagt Bischop. Er vermutet, dass der Ziegelmeiler Teil eines
       mittelalterlichen Gewerbegebiets war, zu dem, natürlich außerhalb der
       Stadtmauern, auch andere feuergefährliche Betriebe wie Kalkbrennöfen und
       später auch Tran-Siedereien gehörten. Bremen war eine Hochburg der
       Walfänger.
       
       Das nahe Ufer versorgte die Ziegelei mit feinkörnigem Lehm. Doch obwohl
       hier, ganz wörtlich, wohl ein Weltkulturerbe gebacken wurde, soll der
       beeindruckende Backsteinkranz schon am Dienstag weggebaggert werden. „Wir
       können die Planungen jetzt nicht mehr umschmeißen“, sagt Architekt Bernd
       Block-Osmers. Allenfalls eine Mauerecke könne erhalten bleiben. „Rechtlich
       kann man nichts machen“, erklärt ein Senatssprecher. Auch eine politische
       Initiative zum Erhalt der Rathaus-Ziegelei sei „nicht in Sicht“.
       
       Die Menschen am Bauzaun sehen das nicht ein. „Das darf doch nicht zerstört
       werden“, sagt ein älterer Herr, dem tatsächlich die Tränen in den Augen
       stehen. Auch ein auffallend gut gekleideter Mittvierziger steht dabei und
       stimmt zu, dass der Brennofen „unbedingt erhalten“ bleiben müsse. „Hier
       kann ich das sagen“, fügt er erklärend hinzu – „aber nebenan bin ich der
       Bauherr“.
       
       „Nebenan“, das ist die Großbaustelle 200 Meter weiter, wo die Arbeiter
       derzeit die Fundamente für ein Hotel samt Varietétheater in den Boden
       rammen. Dort haben Bischop und sein Team Mauern mit fast fünf Meter
       Durchmesser ausgegraben – und damit den „Bräutigam“ entdeckt.
       
       Um die Begeisterung zu verstehen, die dieser Fund in Bremen auslöste, muss
       man wissen, dass es in Bremen auch eine „Braut“ gibt. Zwei unglaublich
       dicke Türme, die gemeinsam das Kernstück der weserwärtigen
       Verteidigungsanlagen Bremens bildeten. Doch während der Standort der 1739
       explodierten Braut immer bekannt war – heute steht dort passenderweise die
       Versicherungsbörse – hatte ihr steinerner Kompagnon bislang nicht
       lokalisiert werden können. Zu oft hat die Weser, in die er zur Hälfte
       hineinragte, ihr Bett gewechselt.
       
       Nun ist der Bräutigam wieder da. Allerdings haben die Bagger des Bauherren,
       bis die Bedeutung des Fundes geklärt war, manche Scharte in das mächtige
       Mauerwerk gehauen. Dabei hatte Bischop die Baustelle immer im Blick, sogar
       sonntags, wenn er mit dem Kinderwagen extra Richtung Baustelle zockelte.
       „Aber letztlich bin ich noch rechtzeitig gekommen“, sagt der immer im
       Stress stehende Archäologe, der in einem hoffnungslos unterbesetzten Amt
       arbeitet. Ein Großteil des 20 Meter dicken Turmfundaments steht unterm
       Bahndamm – da ist es wenigstens sicher.
       
       12.000 kaiserliche Soldaten haben diese Bastionen abgewehrt, 1547, im
       Schmalkaldischen Krieg, da waren Braut und Bräutigam gerade mal 15 Jahre
       alt. Die Investition hatte sich also gelohnt. Als weniger klug erwies sich
       die Idee, das gesamte Schießpulver der Stadt hier einzulagern – zumal der
       Blitzableiter noch nicht erfunden war. „Hier lagerten Kanonen und sechs
       Tonnen Schwarzpulver“, sagt Bischop. Er zeigt auf ein zwischen den
       Steinblöcken liegendes Relief, auf dem ein Renaissance-Mörser seine
       Steinkugeln verschießt. Beide Türme fliegen im August in die Luft.
       Allerdings mit fast 100 Jahren Abstand, so dass die Braut ab 1647 allein
       als Witwe an der Weser stand. Bis auch sie ein Blitz entzündete.
       
       Kräne schwenken durch die Luft, Baggerketten knirschen, Bischop muss sich
       ein Ohr zuhalten, damit er den Mühlen-Experten versteht, der sich per Handy
       meldet. „Es ist ein Brennmeiler, doch keine Mühle!“, klärt er den Kollegen
       über den neuesten Stand auf, während er zwischen den frisch gegossenen
       Fundament-Stützen des Neubaus umhertigert. Einige der Erdbohrer haben sich
       in die Stadtmauer gefräst, die den Pulverturm mit den anderen Befestigungen
       verband. „Das ist das Schicksal der Archäologen“, sagt Bischop: „Was er
       ausgräbt, ist danach meistens kaputt.“
       
       Jetzt aber schnell zurück zum Ziegelmeiler. Im Laufen hebt Bischop noch
       rasch eine Scherbe auf, schön sieht sie aus, mit gelben Streifen und grünen
       Punkten. „1600 und ein paar Tage“, sagt Bischop beiläufig, und:
       „Werra-Keramik“. Schon wieder klingelt sein Handy. In Windeseile hat
       Bischop eine Spezialfirma organisiert, die auf 3-D-Aufnahmen von Gebäuden
       spezialisiert ist. Der Brennofen wird am Montag in eine Laserwolke gehüllt,
       die jeden Millimeter der Oberfläche erfasst. So entsteht ein
       dreidimensionales Modell der Anlage. „Digital haben wir sie dann gerettet“,
       sagt Bischop.
       
       Der Übertrag in eine virtuelle Wirklichkeit mag der Wissenschaft genügen.
       Und: Allein die An- und Abfahrt der Fundamentbohrer, deren Einsatz sich
       verzögert, erklärt der Architekt, kostet einen fünfstelligen Betrag.
       „Dennoch“, sagt eine junge Frau am Bauzaun: „In spätestens 20 Jahren
       bereuen wir’s, wenn das hier weggerissen wird.“
       
       24 Aug 2012
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Henning Bleyl
 (DIR) Henning Bleyl
       
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