# taz.de -- Hacker-Angriff auf medizinische Geräte: Defibrillator als Mordwaffe
       
       > Auf einer IT-Konferenz in Australien wurde eindrucksvoll demonstriert,
       > wie man Defibrillatoren zu Mordinstrumenten umwandeln kann.
       
 (IMG) Bild: Ein Ziel für Hacker? Implantierte Defibrillatoren
       
       BERLIN taz | Barnaby Jack, IT-Experte bei der Sicherheitsfirma IO Active,
       hat zu Forschungszwecken schon einiges manipuliert: Geldautomaten,
       Insulinpumpen und zuletzt auch einen Defibrillator. Auf der
       Sicherheitskonferenz Breakpoint demonstrierte Jack Mitte Oktober, welche
       Gefahr von implantierbaren Cardioverter-Defibrillatoren ausgehen kann.
       
       Diese Geräte gleichen Herzrhythmusstörungen durch leichte Elektroschocks
       aus. Dabei wird ein zu schnell schlagendes Herz durch den Stromstoß des
       Defibrillators kurzfristig zum Stillstand gebracht, um dann sofort im
       normalen Rhythmus weiter zu schlagen.
       
       Die meisten Defibrillatoren sind mit einem externen Transmitter
       ausgestattet, den die Patienten im Umkreis von etwa 2 Metern um ihr Bett
       positionieren müssen. Der Transmitter nimmt die Herzrhythmusereignisse aus
       dem Implantat durch drahtlose Signale auf und leitet sie an den Kardiologen
       weiter. Somit können Unregelmäßigkeiten und Probleme frühzeitig erkannt und
       entsprechend behandelt werden. In Deutschland trugen 2011 etwa 40.000
       Patienten Defibrillatoren.
       
       Die Vorteile einer solchen Überwachung liegen auf der Hand. Dennoch: Der
       kabellose Datenverkehr zwischen den Geräten birgt ein nicht zu
       unterschätzendes Sicherheitsrisiko.
       
       ## Jack's Hack-Experiment
       
       Jack zeigte während seines Vortrags, wie man aus etwa 10 Metern Entfernung
       auf die Daten des Transmitters zugreifen, und ihn somit manipulieren kann.
       Für den Hack hat der Experte einen Transmitter rückentwickelt (im
       Wesentlichen: auseinandergebaut) und sich so Zugang zur Modell- und
       Seriennummer des Implantats verschafft.
       
       Bei manchen Herstellern reichen diese Daten aus, um sich bei dem Implantat
       zu authentifizieren. Ist der Kommunikationscode zwischen dem Transmitter
       und dem Defibrillator einmal gehackt, können dem Träger des Implantats
       Elektroschocks von bis zu 830 Volt verabreicht werden. Die Folge: der
       Patient wäre sofort tot.
       
       Viel gravierendender ist, dass Jack beim Rückentwickeln des Transmitters
       auf Benutzernamen und Passwörter für den Entwicklungsserver des Herstellers
       gestoßen ist.
       
       Damit wäre es möglich, Programme zu schreiben, die mehrere Geräte
       gleichzeitig manipulieren. Im schlimmsten Fall könnte die kabellose Attacke
       somit als Werkzeug zum „Massenmord" instrumentalisiert werden, berichtet
       das SC Magazine, eine amerikanische IT-Zeitschrift.
       
       ## Industrie und Medizin geben Entwarnung
       
       Vertreter aus Industrie und Medizin betrachten die Ergebnisse von Jacks
       Hack-Experiment jedoch skeptisch. Andreas Bohne von der Herstellerfirma
       Medtronic schätzt das Sicherheitsrisiko als „gering" und „unwahrscheinlich"
       ein, denn „nur auf wenige Herzschrittmacher könne über größere Distanzen
       zugegriffen werden".
       
       Rückendeckung bekommt die Herstellerfirma auch aus der Medizin. Auf
       Nachfrage bei der Berliner Charité erscheint Mattias Roser, Facharzt für
       innere Medizin und Kardiologie „die Manipulation eines Defibrillatoren
       wenig realistisch".
       
       Der Grund:„Die Telemetrie funktioniert nicht bidirektional. Das heißt wir
       können zwar Diagnoseparameter von Herzschrittmachern oder Defibrillatoren
       erhalten, jedoch aus der Ferne das Gerät nicht umprogrammieren, geschweige
       denn einen Schock auslösen oder die Funktion ausprogrammieren", versichert
       der Facharzt. Ob eine Steuerung bidirektional möglich ist oder nicht, hängt
       jedoch auch hier stark von Gerät und Hersteller ab. Das von Jack gehackte
       Gerät war, wie bei dem Experiment gezeigt, zweifelsfrei bidirektional
       steuerbar.
       
       ## Unwahrscheinlich, aber nicht unrealistisch
       
       Schon 2008 wurde in der Forschung auf Mängel hingewiesen. Neun
       US-Wissenschaftler veröffentlichten eine Studie, in der sie
       Sicherheitsrisiken von Defibrillatoren untersuchten. Das Team aus
       Elektrotechnikern, Informatikern und einem Kardiologen demonstrierte, wie
       die Geräte manipuliert werden können. Somit können Patienteninformationen
       weitergegeben, und, wie oben beschrieben, tödliche Elektroschocks abgegeben
       werden.
       
       Bis heute ist noch kein vergleichbarer Fall in der Praxis bekannt. Dennoch
       meint der Koordinator des Stabs für strategische IT-Sicherheit beim
       Auswärtigem Amt, Sandro Gaycken, dass „das Gefahrenpotenzial auf keinen
       Fall unterschätzt werden darf.“
       
       ## Drei mögliche Szenarien
       
       Laut Gaycken sind drei Szenarien denkbar: Dadurch, dass man relativ einfach
       auf die im Transmitter gespeicherten Patientendaten zugreifen kann, könnten
       kriminelle Hacker die Informationen zur Erpressung nutzen oder damit Handel
       betreiben.
       
       Das zweite Szenario beinhaltet eine Manipulation der Steuerungskomponenten
       von Herzschrittmachern, so wie Jack es vorgeführt hat. Problematisch dabei
       ist, dass manche Hersteller ihre Geräte direkt mit Updates aus dem Internet
       versorgen. Laut Gaycken bestehe die Schwierigkeit nicht darin, das System
       zu hacken, sondern dessen Funktionsweise vollständig zu durchleuchten, um
       Steuerungsbefehle wie tödliche Stromstöße auszuführen. Das würde sehr viel
       Zeit und Know-how beanspruchen, so der Forscher.
       
       Wesentlich einfacher ist es hingegen, den Datenverkehr zwischen den Geräten
       komplett zu unterbinden. Beim dritten Szenario würde also im Falle von
       akuten Unregelmäßigkeiten beim Patienten oder beim Implantat gar kein
       Signal an den Überwachungsmonitor des Kardiologen gesendet. Die Folgen
       wären tödlich.
       
       Gaycken hält alle drei Fälle sowie Jacks Massenmord-Szenario für technisch
       sehr aufwendig. „Das heißt aber nicht, dass derartige Szenarien
       unrealistisch sind. Im Gegenteil: Durch den steigenden Einsatz drahtloser
       Kommunikation wird die Anfälligkeit medizinischer Implantate für Störungen
       tendenziell größer als kleiner", betont der Experte.
       
       Außerdem: Selbst wenn die Geräte nicht direkt mit dem Internet verbunden
       sind, besteht ein beachtliches Restrisiko. Nämlich dadurch, dass
       Herzschrittmacher letztlich durch die Computer der Kardiologen mit dem Netz
       verbunden sind. Auf diese Weise könnten auch herkömmliche Internetviren auf
       die Geräte übertragen werden und deren Funktionsfähigkeit beeinträchtigen,
       warnt Gaycken.
       
       ## US-Rechnungshof sieht Handlungsbedarf
       
       Auch der amerikanische Rechnungshof fand im August in einer Untersuchung
       heraus, dass implantierbare medizinische Geräte anfällig für Störungen
       sind. Die Behörde rief den US-Kongress daher zu entsprechenden
       Regulierungsmaßnahmen auf. Gaycken ist ebenfalls der Ansicht, dass
       staatliche Regulierung viel dazu beitragen kann, die Sicherheitsrisiken zu
       minimieren – beispielsweise durch die Einführung einheitlicher
       Sicherheitszertifikate.
       
       Technisch gesehen ist also eine kabellose Attacke durchaus möglich. Und
       trotz vermeintlicher Entwarnung aus Industrie und Medizin ist Jack's
       Hacker-Angriff ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie anfällig medizinische
       Implantate für Manipulationen sind.
       
       29 Oct 2012
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Jikhareva
 (DIR) Philipp Niedring
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Hacking
 (DIR) Medizintechnik
 (DIR) Hacking
       
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